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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · p. Seite 380

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 380 (sequence 17)
Language
German
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Seile 380. Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. Vor der Haustür saß Babette und jammerte laut, als sie Frau Röschens ansichtig ward: „Was trifft mich für Elend! Was habe ich von meinen Kindern, ich ärmste Frau! Lili sitzt und weint und spricht zu mir kein Sterbenswort, und Posthuma kommt nach Jahr und Tag nach Haus, solch ein schlechtes Kind, und geht wie eine Fremde an der Mutter vorbei, die sie geboren! O Gott, o Gott! Und ich habe sie doch unter meinem Herzen getragen!" Jetzt stieg der Doktorin die Galle ins Blut: „Was hast bu?!" fuhr sie auf Babette los. „Du rechnest es dir wohl gar als Verdienst, daß du Kinder geboren? Jede Kuh, jede Katze bringt ein Junges zur Welt und macht sich nicht groß in dieser Sache. Nur die ist eine Mutier, die über ihre Kinder wacht, die ihr Glück weiß zu halten und zu behüten! Und du hast still zugeschaut, wie dein bös er Mann dein eigen Blut vergiftet und gekränkt! Eine rechte Mutter hält nicht Schlaf und Rast gekannt, nicht ein Brotstück hätte ihr gemundet, wo ihrer Tochter Liebe und Ehre gefährdet war! Aber du weißt nichts, als zu heulen und zu jammern, und deine ganze Mutterschaft ist so viel wert, wie die Schale, aus der das Hühnchen gekrochen. . . . Arme Posthuma! Es war schon ein Elend, daß ihr der Himmel den Vater nahm, aber noch ein größeres Unglück, daß er ihr dich zur Muttergegeben!" Die Doktorin atmete ordentlich auf. Nun war ihr wohl, da sie sich allen Groll vom Herzen gesprochen; erleichtert stieg sie in den Wagen, um Emil und Posthuma heimzuholen. Auf der Landstraße war es ganz still. Die Sonne glitzerte über den weißen Sand und die Kiesel, daß sie aussahen, wie von Silber; das bischen Gras, das an den Seiten des Rains sproßte, stand müde und versengt; hin und wieder neigten eine halb verblühte Schafgarbe oder ein welker Hahnenfuß lebensmatt das Haupt; keine Grille zirpte, kein Vogel sang — die Natur hielt ihren Mittagsschlaf. Das ist die Zeit, da der Landmann meint, es sei nicht gut, hinauszugehen; denn die Mittagsscheuche zieht über die Felder, und wen sie grüßt mit brennendem Mund, der bringt ein böses Kopfweh nach Haus, oder noch schlimmeres Leiden in den Gliedern. . . . Emil blickte bekümmert auf das Mädchen, das mit trockenen Augen ins Leere starrte. „Postel", mahnte er so zart und schonend, wie ein guter Arzt einem kranken Kind zuspricht, „möchtest du einen Schluck Wein? Oder das Beste wäre, du sprächst dir die Sache vom Hals!" „Ja, ja", nickte Postel, „sonst ersticke ich noch daran. Onkel, glaubst du, man könne nach solcher Schmach weiter leben?" Emil erschrack. Jetzt mußte er seine Worte wägen, denn das übertriebene Ehrgefühl Posthumas war ihm nur zu bekannt. „Du bist verbittert, mein Mädchen", antwortete er sanft, „und fühlst dich mit Recht schwer gekränkt. In solcher Lage denkt und beschließt die Jugend nur allzuoft einen freiwilligen Tod. Ich will dir nicht davon sprechen, daß der Selbstmord eine Sünde wäre; denn wie du geartet bist, Trotzkopf, wirst du wohl antworten: Man sündigt auch an mir! Aber es wäre auch eine Feigheit von dir, jetzt aus der Welt zu gehen, wo dein guter Name und deine Mädchenehre deiner Selbstverteidigung bedürfen mehr denn je: all die bösen Zungen, die jetzt nur verstohlen an deinem Ruf nagen und zerren, sie werden laut ihr Gespött erheben und schonungslos herfallen über die Tote, die sich nicht wehren kann. „Es muß etwas dran sein, man stirbt nicht mit dreiunzwanzig Jahren so