Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 372 Israelit»,che Wochenschrift. Nr. 27 Israels in Egypten nur eine „sagenhafte Erinnerung" gewahrt haben. Es genüge, darauf hinzuweisen, daß die betreffenden Berichte durchaus alle Merkmale der Sage an sich tragen, daß wir vergeblich nach einer Zeitbestimmung, nach historisch nachweisbaren Persönlichkeiten fragen. „Wo wir z. B. in Egypten den Namen eines Königs erwarten, wird von dem König schlechthin gesprochen. Denn nichts anderes heißt ja Pharao, „das große Haus" (per-o), wie der Egypter seinen Herrscher bezeichnete, ähnlich wie der Türke seine Regierung die Hohe Pforte nennt. Erst in den alttestamentlichen Berichten über die israelitische Königszeit, die wir auch aus innern Gründen als historische anerkennen müssen, sind die Pharaonen (Schischak, Tirhaka, Necho, Hophra) mit Namen genannt". Es ist zuzugeben, daß zuweilen — keineswegs immer — die Sage nicht individualisiert. Doch unzweifelhaft ist, daß gerade die zeitgenössische Aufzeichnung nur ganz ausnahmsweise einen Königsnamen nennt. Der Name des jeweiligen Herrschers ist dem Aufzeichnenden und allen denen, an die er sich wendet, geläufig. Auch unsere Zeitungen sprechen bloß vom „Kaiser", und sie müssen eine bestimmte Hervorhebung beabsichtigen, wenn sie von „Kaiser Wilhelm II." reden. Spiegelberg selbst zitiert u. a. einen Klagebrief des Präfekten Adchiba an den Pharao. In diesem Brief ist wiederholt vom König die Rede, ohne daß sein Name genannt wird. Er zitiert ferner den Bericht eines egyptischen Beamten an seinen König, worin der Schreiber den Königsnamen gleichfalls nicht nennt, ihnvielmehr als „Pharao, die schöne Sonne aller Länder" bezeichnet. Was Spiegelberg als ein sicheres Zeichen der Sagenhaftigkeit betrachtet, darf sonach mit gleichem, wenn nicht mit besserem Recht als ein Zeichen für den zeitgenössischen Charakter des Urberichts und seiner Niederschrift angesprochen werden. Die biblischen Berichte über die israelitische Königszeit sind nicht zeitgenössische Aufzeichnungen. Hier erscheinen daher die differenzierenden Namen. (Nebenbei möchte ich darauf aufmerksam machen, daß der Türke seine Regierung nicht „hohe", sondern „erhabene" Pforte nennt, was nicht genau dasselbe ist, und daß die „Pforte", das Tor, auch die biblische Bezeichnung des Richter-, d. h. des Regierungs-Sitzes ist.) Sehr treffend sind Spiegelbergs Ausführungen darüber, daß der Mangel an egyptischen Jnschriftszeugnissen für den Auszug Israels aus Egypten nichts gegen die historische Tatsächlichkeit des Aufenthalts der Israeliten in Egypten beweist. Die „egyptische Episode" in der Geschichte Israels stellt Spiegelberg wie folgt dar: „Semitische Nomaden zogen einmal zur Zeit, da in ihren Stammsitzen eine Hungersnot herrschte, in das fruchtbare Niltal, um dort vorübergehend ihr Vieh zu werden. Einer dieser Clans, dessen Stammesgenosse wie so viele semitische und ausländische Beamte damals eine hohe Stellung im Staat einnahm, erhielt die Erlaubnis zu längerem Aufenthalt und siedelte sich in dem Distrikt Gosen im Delta an. Im Lauf der Zeit änderte sich die politische Lage Egyptens, so daß die Existenz einer semitischen Enklave gefährlich wurde. Die egyptische Regierung wußte sich dadurch zu schützen, daß sie den inzwischen stark angewachsenen Stamm unter strenge Aufsicht stellte, bis dieser schließlich unter Führung des Mose von dem Pharao die Erlaubnis zum Auszug erzwang." Ich wüßte hiergegen nichts einzuwenden. Der Bibelgläubigste würde genau dasselbe schreiben, wenn es seinem Geschmack entspräche, den biblischen Bericht in äußerster Kürzung mit modernen und abseitsliegenden Ausdrücken („Clan") aufzuputzen. Ich