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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · p. Seite 375

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 375 (sequence 12)
Language
German
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1h. 27 JsrnclUische Wochrlischrtfl. Seite 2-76 begann die egyptische Regierung die Fremdlinge zu beobachten und zu bedrücken. Da brachen unter Merneptah, dem Sohn und Nachfolger Ramses II., von allen Seiten Gefahren herein, welche das egyptische Reich an den Rand des Verderbens brachten. Im Süden empörten sich nubtsche Völkerschaften, an der Westgrenze des Deltas erschien eine Koalition libyscher Stämme im Bunde mit abenteuerlichen Scharen von Seevölkern, und wohl gleichzeitig brach in Syrien und Palästina ein großer Aufstand aus. Die hebräischen Stämme (Chabiri), welche schon im 14. Jahrhundert zur Zeit Amenophis IV. (Echnaton) die palästinensischen Vasallen Egyptens gefährdet hatten, bis Sethos I., der Vater Ramses II., sie wieder zur Ruhe brachte, benutzten die günstige Gelegenheit, um sich abermals im Bunde mit anderen aufständigen syrischen Vasallen gegen ven Pharao zu erheben. Zu diesen hebräischen Stämmen, welche von Merneptah später besiegt wurden, gehörte auch der Stamm Israel, der möglicherweise mit den damals noch im Delta befindlichen Gosenstämmen Fühlung hatte. Mag die letztere Vermutung richtig sein oder nicht, jedenfalls benutzten die durch die harte Bedrückung erbitterten Gosenstämme die Notlage des egyptischen Staates, um freien Abzug zu verlangen. Merneptah mußte sich angesichts der auf allen Seiten drohenden Gefahren sowie auch aus anderen politischen Erwägungen fügen. Die Gosenstämme aber kehrten in ihr altes Stammland zurück und nahmen an den Kämpfen teil, welche Syrien und Palästina schließlich (u. 1100 v. Ehr.) von der egyptischen Oberhoheit befreiten." So lautet die biblische Geschichte vom Aufenthalt Israels in Egypten, wenn sie ins Wiffenschaftliche übersetzt wird. Ich bewundere die Gelehrsamkeit. Ich bewundere die Kunst des Fabulierens. Ich bewundere ganz besonders, wie die Gelehrsamkeit es fertig bringt, durch wildes Fabulieren das Verständliche in Unklarheit zu verkehren. Das Einfache muß doch ganz abscheulich sein! * * * Zum Abschied noch eine allgemeine Bemerkung an die Adresse der Bibelkritiker: Die wissenschaftliche Forschung, auch die bibelkritische, soll voraussetzungslos sein. Was sie ergründet und feststellt, das ist ihr heilig, und die Gebiete, auf die sie ihren Spürsinn richten mag, darf sie allein bestimmen. Ihr ist jeder Zweifel gestattet, damit sie zur Wahrheit gelangen könne. Ihr Zweifel hat das Recht, zur Verwerfung zu führen. Doch wenn sie mit der Verwerfung beginnt, hat sie schon ihr eigenes Wesen verleugnet, und sie wird freiwillig blind. Sie verliert die Fähigkeit, das Bestätigende zu erkennen, wenn sie nur in der Richtung nach einem vorgefaßten Ziel sucht und einen Gewinn einzig in der vermeintlichen Feststellung des von der Ueberlieferung Abweichenden erblickt, wenn sie die bloße Möglichkeit, es habe sich etwas in anderer Art zugetragen, als die Bibel es erzählt, schon für die Gewißheit nimmt, es sei anders gewesen. Wäre solche unwissenschaftliche Voreingenommenheit nicht vorhanden, so hätte die Bibelkritik sich wohl gedeihlicher gestaltet. Sie hätte z. B. ein Auge dafür haben sollen, daß nach