Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 366 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 366 Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. So, Postel Stahl, nun weißt du's, daß du dein Glück verloren hast, und wer dich darum betrog. Jetzt tat Lili einen gellenden Schrei — sie hatte im Spiegel die Portiere sich bewegen gesehen und die dahinter stehende Gestalt bemerkt. Im ersten Schrecken, durch das eigene, böse Gewissen beschwert, glaubte das abergläubische Mädchen wirklich einen Geist zu erblicken. Sie klammerte sich angstvoll an Robinsohns Arm und streckte die erhobene Rechte abwehrend der immer näher schreitenden furchtbaren Erscheinung entgegegen. Denn wahrhaft furchtbar war Posthuma anzuschauen: das Antlitz leichenblaß, in den Augen und um den Mund einen unheilverkündenden Zug, den Blick eines Menschen, der bereit ist, seine Feinde zu töten. Robinsohn war aufgesprungen, brennende Schamröte im Antlitz, als er Postel erkannte, und so sehr er sich dagegen stemmte und wehrte, in seinem Innern sprach bei Posthumas Anblick eine untrügliche Stimme: Diese ist unschuldig, und du — du hast sie veriaten! „Geh hinaus!" herrschte sie Lili an. „Sie bleibt!" erklärte Robinsohn heftig. „Hinaus sag ich!" Das Kommando Postels sauste daher wie ein Peitschenhieb. Lili, die die Wutausbrüche ihrer Schwester noch von der Kinderzeit her in Erinnerung hatte, begriff, daß ein Zögern ihr das Leben kosten konnte; sie spürte schon die kleinen, kräftigen Hände der Rasenden an ihrem Hals: Posthuma hätte sie vor den Augen des vor Schreck gelähmten Mannes erbarmungslos erwürgt. Zitternd wie ein der Katze entronnener Vogel floh sie hinaus Vom Nebenzimmer hörte man ihr lautes Weinen. Die Beiden, die einander haßerfüllt Auge in Auge gegenüberstanden, achteten dessen nicht. Robinsohn fühlte, wie klein er vor diesem Mädchen wurde, das schaurig schön wie eine Medusa vor ihm stand. Sie muß schuldig sein, sie muß, schrie es in ihm, oder du selbst bist ein treuloser Schuft — und alle Kraft zusammenraffend begann er zuerst den Kampf: 'jMer gibt Ihnen das Recht, so mit meiner Braut zu verfahren?" „Wer gibt dir das Recht, Lili deine Braut zu nennen?!" Es geschah das erstemal, daß sie ihn mit du ansprach. Wie er sie haßte, daß sie ihm das antat in dieser schrecklichen Stunde. „Sie bedienen sich da einer Vertraulichkeit, auf die ich keinen Anspruch mehr erhebe", rief er schneidend, „denn, mein Fräulein, so hoch ich wohl ehedem Ihre Neigung geschätzt, mich gelüstet durchaus nicht, das zu nehmen, was ein noch so vornehmer Herr mir übrig ließ." „Du versuchst, mich zu beschimpfen", gab Posthuma kalt zurück. „Sprich deutlicher, damit ich dich verstehe!" „Ach, das gnädige Fräulein verstehen nicht — und mit einer Gebärde höchster Wut, die jedes furchtsamere Weib als Posthuma zu Tode erschreckt hätte, ihr näher tretend, fragte er brüsk: „Sie haben natürlich den Grafen Leuchtenburg nie gekannt?" „Natürlich habe ich ihn gekannt. Noch haben Sie nicht das Recht, mein Herz zur Rechenschaft zu ziehen, aber ich will es Ihnen — nicht bekennen, berichten will ich es: Ich habe Alfred Leuchtenburg geliebt, ehe ich mich Ihnen verlobt habe, und der Graf liebte mich wieder", schloß sie bitter, „mehr als Sie." „Das glaube ich gern, meine Gnädige, und die Folgen dieser Liebe zu verbergen, war sie dringend geboten, diese eilige und beinahe ein Jahr währende Reise nach Paris." Posthuma sah ihn verständnislos an: Sie hatte an dem Ton eisiger Verachtung, mit dem Robinsohn zu ihr sprach, wohl gemerkt, daß er ihr da eine unerhörte Beleidigung