Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 376 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 376* Jörnclitischc L9ochcnschrift. vrr. 27. Der jüdische Student und das studentische Uereinslehen. Uns wird geschrieben: Mehrmals hatte ich in Berlin Gelegenheit, das jüdischstudentische Vereinsleben in seiner jetzigen Gestalt zu beobachten. Ich halte es für mein Recht und für meine Pflicht, meine jüdischen Kommilitonen auf den einen und anderen Mißstand aufmerksam zu machen, obwohl ich keiner Verbindung angehört habe noch angehöre. Gerade als Außenstehender glaube ich ein objektives Urteil zu haben und von der Voreingenommenheit frei zu sein, von der jede Korporation für die Berechtigung ihrer Existenz und ihres ganzen Treibens mehr oder weniger erfüllt ist. ‘ Wir finden heute fast auf allen Universitäten, wo Juden in größerer Anzahl studieren, jüdische Verbindungen, die ernste und spezifisch jüdische Tendenzen in ihr Programm ausgenommen haben. Diese Abschließung der jüdischen Studentenschaft von ihren andersgläubigen Kommilitonen in eigenen selbständigen Vereinen ist ziemlich jungen Datums. Es wäre irrig, wollte man mit manchen christlichen und vielen zionistischen Studenten annehmen, daß diese Absonderung durch das Erwachen eines besonderen jüdischen Selbstbewußtseins hervorgerufen wäre. Die Ursache ist auch nicht etwa in der Besorgnis der jüdischen Studenten zu suchen, es möchte ihr Judentum in den christlichen Vereinen und im steten Verkehr mit ihnen im Lauf der Zeit gefährdet werden. Denn die meisten jüdischen Studenten standen ursprünglich dem Judentum viel zu indifferent gegenüber. Die wahre Ursache der Bildung eigener jüdischer Studentenvereine liegt wesentlich in der Ausschließung der jüdischen Studenten von den Verbindungen der christlichen Studenten. Der Antisemitismus unter den Studenten war der Ausgangspunkt für das neu erwachte Selbstbewußtsein des jüdischen Studenten. Der jüdische Student mußte sich fragen: „warum werde ich denn ausgeschlossen, da ich doch auf dem studentischen Gebiet des Fechtens und Trinkens meinen christlichen Kommilitonen nicht nachstehe!" — was sie zum Teil auch in ihren jetzigen Vereinen mehr als genug beweisen. War nur sein Judentumder Grund, somußte er denJuden und das Judentum nach ihrem geschichtlichen und kulturellen Wert zu studieren anfangen, und dann konnte die Erkenntnis nicht ausbleiben, daß sein oberflächliches Wissen vom Judentum, das er auf der Schule erworben hatte, durchaus ungenügend war. Mit der Erkenntnis von dem Wert seines Volkes wuchs zugleich sein Selbstbewußtsein, und er fühlte sich gleichberechtigt und gleichwertig — und in dieser Gesinnung gründete er eigene Vereine. Die meisten dieser Vereine haben wenig spezifisch Jüdisches; im großen und ganzen sind sie bestrebt, es den christlichen Verbindungen gleichzutun. Man kann selbstverständlich von den jüdischen Studenten, die zur Bildung eigener Vereine genötigt worden sind, nicht verlangen, sie sollten ihr Vereinsleben in jeder Beziehung neu gestalten und das Verbindungswesen vollständig umformen. Doch glaube ich, daß man von den jüdischen Studenten zu erwarten berechtigt ist, daß sie die allgemein bekannten, unter den anderen Korporationen eingebürgerten Nebel von ihren neuen Vereinen fernhalten und ihre Nachahmungslust auf das Nachahmenswerte beschränken würden. Es ist unstreitig, daß das Kneipen, der übermäßige Biergenuß, nicht gerade heilbringend ist. Dagegen vermisse ich schmerzlich den eigentlichen studentischen