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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · p. Seite 374

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 374 (sequence 6)
Language
German
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Seite 374. Israelitische Wo che» sch r ist. Vii. 27 „Rationalistische Erklärer des Durchzugs durch das Schilfmeer sollten vor allem erwägen, wie bedenklich die Annahme ist, daß das egyptische Heer einer Katastrophe zum Opfer fiel, welche eine völlige Unkenntnis der eigenen Landesverhältnisse voraussetzt, noch dazu an einer Stelle, welche die uralte Heerstraße der egyptischen Armeen war." War der Pharao, wie oben dargetan, ein fremder Eroberer, so war er eben der Landesverhältnisse unkundig und wußte von der „uralten Heerstraße der egyptischen Armeen" so wenig wie von Joseph! Diese Betrachtung, die aus dem biblischen Bericht sich aufzwingt, macht hinfällig, was Spiegelberg als Vermutung aufstellt: „Wer durchaus eine historische Erklärung dieses Sagenmotivs haben will, der mag annehmen, daß einmal hier am Schilfmeer ein Heer seinen Untergang fand und die Erinnerung an ein solches Ereignis auf die Ausgestaltung der israelitischen Sage einwirkte. Vielleicht aber ist die ganze Erzählung von der Verfolgung durch den Pharao nichts weiter als die Erinnerung daran, daß die Gosenstämme nach ihrem Auszug aus Egypten gegen den Pharao kämpften, dessen Joch sie im Bunde mit den Kanaanäern abschüttelten." Die obigen Ausführungen behalten auch Geltung, wenn man annimmt, daß die Einwanderung Israels in Egypten unter der Hyksosherrschaft stattfand und ihr Auszug in die Zeit nach dem Sturz der Hyksosherrschaft fiel, da die Egypter der Selbstregierung entwöhnt und des eigenen Landes unkundig geworden waren. Doch das bemerke ich nur nebenbei, weil ich Herrn Spiegelberg nicht auf das Gebiet der Konjekturen folgen will. Hier sollte blos gezeigt werden, daß es weit wahrscheinlichere Konjekturen giebt, als die Spiegelberg aufstellt. Konjektur, ganz willkürliche Konjektur ist es, wenn Spiegelberg einen palästinensischen Jsraelstamm supponirt, der mit den verwandten hebräischen Gosenstämmen gemeinsame Sache zur Bekämpfung und Abschüttelung der egyptischen Herrschaft macht. Anzuerkennen ist die Ehrlichkeit, mit der Spiegelberg sich ausdrückt. „Im Vergleich zu den Palästinastämmen," meint er, „sind die Gosenstämme stets von geringerer Bedeutung gewesen, sie werden auch in der Blütezeit nur ein unbedeutender Haufen gewesen sein. Der Weidedistrikt Gosen konnte kein großes Volk ernähren, und gewiß ist immer die überschüssige Volkskraft wieder in das Mutterland Palästina zurückgeströmt." Hier wird wenigstens mit Offenheit die blanke, nur auf Phantasien gestützte Vermutung als geschichtliche Wahrheit feilgeboten. Aber Spiegelberg hat ein kurzes Gedächtnis. Drittehalb Seiten, nachdem er, wie hier angeführt, als „gewiß" hingestellt hat, daß die überschüssige Volkskraft der hebräischen Gosenstämme aus dem Delta „immer wieder in das Mutterland Palästina zurückgeströmt" ist, erzählt er, daß ein unbemerktes Passieren der Sperrforts auf der Landenge von Suez „undenkbar" war, und erinnert an die Schwierigkeiten, unter denen in einer früheren Zeit (u. 2000 v. Ehr.) „ein einzelner landflüchtiger Egypter nachtsdurch die Befestigungskette gelangt ist." Ich habe gesagt, daß der palästinensische Jsraelstanlm als ein hebräischer Stamm nur in der Phantasie Spiegelbergs