leicht, wenn man nicht triftige Gründe dazu hat!" O Kind, Kind! du weißt nicht, wie unedel die Menschen sein können, und wie sie über das Grab hinaus manche arme Seele noch hassen und verleumden! Und Robinsohn? Willst du, daß er glaube, du konntest seinen Verlust nicht überleben?" „Nein", sprach sie finster, „das will ich nicht." „Vielleicht", fuhr Emil zögernd fort, „wenn Röschen oder ich ihm die Größe seines Unrechts klar machten?" „Onkel, kennt Ihr mich so wenig?! Dieser Mann ist mir gleichgiltig, sein Andenken für mich ausgelöscht; es ist, als wäre er nie in mein Leben getreten. Nur siehst du, die Schande! Und das mit Lili, das verwindet sich so schwer. Emil, du warst doch immer mein bester Freund?" „Das will ich meinen!" sagte er vorwurfsvoll. „Seitdem du, ein armer, vaterloser Wurm, die Augen aufgetan, habe ich für dich gesorgt und dich geliebt, und eine bessere als du würde denken: der Mann da hat einiges Verdienst um mich. Schon ihm zu lieb bin ich's schuldig, daß ich anständigerweise am Leben bleibe." „Du bist so gut", murmelte sie und küßte seine Hand. „Sage mir doch eines: glaubst du, ich hätte jemals etwas Böses getan?" „Du und Böses!" Er lächelte verstohlen. „Nein, wild und ungeberdig kann meine Postel sein, aber böse handeln sah ich sie nie." „Oder habe ich je meine Pflichten gegen Gott verletzt?" „Meines Erachtens — mit Wissen und Willen nie." „Nun also!" rief sie in überquellendem Schmerz, „wenn ich nichts verschuldet habe, warum straft mich Gott mit solchem Leid? Ist er doch gerecht! Warum, wenn ich, wie ich weiß und fühle, gut bin, verfolgen mich von klein auf seine Strafen?" „Wen fragst du, Kind! Ich bin kein Schriftgelehrter und kein tiefer Denker, ich bin ein einfacher, nur das Nächstliegende erkennender Mensch und soll dir über die Absichten unseres Hergotts Aufschluß geben? Und womit soll ich dich befriedigen, dich, deren Geist gebildeter und grüblerischer ist als der meine? Ist das doch das Vorrecht der Jugend, daß sie sich klüger glauben darf als unsereiner." „O sprich nicht so zu mir", rief sie unmutig, du siehst ja meine Not! Glaubst du wirklich, daß es einen Gott gibt, der da lohnt und straft?" Emil stand auf. „Ich glaube an Gott, wie es meine Eltern und Voreltern getan haben; was ihren Seelen heilig war, soll es auch der meinen sein. Was vermagst du mir Besseres zu geben, als diesen Glauben? So viel künstliches Licht die Menschen auch bereiten und erfinden werden, nicht eines wird die Schönheit und Schöpfungskraft der lieben Sonne ersetzen; was auch die Philosophen an geistvollen Ideen und Lehren über Werden und Vergehen der Welt uns geben werden, der Wärme und Trostkraft unserer Religion kommt keine Wissenschaft, kein philosophisches System gleich. Denn der Mensch bedarf seines Gottes, aber Gott bedarf des Menschen nicht. Darum haben wir kein Recht, Wohlergehen für unsere Tugend zu fordern, wie es denn ja auch dem Ewigen freisteht, uns die Strafen für unsere Sünden zu erlassen; oder glaubst du, du werdest immer seiner Gnade entraten können? Undankbar bist du, mein Kind, sehr undankbar. Achtest du sie für nichts, die Lieblichkeit, mit der dich dein Schöpfer ausgestattet, und daß wo immer du hinkommst, du die Freude der Menschen bist? Also das Gute wolltest du annehmen von dem Herrn, und das Böse wolltest du nicht annehmen? . . . Was ist dir denn so Fürchterliches geschehen? Millionen Mädchen haben den Geliebten ihres Herzens verloren und es still getragen und stark." _(Fortsetzung folgt.) Verantwortlich lür den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Schalem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Schalem, Berlin C., Roßstraße 3.

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