Humor. Freilich läßt sich eine allgemeine Norm, wie hier nachzuhelfen wäre, nicht geben. Der jüdische Student, dem sein Judentum am Herzen liegt, soll sich zwar nicht einem leichtfertigen Studentenleben hingeben, da ihm die schwere Aufgabe obliegt, an der Besserung der Lage seiner Glaubensgenossen zu arbeiten. Er soll mit seinem Studium Ernst machen; doch soll der jüdische Student zugleich dem Spruch Salomos folgen: „Alles hat seine Zeit"; es ist eine Zeit ernst zu sein und eine Zeit fröhlich zu sein. Wenn er sein Verbindungswesen und seine Studienzeit in diesem Sinn ordnet, wird er auch mit Stolz in seinem späteren Beruf und im reiferen Alter auf seine Studienzeit zurückblicken können. Salkinowitz, cand. phil. Die Politik. (Der gerechte Staat.) Wie aus dem neuesten Personalverzeichnis der Universität Berlin hervorgeht, hat Prof. Albert Fraenkel, der Direktor der inneren Abteilung des städtischen Krankenhauses am Urban, seine Dozentur an der Universität niedergelegt. Professor Fraenkel ist seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Privatdozent an der Universität. Er unterrichtete zuerst in der damaligen zweiten medizinischen Klinik, bei der er unter Traube und später unter Leyden Assistent war, und seit 1889, seit der Eröffnung des städtischen Krankenhauses am Urban an diesem. Noch während seiner Tätigkeit an der zweiten medizinischen Klinik erhielt Fränkel den Titel als Professor. Eine außerordentliche Professur an der Universität blieb Fraenkel aber versagt, trotz der allgemeinen Anerkennung, die seinen wissenschaftlichen Leistungen bei uns und im Ausland zuteil geworden ist. Wesentliche Fortschritte der inneren Medizin, insbesondere solche auf dem Gebiet der Lungenkrankheiten sind mit seinem Namen verknüpft. Sein neuestes Werk, der erste Band eines umfassenden Handbuchs der Lehre von den Lungenkrankheiten, nimmt unter den einschlägigen Werken mit den ersten Rang ein. Man kann es verstehen, daß Fraenkel angesichts der Tatsache, daß die Unterrichtsverwaltung ihm die Anerkennung seiner Leistungen durchaus versagt, auf die Lehrtätigkeit an der Universität verzichtet. Das b ingt für den medizinischen Universitätsunterricht in Berlin den besonderen Schaden, daß eine so große Krankenhausabteilung, wie die am Urban, für die Unterweisung der Studierenden ausfällt. Es ist in nicht allzu langer Zeit der zweite Fall, daß ein Berliner Universitätsdozent auf die venia legendi verzichtet, weil ihm die Beförderung zum außerordentlichen Professor versagt wird. Der erste Fall war der des Nervenarzt Professor Hermann Oppenheim, der vor zwei Jahren aus der medizinischen Fakultät ausschied, weil er sich gleichfalls von der Unterrichtsverwaltung zurückgesetzt glaubte. Professor Oppenheim war von der Fakultät einstimmig für die außerordentliche Professur vorgeschlagen worden. Da die Bestätigung dieses Vorschlags seitens des Ministeriums nicht erfolgte, so legte Oppenheim sein Lehramt nieder. Ob Professor Fraenkel bereits einmal von der Fakultät vorgeschlagen worden ist, wissen wir nicht. — Die genannten beiden Gelehrten sind Juden und weisen die Unsittlichkeit eines Bekenntniswechsels zur Erlangung äußerer Vorteile von sich. * * * (Trauriges Geschick.) Die „Kreuzzeitung" veröffentlicht folgenden Nekrolog: „Vor einigen Tagen starb der bekannte Pariser Advokat Clöry, dessen größter Rednertriumph vielleicht darin bestand, daß er — vor wenigen Wochen — die Begnadigung des berühmten Araberchefs Mokrani durchsetzte. Dieser war nach der Eroberung