Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 368 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 368. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26 Almuten, dich zu erholen. Du wirst nichts dagegen haben, daß dein Onkel bei dir bleibt. Und wenn ich wiederkornme, denn ich will nicht gesund nach Haus fahren, ohne daß ich der Bande da unten meine Meinung gesagt habe — dann wirst du wohl wissen, wo du hingehörst. Verstanden?" Sie stieg ein und sah noch mit Befriedigung, wie Emil einen großen Shawl um ihren Liebling hüllte, dann nickte sie beiden zu, Urban ließ die Pferde traben; auch ihm war eine Last von Herzen gefallen, als er sein Fräulein wiedersah, und er freute sich im Stillen auf das Strafgericht, das die Doktorin über die Herzens halten würde. Als Agnes an der Mühle abstieg, gönnte er ihr nicht mal einen Blick. „Ich will für Sie sorgen", sagte Frau Röschen freundlich, „wenden Sie sich an mich, wenn Sie etwas bedürfen sollten." „Ich danke Ihnen, Frau Doktorin, für ihre Güte", erwiderte Agnes, „aber ich brauche nichts mehr." Sie sprach die Wahrheit, denn sie starb nach wenigen Tagen und mit ihr das Kind, dem sie kaum noch das Leben gegeben. . . . Und das Unwetter ergoß sich fürchterlich über die Häupter der Schuldigen. Als Herz seine Schwägerin ankommen sah, die Lippen eingekniffen, unter den scharf gerunzelten Brauen die Augen funkelnd vor Grimm, versteckte er sich in die entfernteste Kammer seiner Wohnung, feige wie immer, hoffend, daß es Babetten gelingen werde, die aufgebrachte Frau aufzuhalten und zu beschwichtigen. Aber Babette war garnicht zur Stelle; die Doktorin riß einfach alle Türen auf und durchsuchte die Zimmer, bis sie das unglückselige Brautpaar im Salon entdeckte — Robinsohn, düster vor sich hinbrütend, noch an der nämlichen Stelle, da Postel ihn verlassen hatte, neben ihm, kauernd auf einem Tabouret, Lili, das Gesicht in den Händen vergraben, ganz in Tränen aufgelöst. Und nun konnte Herz bis in seinem abgelegenen Schlupfwinkel vernehmen, wie wenig CV i fr- * - i > * vii' mu vem\)U|*iJ=J\OHlUU||UllU» umsprang, „bodenlose Beschränktheit, Dummheit, von Schlechtigkeit geschürt", das war noch das Gelindeste, was der Assessor zu hören bekam. Mit Lili verfuhr sie noch schlimmer. Die Abneigung, die Röschen von je gegen das Mädchen empfunden, legte ihr die bösesten Worte in den Mund; einmal über das andere schalt sie Lili ein grundverdorbenes, mannstolles, schlechtes Ding, so daß das Mädchen laut aufweinte, und Herz, dessen Vaterliebe doch noch größer war als die Feigheit, eilends in den Salon stürmte, um seiner bedrängten Tochter beizustehen. „Was soll das heißen, Rosalie?! Du drängst dich in mein Haus und vollsührst einen Lärm. . ." Aber zitternd vor dem Blick, den ihm die Doktorin zuwarf, wandte er sich hilfeflehend an Robinsohn. „Und das läßt du dir bieten, Jaques? Dir und deiner Braut? Ich begreif' dich nicht. ..." Er kam nicht weiter, die Doktorin trat ihn in den Weg, daß an ein Entrinnen nicht mehr zu denken war. „Ah, bist du da, du schöner Mann, der du entlassene Dienstboten aufstöberst, um sie zu falschen Zeugnissen gegen ihre frühere Herrschaft aufzuhetzen?" „Wie darfst du das behaupten!" fuhr Herz auf. „Du bist Herr über noch viel feinere Kunststücke, du Schandbriefschreiber! Also in Handschuhen betreibst du dein sauberes Handwerk? Sieh mal, wie gescheit ausgedacht! Weißt du auch, daß man dich auf Grund dieses Beweisstücks" — sie