existiert. Es wäre unbillig, wollte ich verschweigen, was Spiegelberg zu seiner Vermutung gebracht hat: Das ist die eingangs erwähnte Jsraelstele, die nach Spiegelberg aus dem 5. Regierungsjahr des Merneptah stammt und die Siege des Königs feiert. Spiegelberg giebt sie deutsch wie folgt wieder: „Die Fürsten sind zu Boden geworfen Und flehen um Gnade; Niemand unter den Fremdvölkern erbebt sein Haupt. Verwüstet ist Libyen, Cheta ist zur Ruhe gebracht. Der Kanaan ist gefangen mit allem Schlechten, Fortgeführt ist Askalon, Genommen ist Gezer, Jenoam ist zu nichts gemacht. Der Jsraelstamm ist verwüstet ohne Feldfrucht, Palästina ist eine Witwe für Egypten geworden; Alle Länder insgesamt sind in Frieden; Jeder, der umherschweifte, ist durch den König Merneptah . . . gezüchtigt worden." Ich kann gegen die Genauigkeit der Interpretation keinen Einspruch erheben, obwohl ich nicht verschweigen darf, daß ich ein gewisses Mißtrauen hege, da ich sehe, wie Spiegelberg den zur Analogie herangezogenen ersten Vers des Klageliedes übersetzt: „Ach wie einsam ist die Stadt, [einft] reich an Volk, Wie ist zur Witwe geworden, die groß war unter den Nationen." Spiegelberg muß hier seinen Kollegen Georg Beer wieder nicht gefragt haben, sonst hätte er gehört, daß jener Vers in deutscher Sprache lautet: „Ach, wie einsam liegt die Stadt! Die volkreiche ist wie eine Witwe geworden; Die eine Völkerbeherrscherin war, eine Völkerfürstin, Ist zinsbar geworden." Die vierte Zeile in der Spiegelbergschen Uebersetzung ist nicht der Abschluß des ersten, sondern der Anfang eines zweiten Gleichnisses. Der Irrtum ist nicht sehr schlimm, aber er zeugt nicht gerade von wissenschaftlicher Genauigkeit. Was nun die Stele betrifft, so spricht sie, nach Spiegelberg, von einem Jsraelstamm, der in Palästina oder bei Palästina gewohnt hat. Daß dieser angebliche Jsraelstamm mit dem Volk Israel oder mit einem Teil des Volkes Israel identisch wäre, dafür fehlt jeder Versuch eines Nachweises. Namen kehren wieder. Unter den Hyksoskönigen hat es einen Jakob-el gegeben, wie Spiegelberg selbst anführt; ein anderer Hyksosfürst heißt — wiederum nach Spiegelberg — „vielleicht" Simeon. Warum sollte ein palästinensischer Stammesfürst, ein Zeitgenosse Königs Merneptah, nicht den zweiten Namen Jakobs, Israel, geführt haben? Um jene Identität anzunehmen, muß man von der Voraussetzung ausgehen: Was in der Bibel steht, ist bis zum zwingenden Beweis des Gegenteils als falsch zu präsumieren, und jede willkürlichste Vermutung hat den Angaben der Bibel gegenüber größeren Anspruch darauf, für geschichtliche Wahrheit zu gelten. Spiegelberg faßt am Schluß seiner Broschüre zusammen, was er „auf Grund der egyptischen und keilinschriftlichen Urkunden" als den „geschichtlichen Hintergrund der Sagen vom Aufenthalt Israels in Egypten" betrachtet: „Unter den semitischen Stämmen, welche sich etwa im 17ten und löten vorchristlichen Jahrhundert — vielleicht im Gefolge der Hyksos — in Egypten niederließen, befanden sich die Clans, welche im Lande Gosen, einem fruchtbaren Weidedistrikt des östlichen Deltas, Aufnahme fanden. So lange in der Blütezeit des egyptischen Staates die Ostgrenze des Deltas sicher war, so lange Syrien und Palästina die egyptische Oberhoheit anerkannten, blieben die Gosenstämme im ungestörten Besitz ihres egyptischen Wohnsitzes. Als aber unter Ramses II. die Lage des Reiches ernst wurde,

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