Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 361 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 26. Israelitische Wochenschrift. Seite 361. haben. Zur Orientierung liegen dem Buch zwei Landkarten bei, die der Lehrer am syrischen Waisenhaus zu Jerusalem, Herr Herrmann Schäffer, gezeichnet hat. In dem Vorwort, das schon in den Handschriften steht, ist Benjamin von Tudela mit folgenden Worten charakterisiert: „Er war ein vernünftiger und einsichtsvoller Mann, bewandert in der heiligen Schrift und vertraut mit der Gesetzeslehre. Man stellte mit ihm verschiedene Proben an, bald über diesen, bald über jenen Punkt, aber er hat sich nie widersprochen. Seine Worte blieben sich immer gleich, waren wohlgeordnet ein wie das andere Mal; denn er war ein Mann der Wahrheit". Ich glaube nicht, daß man ein größeres Lob zollen kann. Die Reise des Benjamin von Tudela führte ihn durch Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland über die Inseln nach Palästina, von dort nach Persien und Medien bis nach Indien, auf der Rückreise durch Egypten, Nordafrika, Sizilien, Italien, Deutschland, Frankreich, durch Navarra hindurch nach Kastilien. Von all diesen Ländern gibt er genauen Bericht über Religion, Handel und Wandel der Einwohner, ihr moralisches Verhalten, ihre Stellung zu den Juden und den Nachbarn. Er sammelte sichere Angaben über die Zahl der Juden, ihre Beschäftigung und den Grad ihrer Gelehrsamkeit. Was uns besonders überraschend scheint, ist die enorme Anzahl jüdischer Familien im Orient, die in geordneten Gemeinden leben. Auf Salerno, das 600 jüdische Familien zählt — und damit mehr als alle westlichen und nördlichen Städte Europas — folgen unmittelbar die Gemeinden von Theben und Konstantinopel mit je 2000 Familien. Je weiter nach Osten man kommt, desto mehr wachsen die Zahlen. An der Grenze des Perserreiches zählt Benjamin zwei Städte mit je 100000 Juden, in dem dazu gehörigen kleinen Reich 300 000. Bei den Sonnenanbetern sollen 100 000 jüdische Familien sein, bei den Feueranbetern 23000. Chaiban, Hamadan (Medien) und Samarkand zählen je 50000 Judenfamilien, Kuts in Egypten zählt 30 000, Amadia (bei Medien) 25 000, Babel und Rudbar (Persien) je 20 000, Wassiik, Alhada, Akbara, Hillah, Jspahan, Schiras und Basra je zwischen 10 000 und 17000, zwölf Städte zwischen 4000 und 8000, weitere zwölf 2000 — 3000 jüdische Familien. Es werden nicht nur die großen Gemeinden erwähnt, selbst wenn nur wenige Familien, ja wenn nur ein Jude am Ort wohnt, erzählt es Benjamin. Die Berufe dieser Juden sind ganz verschieden: Gelehrte, Aerzte, Astronomen und Lehrer; Seefahrer, Färber, Purpurweber, Glasbläser, Landleute, Gärtner sind sie, und ganze große Gemeinden sind nur Krieger. Es lohnte, eine besondere Studie über diese verschiedenen Berufe zu machen. Dem Charakter seiner Zeit folgend, hat Rabbi Benjamin die sagenhaften Geschichten, die er auf seinen Fahrten gehört, seinen Lesern mitgeteilt. In Rom, erzählt er, seien an der Kirche Santo Stefano eherne Säulen aus dem Tempel Salomonis, von denen am 9. Aw jedes Jahres Schweiß wie Wasser herabfließe. In Sorent sei eine unterirdische Quelle, wo das Erdöl, Petroleum genannt, gefunden wird, das in der Arznei Verwendung sindet. Von dort geht man eine große Strecke durch eine Höhle, vom König Romulus, dem Begründer Roms, aus Furcht vor David, Israels König, und dessen Heerführer Joab hergestellt. Seltsam ist die Kunde, die uns von den nomadisierenden Walachen übermittelt wird, „die leicht wie ein Reh vom Gebirge heruntersteigen, das Land plündernd und raubend durchziehen, während sie keiner zu bekriegen wagt. Weder König noch Fürst beherrscht sie. Sie sind keine wahren Bekenner des christlichen Glaubens, benennen ihre Kinder mit jüdischen Namen, reden die