hielt ihm derb ein Kuvert unter die Nase — „ins Zuchthaus bringen kann? Denn du bist dumm, du schlauer Robert, blitzdumm wie alle Hallunken sind; sonst hättest du nicht jenen famosen Brief in der Stube der Agnes geschrieben, blitzhageldumm, oder du hättest nicht eine Kuvertform benutzt, die der Papierfritze in Freystadt an keinen anderen Menschen als an dich bis jetzt verkauft hat!" „Es werden garnicht anderswo auch solche Kuverts gemacht!" rief Herz unsicher. Ihm wurde schwül, als er die gefährliche Briefhülle in den Händen Frau Röschens wiedererkannte; die Stahls mußten sehr nachdrückliche Recherchen angestellt haben, den Urheber jenes anonymen Briefes zu ermitteln, und daß sie auf der richtigen Fährte waren, darüber gab sich Herz keiner Täuschung hin. „Ueberhaupt, was kann Agnes mir nachsagen? Die Person lügt ja, wie gedruckt!" „Schweigen Sie!" schrie Robinsohn. „Vornehmlich auf das Zeugnis jenes Mädchens hin habe ich an Posthumas Schuld geglaubt." Herz schlotterten die Kniee, wenn es jetzt Robinsohn einsiel, zu Posthuma zurückzukehren? Auch Lili mochte ähnliches argwöhnen, sie warf Jaques einen schmerzlichen Blick zu und verließ das Zimmer. Herz nahm seinen letzten Mut zusammen. „Von der Briefschreiberei, die Ihr mir da in die Schuhe schieben wollt, weiß ich kein Sterbenswort, es ist alles erlogen. Glaubt Ihr, daß nicht andere Leute auch um Posthumas Liebschaft wüßten? Ich selbst habe sie mit einem Offizier gesehen; da war etwas dran!" „Ja, aber nichts Unrechtes", sprach die Doktorin fest, und Herz verächtlich den Rücken kehrend, wandte sie sich an Robinsohn: „Wie durften Sie annehmen, daß eine bekowete jüdische Frau wie ich, ein Ehrenmann wie Emil Ihnen als Gattin ein Mädchen anbieten würden, auf dessen Ehre ein Makel sei? Hätten Sie bei Emils Wirten in Paris, bei Paolo Broggi in der Rue Lepelletier, angefragt, so hätten Sie erfahren, was es mit dem Geheimnis um Postels Reise auf sich hatte." „Paris ist groß", unterbrach sie Herz höhnisch, „und für Geld kann man viel Schweigen erkaufen." .. . .. — ~ ( Brief- und Fragekasten. Herr K. ist seit dem 24. wieder in Berlin. Sie haben ihn vermißt? Wir auch. — Herrn Dr. A. B. in B. Ihr Wunsch soll erfüllt werden. Ich bin an infernalische Temperaturen so gewöhnt, daß mir das bischen glühende Kohlen auf meinem Haupt gar keine Behagensstörung verursacht. — Herrn H. in O. Es werden noch höher gestellte Personen fallen, und das recht bald, und an dem Ort, wo sie gewesen, wird man von ihnen nichts wissen. — Herrn Dr. H. in B. Versprechen macht Schulden; ich werde bald mahnen. — Herrn Dr. O. K. in B. Der Betreffende ist ein armseliger Narr, der sich einbildet, er habe eine Sache wissenschaftlich ergründet, wenn er ihr eine Formel angeheftet hat Von seinem Arzttum macht er keinen Gebrauch, was ihm zum Verdienst angerechnet werden muß. Dafür kurpfuscht er auf anderen Gebieten. — Herrn K. in B. Die Anforderungen, die an einen Leiter gestellt werden, sind zuweilen nicht unbedeutend. Der von Ihnen gewählte scheint nicht auf der Höhe zu sein. Vielleicht finden Sie bald einen besseren. Es soll mich freuen, davon zu hören. Besten Gruß. — Herrn L. N. in P. Ich vermisse Ihre Nachrichten. Schönen Gruß. — Eh. M. in L. Warum so schweigsam? Ihre Nachrichten wären mir erwünscht. Verantwortlich lür den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Schalem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Schalem, Berlin 6., Roßstraße 3.