aller menschlichen Berechnung und nach aller menschlichen Kenntnis vom menschlichen Wesen ein späterer Verfasser der Bücher Moses von Mose ganz anders gesprochen hätte, als die vorhandenen Aufzeichnungen tun. Wer nach Mose von Mose schrieb, um sein Lebenswerk als ein Gotteswerk hinzustellen, der hätte es nicht über sich gebracht, kein Wort zu Moses Preis zu sagen, der hätte sich nicht begnügt, von ihm zu schreiben: „In Israel gab es keinen Propheten wieder, wie Mose war" (Deut. 34, 10). Und selbst diese Anerkennung wird im Pentateuch erst dem toten Mose gezollt! M. A. Klausner. Spvechsclcrl'. Ein Kurbospiia! in Salzbrunn. Stettin, den 24. Juni 1904. Zu den vielen wichtigen und segensreichen Errungenschaften der letzten Jahre gehört unstreitig auch die Einschränkung der Wanderbettclei. In den meisten und besonders in großen Gemeinden besteht eine Zentralarmenkasse, zu der alle Vereine sowie Mitglieder der Gemeinde steuern, und aus der durchreisende Arme je nach Würdigkeit rmd Bedürftigkeit unterstützt werden. Ein großer Segen ist es auch, daß in den meisten Badeplätzen für Arme, der Heilung Bedürftige Vorsorge getroffen ist, indem ihnen kostenlose Aufnahme in den bestehenden Kuranstalten, soweit die Mittel und der Raum cs gestatten, gewährt wird. In der vordersten Reihe dieser Wohltätigkeitsanstalten steht das jüdische Kurhospital in Kolberg, ein prächtiger Bau, mit den besten Einrichtungen der Neuzeit versehen, auch mit einer herrlichen Synagoge ausgestattet, in der jeden Morgen und Abend Gottesdienst abgehalten wird. Herr Rabbiner Dr. Goldschmid hat es verstanden, eine große Zahl reicher und hochherziger Männer zu interessieren, die Mittel für dieses Haus herzugeben, das jeden Sommer mehrere hundert Pfleglinge aufninunt. Die Ordnung, die unter der Leitung des Herrn Dr. Goldschmid herrscht, ist mustergiltig. Wenn nun die Kuranstalten an anderen Badeorten, im Vergleich zu dem Kurhospital in Kolberg, nur für eine geringere Anzahl Bedürftiger sorgen können, so ist immerhin viel erreicht, wenn auch nur eine beschränkte Anzahl armer Kranker urrerrtgeltliche Aufnahme findet. Zu meiner Verwunderung habe ich in Bad Salzbrunn, wo ich im vergangenen Sommer mehrere Wochen weilte, eine solche Kuranstalt für Arme vermißt. Es berührt sehr peinlich, wenn jeden Tag für die dort weilenden armen Kranken die Mildtätigkeit der begüterten Kurgäste in Anspruch genommen werden muß. In Gemeinschaft mit dem Rabbiner Herrn Doktor Nordheimer in Schwetz, der ebenfalls in Salzbrunn vorigen Sommer zur Erholung war, hat Schreiber dieser Zeilen den Entschluß gefaßt, den Gedanken anzuregen, auch in Salzbrunn eine Heimstätte für -bedürftige Badegäste zu begründen. „Aller Anfang ist schwer", lautet das alte Sprichwort, aber auch nur der Anfang ist schwer, ist er erst gemacht, so wächst das Werk gar schnell zur Freude derer, die es geschaffen und die es fördern. Breslau ist der Platz, von wo das Werk ins Leben gerufen werden muß, und wenn Männer, wie der bekannte Wohltäter Herr Theodor Oschinski, unterstützt von den Herren Rabbinen Dr. Gutmann und Dr. Rosenthal, sowie andere hochherzige Männer sich für das edle Werk echter 'Menschenliebe interessieren, dann wird es mit Gottes Hilfe auch gelingen. Mögen diese Zeilen dazu dienen, schon in diesem Jahr den Anfang zu machen. _ . Sarasohn.

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