Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 367 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 26 Israelitische Wochenschrift. Seite 367. front des Hauses war bei schönem Wetter der ständige Aufenthalt des Ehepaares. So auch heute: auf der grünen Bank an der Mauer saß Babette, eine Schüssel mit grünen Bohnen, an denen sie eifrig schnitzelte, im Schoß, neben ihr der Gatte, in der Lektüre des „Grüneberger Anzeigers" vertieft. Mit einemmal legte die Frau das Messer bei Seite, hielt die Hand entgegen der scharf blendenden Augustsonne und schaute verwundert einer Gestalt nach, die schneller und schneller eilend bald in einer Krümmung der Straße hinter Büschen verschwunden war. „Robert!" „Was?" fragte er, unwirsch von seiner Zeitung aufblickend. „Hast du gesehen, wer jetzt hier aus unserm Haus kam?" „Wer wird es gewesen sein, die Mariann!" „Nein, die Mariann nicht. Die Hab ich auf die Wiese geschickt nach der Bleiche. Und dann geht sich auch nicht hier dreist durch's Vorderhaus. Die Magd hat einen schweren Tritt." „Nun wer sonst? Lili ist mit ihrem Bräutigam im Garten." Sie stutzte und scheute sich offenbar, weiter zu reden. „Ach Gott, ach Gott, wenn sie sich nur nicht begegnet sind!" „Frau, was hast du nur?" Er sah über die Zeitung hinweg unwillig nach Babette, die in Fieberhaft mit dem Messer an den Bohnen hantierte. Dann sagte sie beharrlich: „Sie ist es doch gewesen. Es hat keine andere so einen Gang, so leicht und so fest". „Wer denn? Zu sieben Geiern noch einmal!" Eingeschüchtert rückte Babette etwas von ihm ab; und leise sprach sie und furchtsam: „Postel war's". „Dacht ich's doch!" rief er, wütend die Zeitung zusammenballend. „Hast du ja nichts anderes zu denken als an die! Wo soll sie denn Herkommen, deine Posthuma? Soll sie vom aus 'Tm^hMünietfullen?- Meinstdu, ich oder Lili würden Furcht vor ihr haben? Und Robinsohn ist froh, daß er zu rechter Zeit mit ihr zu Ende kam. Sie soll sich nur zeigen hier und Lilis Glück zu stören wagen!" „Wenn sie wirklich hier gewesen wäre", murmelte Babette halblaut für sich, „und sie hätte ihre Mutter nicht einmal angesprochen . . . Solch ein Kind! Ein ganz' Jahr Hab ich sie nicht gesehen!" „Nun, so lauf ihr doch nach!" schrie Herz außer sich vor Zorn,. und^Babette verstummte . . . Wenn Babette dem höhnischen Rat ihres Gatten gefolgt wäre, hätte sie keine hundert Schritt zu wagen brauchen und sie würde Posthuma eingeholt haben. Denn diese wurde auf einmal sehr müde, so elend müde und matt, daß sie sich auf den ersten, besten Meilenstein am Wege niederließ, um zu rasten. Die Mittagsonne lag brennend am Rain und auf der Straße, sie übergoß mit Gluthitze den Stein und das bleiche, fröstelnde Mädchen, das hier einsam sitzend, seinen Schmerz in sich begrub. Ja, Posthuma brauchte viel Wärme, da ein Frostschauer nach dem andern über ihren Nacken rann und sie zitternd die Zähne zusammenbiß: „Fertig werden will ich damit! Das muß vorbei sein, es muß!" Und dann schweiften ihre Gedanken zu dem Andern, dem sie ihre Liebe hatte verweigern müssen: „Ob Alfred jemals auch so Schimpfliches von mir geglaubt hätte? Nie! Nie!" antwortete ihr Herz stolz, „nie hätte^Alfred auch nur durch den Schatten eines Verdachts mein Bild entweiht! Und diesen reinen, treuen Menschen habe ich von mir gestoßen! Warum? Aus Gottesfurcht! Und nun schickt Gott mir Schmach und Weh!" Posthuma war eine rechte Rebellennatur. Noch mehr als mit den Menschen, die ihr all das Böse, was sie erfahren, zugefügt, grollte sie