Juden als Brüder an, und treffen sie einen, so berauben sie ihn, töten ihn aber nicht, wie sie einen Griechen töten. Manche halten sie für gewesene Juden. Sie haben übrigens gar keinen Glauben". Fesselnd ist die Beschreibung von Bagdad und seinen Khalifen: Der Khalif stammt von ihrem Propheten (Muhammed) ab, ist über den Islam gesetzt und steht bei den muhammedanischen Fürsten in demselben Ansehen, wie der Papst bei den Christen. In Bagdad hat er einen Palast. In der Milte befindet sich ein großer Wald von allerlei Bäumen, sowohl fruchtbaren wie unfruchtbaren, mit allerlei Tiergattungen; in der Mitte des Waldes steht ein Bassin, gefüllt mit Wasser, welches aus dem Tigris hergeleitet wird. Will er einmal dort lustwandeln, um sich zu zerstreuen und auszuheitern, so werden ihm Vögel, Tiere und Fische gefangen; hernach begibt er sich mit seinen Ratsherren und Fürsten in sein Schloß zurück. Dieser große Abassidenfürst ist ein großer Judenfreund. Viele Juden stehen in seinen Diensten; er spricht alle Sprachen, ist bewandert in der Lehre Mosis, liest und schreibt hebräffch, ist ein Feind von Gaben und lebt ausschließlich von dem, was er durch seine Arbeit verdient. Er verfertigt nämlich Matten, die, mit seinem Namen versehen, von Fürsten auf dem Marktplatz feilgeboten und von den Vornehmsten des Reiches gekauft werden. Mit dem Erlös wird sein Haushalt bestritten. Er ist gut, redlich und fördert Jedermanns Wohl. Seinen Untertanen zeigt er sich öffentlich blos einmal im Jahre. Wenn die Pilgrimme aus fernen Landen, die nach Mekka in Jemen wallfahren, ihn zu sehen wünschen, so bleibt er auch für sie unsichtbar. Sie schreien vor dem Palafte in flehentlichem Ton und sagen: Herr, Licht der Muhammedaner, der Glanz unserer Lehre, laß dein Angesicht über uns erstrahlen! Allein er achtet darauf nicht. Gewöhnlich aber sind bei solchen Anlässen die Obern, die Diener und Leibwachen Fürsprecher beim Khalifen für sie, indem sie ehrfurchtsvoll die Bitte Vorbringen: O, Herr, würdige doch diese Leute eines Grußes, die aus so weiter Ferne kommend, als unter deiner Majestät Schutz stehende Untertanen angesehen zu werden begehren! Hierauf erhebt er sich und reicht der wartenden Menge draußen einen Zipfel seines Kleides durchs Fenster, diese erfaßt ihn und küßt ihn, worauf einer der Herren mit folgenden Worten an die Leute herantritt: Seine Majestät, das Licht der Muhammedaner, entbietet euch seinen Frieden, nahm wohlgefällig Eure Huldigung auf. Nun gehet Eures Weges in Frieden! Diese Worte, wie auch daß sie das Kleid des Königs, der im gleichen Ansehen, wie ihr Prophet bei ihnen steht, geküßt, genügt ihnen, und die Leute ziehen fröhlich ab. Der Khalif verläßt seinen Palast nur einmal im Jahr, nämlich am Feiertag, bei ihnen Rawadän genannt. An diesem Tage kommt nämlich viel Volk aus weiter Ferne, um ihn zu sehen. Da reitet er ein Maultier, legt königliche Kleider, durchwirkt mit Gold und Silber, an; seine Kopfbedeckung, eine Mütze besetzt mit Edelsteinen, ergänzt ein schwarzer Turban, um anzudeuten: Sehet, all diese Herrlichkeit, dereinst breitet der Tod über sie seine finstern Schatten! In seinem Gefolge befinden sich alle Fürsten: aus Arabien, Thogarma, Medien, Persien, Tibet und Samarkand, Fürsten, aus Reiseentfernungen von drei Monaten, alle zu Roß, festtäglich gekleidet. Nun verläßt er seinen Palast und begibt sich in die Moschee, am Botzraer Tor gelegen. Es ist der Muhammedaner größtes Bethaus. Auf dem ganzen Weg sind die Wände mit Seide und Purpur dekoriert. Männer und Frauen schreiten dem Khalifen vorher, allerlei Instrumente spielend und tanzend, und rufen laut: Friede über Dich, unser Herr, König, und Licht der Bekenner des Islams! Das Kleid an die Lippen führend winkt ihnen der Kalif mit demselben grüßend zu, und so