zufüge, aber sie wußte durchaus nicht, wie sie seine Worte auffassen und sich deuten sollte. „Mein Kompliment, mein Fräulein! Ich sehe. Sie sind eine ebenso gute Schauspielerin wie Sängerin, Sie mimen die gekränkte Unschuld tadellos. Leider muß ich diese Taubenmiene recht abgeschmackt finden" — seine Augen funkelten in die ihren um so haßerfüllter, je ruhiger und reiner ihr Blick ward. „Ich bin in der unglücklichen Lage, Ihnen schwarz auf weiß zu beweisen, daß selbst in diesem kleinstädtischen Winkel die Kunde von Ihrer Schande drang. Da — verteidigen Sie sich, wenn Sie können!" Er war niedrig genug, jenes anonyme Schmutzschreiben in ihre Hände zu legen. Im nächsten Augenblick hätte er sich gern dafür geohrfeigt. Robinsohn war bis zu dem unglücklichen Tag, da er sich von Herz verhetzen und — fangen ließ, immer ein Gentleman gewesen; er hatte nie einen Flecken auf der eigenen Ehre geduldet, aber er hatte auch die Ehre seiner Mitmenschen geachtet und geschont. Und ohne näher zu prüfen, einem unbekannten Wicht trauend, hatte er plötzlich den Ruf jenes Wesens zerstört, das selbst jetzt, wo er es zu hassen meinte, seine ganze Seele ausfüllte und ihn durch jene Würde und Schönheit mehr berückte als je. Was war Lili gegen Posthuma? Ein verdorbenes Kind, das ihm mit seiner liebeshungrigen Zärtlichkeit schon lästig war.... Auf welche Zeugen hin hatte er an den Treubruch Postels geglaubt? Ein Mensch, von dem er wußte, daß er Posthuma seit ihrer frühesten Jugend haßte und verfolgte, eine entlassene Zofe, die selbst ein gefallenes Weib war — hatten sie verdächtigt und er, ihr Bräutigam, hatte den Beiden urteillos wie ein unmündiges Kind Gehör geschenkt. . . Wie kam das nur, sein Zorn war plötzlich verraucht . . . Niemals hatte er früher von Postel Verstecktes, Lügenhaftes gesehen; er entsann sich, sie war bis zur Unhöflichkeit zu einer Lüge zu stolz. . . Auch jetzt hatte sie die Bekanntschaft mit Leuchtenburg, ja sogar ihre einstige Liebe zu dem Grafen ehrlich eingeräumt. Und mit brennender Scham erfüllten ihn all die bösen Worte, die er ihr eben entgegengeschleudert; er wagte nicht, sie anzusehen, während sie das unselige Blatt in ihren Händen hielt. Posthuma hatte gelesen und reichte Robinsohn den Brief zurück. Sie schien ihm um einige Grade noch bleicher, noch weißer als vorher. Ohne ihn weiter im geringsten zu betrachten, sprach sie für sich hin, mit so verzweifelt wehem Ton, daß es Jaques das Herz durchschnitt: „Und diesen Mann habe ich geliebt!" „Postel!" schrie er auf, „sage ein Wort, nur ein einziges „es ist nicht wahr", und alles ist vergessen!" Langsam zog sie von der Rechten einen Reif und legte ihn vor Robinsohn auf den Tisch. . . . „Postel", schrie er auf, „so nicht! so nicht! Erbarm dich! Ich will gut machen, was ich gefehlt. . . . Besinne dich, Geliebte, geh nicht von mir, du mußt mir vergeben, ich liebe nur dich allein." Ihr Kleid hatte sie eng an sich gerafft, um jeder Berührung mit ihm auszuweichen, kalt und ruhig wandte sie sich zum Gehen. Sie stand schon in der Tür. Noch nach Jahren hörte er den festen, klingenden Ton ihrer Stimme: „Du weißt es, ich verzeihe nie!" Im Vorraum schlich gebückt und schüchtern zu Postel eine zitternde Gestalt, zwei sieberheiße Hände faßten ihre Hand, Lili hob flehend das tränenüberströmte Gesicht zu ihr auf: „Schwester höre mich, ich trage nicht allein alle Schuld!" Da streichelte Postel den. blonden Kopf: „Armes Kind, nein, dir zürne ich nicht mehr". Das Herzsche Haus hatte einen sogenannten „Durchgang" nach der Landstraße. Da draußen an der eigentlichen Vorder-