wüßte aber auch nicht, weshalb der gelehrte Aufwand nötig war, um zu so überschlichtem Ergebnis zu gelangen. Spiegelberg ist sicher im innersten Gemüt überzeugt, einen Beweis von Unbefangenheit und fehlender Voreingenommenheit zu geben, wenn er in irgend einem Punkt an einer Angabe der biblischen Berichte nicht zweifelt — sobald ein solcher Zweifel offenbar unsinnig wäre. Die biblische Geschichtsschreibung gilt ihm im vorhinein für tendenziös. Ihm würde die Tradition von dem Aufenthalt Israels in Gosen „natürlich verdächtig und wertlos" sein, wenn zu irgend einer Zeit daraus ein Rechtsanspruch Israels auf dieses Land hergeleitel worden wäre. Ihm ist die egyptische Erziehung Moses bloß deshalb nicht erfunden, weil solche Erfindung nicht in Einklang wäre mit dem Charakter des Alten Testaments als einer „Tendenzschrift zum Ruhm Jahves und seines auserwählten Volkes". Jene egyptische Erziehung müsse vielmehr so fest gestanden haben, „daß ihn die Tendenzschriftsteller nicht beseitigen konnten", daß „selbst eine tendenziöse Geschichtsschreibung sie nicht umgehen konnte". Das ist, wie oben schon erwähnt, nach der gewohnheitsmäßigen Stellungnahme weiter Gelehrtenkreise gegenüber der Bibel nicht eben verwunderlich. Es wäre sogar von ihrem Standpunkt aus berechtigt, wenn sie die gleiche skeptische Vorsicht überall anwendeten. Doch das ist nicht der Fall, auch bei Spiegelberg nicht. Die Wahrheitsliebe, die sick in der Bekundung von der egyptischen Erziehung Moses ausspricht, ist weit davon entfernt, bei ihm den Berichten der Bibel wenigstens soweit Kredit zu verschaffen, als nicht abweichende Berichte gegenüberstehen. Ihm ist die Bibel unter allen Umständen beweisfällig, und wo der Beweis nicht außerhalb der Bibel geliefert ist, wo nicht die Unmöglichkeit einer abweichenden Vorstellung offenbar ist, da hält er sich noch für sehr zurückhaltend, wenn er in den biblischen Erzählungen bloß ein Gemisch von Dichtung und Wahrheit erkennt. Etwas mehr Selbstkritik wäre hier wohl am Platz gewesen, und sie war nicht einmal schwer. Spiegelberg schreibt: „Daß Moscheh dem nicht seltenen egyptischen Personennamen Mose entspricht („Sohn" mit zu ergänzendem Gottesnamen, also Abkürzung eines theophoren Eigennamen wie Thutmösis, Sohn des Thot), ist sehr wahrscheinlich. Der verfehlte Versuch des Elohisten (Exod. 3, 10), den Namen hebräisch zu erklären (nt^D heißt bekanntlich „herausziehend", nicht „herausgezogen", wie der Elohist für seine Etymologie annehmen muß), erweist ihn wenigstens deutlich als nicht israelitisch." In dieser Ausführung ist ungefähr alles unrichtig. Nach Spiegelbergs eigener Angabe ist Mose kein egyptischer Personenname, sondern nur der insignisikante Zusatz eines Personennamens. Spiegelberg selbst behauptet nicht, daß die Bezeichnung Mose (Sohn) für sich allein als egyptischer Personenname je vorgekommen sei. Wohl ist es möglich — nur möglich, noch nicht wahrscheinlich — daß bei der Namengebung für den Knaben, der unter der Hut der Pharaonentochter stehen sollte, der egyptische Anklang mitbestimmend war. Daß „herausziehend" bedeutet, und nicht „herausgezogen", ist natürlich richtig. Doch bei begründenden Namengebungen hat die Etymologie zu keiner Zeit eine entscheidende Rolle gespielt. Herr Spiegelberg mag sich bei seinem alttestamentlichen Kollegen Herrn Prof. Georg Beer erkundigen, bei dem er sich nach den Angaben des Vorworts sonst Rat geholt hat — allerdings nicht oft genug. Noch ein Wort von der „Tendenz" der mosaischen Schriften. Herr Spiegelberg und seine Kollegen setzen eine solche „Tendenz" voraus, weil ihnen der Geist jener Schriften nicht aufgegangen ist. In jenen Schriften gibt es keine