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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · p. Seite 360

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
Seite 360 (sequence 8)
Language
German
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Seite 360. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. kraß sind die Kontraste! Hier grundloser Neid, gehässige Mißachtung, grausame Mordlust, dort innige und wahre Liebe zum Nächsten, für die das Leben eines jeden denselben Wert hat, welchem Glauben und welchem Stand er auch immer angehören mag; hier engherziger Chauvinismus und maßlos ehrgeizige Selbstsucht, dort bescheidene Unterwürfigkeit, hier Trug und Verleumdung, dort glaubensstarke Wahrheitsliebe, hier heidnische, kulturwidrige Unduldsamkeit, dort aufrichtige Duldsamkeit! Aber auchHaman steht nicht vereinzelt da inderWeltgeschichte; er vertritt vielmehr eine ganze Menschenklasse. Solche Leute fanden sich zu allen Zeiten, die ihre augenblickliche Machtstellung zum Verderben einer kleinen, wehrlosen Menge mißbrauchten, die das Ohr ihres Herrn mit gleißnerischen Lügen-Reden betörten, den Trieb seines Herzens zum Falschen und Ungerechten verdrehten; die dann auch - und gerade das ist wieder ein besonders deutliches Charakteristikum für die Aehnlichkeit der damaligen und heutigen Zeitverhältnisse — für die oft genug verleumderisch ersonnene Schuld eines einzelnen eine ganze Namensgemeinschaft, eine ganze Nation wollten büßen lassen. Oder heißt es nicht noch heute in der kultivierten Zeit, in der Zeit, die sich vorgeschritten und human nennt, wenn sich ein einzelner Bekenner des mosaischen Glaubens gegen das Gesetz vergangen hat: „Bestraft die Juden! Schlagt die Juden tot!" Wird nicht so oft der frevelnde Christ bestraft, weil er ein Verbrecher, der frevelnde Jude aber, weil er ein Jude ist? Ja, wir fühlen, daß von jener Zeit, in der die Handlung des Buches „Esther" spielt, noch mancher kulturfeindliche Rest zurückgeblieben ist, wir fühlen heute deutlicher als je, was unsere Vorfahren haben leiden müffen, denen die Gleichstellung mit anderen Gemeinschaften noch nicht einmal auf dem Papier zuerkannt war. Aber auch das erhebend schöne Bewußtsein können wir von der Lektüre des Büches „Esther" mitnehmen, daß der Nationl- Charakter des jüdisches Volkes Jahrhunderte hindurch derselbe geblieben ist, daß sich an den Grundzügen nichts geändert hat. Mag uns daher auch das Bild von Könitz noch immer vor Augen schweben, mag bei der Erinnerung an Kischinew unser Herz immer wieder von Entsetzens-Schreien und Barmherzigkeits-Rufen widerhallen, mag das Leid unsrer östlichen Mitbrüder bis in die allerneuste Zeit hinein uns die Mitleidsträne in das Auge treiben und den Arm zur Tatkraft stählen: unsre Gottes- und Menschenliebe wird nicht an Nachhaltigkeit und Dauer verlieren. Aber mit hocherhobenem Haupt wollen wir dastehen, wenn wiederum die Liebe über den Haß gesiegt hat, wenn jenen Leuten die Schamröte ins Gesicht steigt, die uns unterdrückten, peinigten, und grundlosen Spott mit unsrem Glauben und unsrem Namen trieben. Und der frohen Zuversicht leben wir: Wie einst Ahasveros Vasthi, die „Prächtige", verstieß, um Esther, die „Myrthe", zu krönen, so wird Gott auch einst dem machtvollsten Volk die Krone entreißen und mit ihr das bescheidene Haupt des kleinen Volkes Israel zieren, wofern nur der Grundgedanke des Buches „Esther" noch Bestand hat, der gleichbedeutend ist mit dem Grundgedanken unsrer Religion: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Kurt Singer. Die RkisedkschrtibMgell des Rabbi iifnimniu unu Tadels. Vor einiger Zeit ist eine Uebersetzung der Reisebeschreibungen