gegen den, der die großen Schmerzen sendet. Sich in Demut fügen, hielt sie für Heuchelei, und sie litt unmenschlich. weil ihr Glaube allzumenschlich war; sie verzweifelte an der Güte des ewigen Vaters, denn er hatte ja die Herzen der Ihren ihr entwendet; er, ohne dessen Willen kein Haar von Menschenhäuptern fällt, er hatte geduldet, daß ihr reiner Name geschändet wurde, daß Treubruch und Verrat an ihr geschah! ... Zu tief war ihr Stolz gedemütigt; die Liebe zu Robinsohn war in ihr erstorben, wie eine wurmstichige Frucht vom Baum fällt, aber die Schande, die ihr der Treulose vor denen, die treu zu ihr hielten, angetan, die, meinte sie, würde sie niemals überwinden. Denn sie fühlte nicht nur den eigenen Schmerz; auch in die Seelen Emils und Röschens hinein empfand sie die tiefe Kränkung. Wie sollte sie ihnen, wie den anderen Freunden und Bekannten, die Anteil an ihrer Heirat genommen, erklären und bekennen, warum sie einen Tag vor ihrer Hochzeit bräutigamlos nach Haus kam? „Wenn ich stürbe, brauchte ich Keinem Rede zu stehen", dachte sie. „Aber dann würde ja Jaques glauben, der Gram um ihn habe mich getötet!" . . . Sie hatte ein kleines Messer in ihrer Tasche; wenn sie den Mut fände, sich damit in das Handgelenk zu schneiden. Sie fuhr zusammen: eine Biene hatte sich auf ihren Handrücken gesetzt und sie tüchtig gestochen, das schmerzte sehr; sie schickte sich an, die Hand zu verbinden, und dabei mußte sie beinahe über sich selbst lachen: es ist also nicht so leicht, sich die Pulsadern aufzuschneiden! Im nächsten Augenblick erfaßte sie wieder volle Verzweiflung: „Du kannst nichts tun gegen dich selbst, du bist feig und schwach und mußt alles wehrlos über dich ergehen lassen — Bosheit, Spott und Verachtung. Dein Leben ist verpfuscht und verfehlt, und Gott hat dich vergessen". Ihre Zähne schlugen aneinander, ihr ganzer Körper zitterte in der heißen Augustsonne geschüttelt von eisigem Frost. Was das Eisen .nicht tötete tötetbaf__geiier — und das Feuer des Fiebers verbrannte ihr schier Kopf und HeLz. Nun, "da die Krankheit wieder ihren Leib umkrallen wollte, nun grauste ihr vor dem Tod; sie wehrte sich mit dem Rest der Kräfte ihrer Jugend dagegen: „Nein, nicht sterben, hier nicht! Aber wie weiter leben, o Gott, ohne Liebe und Ehre?" Sie sprang auf und rannte fast bewußtlos die Chaussee herauf, aber sie kam nicht weit, kaum zwanzig Schritte unter einem Apfelbaum am Wege war eine kleine Moosbank; auf dieser brach sie zusammen. Da hörte sie einen Wagen heranrollen, eine Frau beugte sich über den Schlag und schrie: „Hier! Hier liegt sie! Posthuma!" Postel erkannte Röschens Stimme, sie sah Emil aussteigen, sein gutes Gesicht umschattet von Sorge um sie, und hinter ihm Röschen, pustend vor Erregung und seufzend unter der herbeigeschleppten Deckenlast. Postel richtete sich mit Gewalt in die Höhe. „Sie sollen mich nicht schwach sehen, das täte ihnen zu weh." „Haben wir dich endlich, du Durchgängerin, Abscheuliche!" begann Röschen und faßte während alles Scheltens besorgt Postels Hand. „Das muß man dir lassen, du bist eine Patientin, die einem nicht die mindeste Mühe macht!" „Nicht doch, Tantchen, es geht mir ausgezeichnet." „Kann mir's denken, ich seh's. Einsteigen auf der Stelle!" „Postel", sprach Emil sanft, „es zwingt dich keiner, .willst du mit uns zurückfahren, oder willst du noch ein weniges hier verweilen?" „Ich kann noch nicht", murmelte Posthuma, „ein Weilchen noch! Laßt mir Zeit!" „Schön", sagte die Doktorin, „ich lasse dir noch zehn