des Rabbi Benjamin von Tudela veröffentlicht worden, die auf drei neugefundenen Handschriften basiert. Die Verfasser, Dr. L. Grünhut aus Jerusalem und Markus Adler in London, haben sich in dankenswerter Weise bemüht, aus den schon vorhandenen Drucken — der älteste ist von 1543, in Konstantinopel erschienen, der letzte 1840 in London — und den eben erwähnten Handschriften einen kritischen Text herzustellen, der aber noch nicht vorliegt. Erschienen ist erst der zweite Teil*) der die Einleitung, die Uebersetzung und ein Register enthält. Die wertvollste der Handschriften, die jetzt zu Rate gezogen wurde, ist die des britischen Museums in London. Sie ist kaum 50 Jahre nach dem Tode des Autors geschrieben. Das Wiener Manuskript, im Besitz von Herrn Epstein, trägt das Datum des 9. November 1323. Die dritte neue Quelle, in Rom, ist etwas später anzusetzen. Herr Dr. Grünhut, der die Einleitung zu der Uebersetzung verfaßt hat, beweist an der Hand der Angaben des berühmten Reisenden, daß die Zeit der großen Reise in die Jahre 1165 bis 1173 fiel. Dr. Grünhut hat gegen die Berechnung von Grätz seine Angaben zu verfechten; er tut es mit aller Ehrfurcht vor der Meisterschaft des Historikers und gewinnt durch die ruhige Darlegung seiner Ansicht die Leser. Der folgende Abschnitt gilt den Angriffen Saphirs, der Benjamins Glaubwürdigkeit angezweifelt hat, aber mit so wenig Geschick, daß er sich bei groben Fehlern ertappen läßt. Seine Einwände werden zurückgewiesen, und nicht nur an der Hand von Saphirs offenbaren Jrrtümern. Andere glaubwürdige Autoren, die Rabbi Benjamins Berichte unabhängig von ihm bestätigen, werden zitiert. Man muß zugeben, daß die Reisebücher für mittelalterliche Verhältnisse ein Wegweiser sind, eine Fundgrube für den Historiker, den Geographen, den Ethnologen und den Forscher, der ein Bild von jüdischen Zuständen im Orient haben will, aus einer sonst quellenarmen Zeit. Es ist interressant zu erfahren, welchen Zweck die Reise des Benjamin von Tudela gehabt hat. Es war die Zeit der Kreuzzüge und der Judenverfolgungen, die Zeit, da die Juden Süd- und Westeuropas den schlimmsten Martern ausgesetzt waren, als jeder Tag ihnen neue Schrecknisse brachte, die sie zwangen, nach der Möglichkeit einer Aenderung ihrer Verhältnisse Umschau zu halten. Die alte Heimat der Juden, der Orient, lockte sie, denn von Arabien, Persien und Palästina war die Kunde von einem guten und freien Leben der dortigen Glaubensbrüder zu ihnen gelangt. In Kastilien trat ein Rat zusammen, der beschloß, vor der Ausführung der Massenauswanderung einen Mann in jene Länder zu senden, der imstande wäre, sichere Nachricht von dorther nach Europa zu bringen. Rabbi Benjamin von Tudela, der Katalane, wurde bestimmt, die Forschungsreise auszuführen, der durch seine Sprachkenntnisse, seine bekannte Weisheit und Tatkraft sich dazu besonders eignete. Trotz der genauen Berichte, die er in seine Heimat brachte, ist von dem Plan nicht wieder gesprochen worden. Niemand weiß, woran er gescheitert ist. Die Beschreibung der Reise ist kein Tagebuch. Gelegentlich hat sich der Forscher Notizen gemacht, besonders über Zahlen, im Ganzen aber vertraut er seinem Gedächtnis, und das ist auch der Grund zu manchen Jrrtümern in der Reihenfolge der besuchten Städte. Allerdings können wir nicht wissen, ob nicht besondere Anlässe den Reisenden vom geraden Weg abgelenkt *) Die Reisebeschreibungen des Rabbi Benjamin von Tudela, von Dr. L. Grünhut und Markus U. Adler, II. Teil, Einleitung, Uebersetzung und Register, Jerusalem 1903. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M., Preis 2,50 M.

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