Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 359 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sir. 26 Jvraclitischc Wochenschrift. Seite 359. Kollege Emmrich macht noch den Vorschlag, zur Ergänzung des Religionsunterrichts eine Wanderbibliothek anzulegen. Alsdann referiert Kollege Kopfstein über das Thema: „Sollen die Schriften der jüdischen Neligionsphilosophie Gegenstand des Unterrichts in den obersten Klassen der höheren Schulen bilden, bezw. welche Schriften sollen gelesen werden?" Als Ergebnis der eingehenden Diskussion, in der auch auf die Schriften: Lusari, Chauwos ha-lewowos, Emmunos we-Deaus, Phaedon von Mendelssohn, Ethik von Lazarus, Wesen des Judentums von Güdemann u. a. hingewiesen wird, gelangt die von Kollegen Cohn festgestellte Resolution zur Annahme: „Die Versammlung ist übereinstimmend der Ansicht, daß es dringend notwendig erscheint, in den obersten Klassen der höheren Lehranstalten religiöse Zeitfragen mit den Schülern zu besprechen, um sie vor Jrrtümern zu behüten. Ganz besonders ist auf die Apologetik des Judentums Rücksicht zu nehmen. Insoweit hierzu Auszüge aus religionsphilosophischen Schriften geeignet erscheinen, sind solche zu verwerten. Vor allem aber müssen die Schüler eingehend mit dem Wesen des Judentums vertraut gemacht werden". Hierauf spricht Kollege Münz über die Frage: „Was soll durch den Rabbiner geschehen, um der durch das überhandnehmende Vereinswesen drohenden Abstumpfung und Zersplitterung der Kräfte innerhalb der jüdischen Gemeinden entgegenzuarbeiten?" Der Referent führt aus, daß die Tätigkeit des Rabbiners eine regulierende sein müsse und daß es seine Aufgabe sei, in der Gemeinde ein gewisses Gleichgewicht zwischen den verschiedenartigen Vereinsbestrebungen festzustellen. Rach Erledigung einiger interner Angelegenheiten und einem ausführlichen Referat des Kollegen Kaatz über die Schrift Naumanns „Briefe über Religion" folgen nunmehr zum Schluß die eingehenden Darlegungen des Kollegen Kopfstein über die neugeschaffene Gesamtorganisation der deutschen Juden und die Stellungnahme des deutschen Rabbinerverbands zu ihm. Menschen Liebe — Menscben-Isass. Modernes aus dem Buch „Esther". Um keine Schrift des hebräischen Kanons haben sich je so viele Streitigkeiten abgespielt, wie um das Buch „Esther". Abgesehen davon, daß man vielfach die Echtheit und Originalität des Merkchens anzweifelte, daß man es für eine hellenistische Streitschrift hielt, oder gar seine Handlung in die Römerzeit verlegen wollte; abgesehen von diesen rein wissenschaftlichen Kämpfen entspann sich um das harmlose Buch auch ein kirchlicher Streit, indem viele Fromme die jeder handhaften religiösen Tendenz bare Erzählung von der Errettung des Volkes Israel nicht für würdig fanden, zu den heiligen Schriften gezählt zu werden. Ein Buch, in dem der Name Gottes nicht ein einziges Mal genannt, in dem Gottes Macht und Größe nicht auch in Worten gepriesen wurde, sollte ein heiliges sein? Und doch ist von den hagiographischen Schriften des Alten Testaments keine dem jüdischen Herzen so zusprechend, keine dem Grundcharakter echten Judentums so nah verwandt, wie eben das Buch „Esther". Keine Geschichte ist je so leichtverständlich geschrieben worden, keine so schlicht und einfach erzählt, wie die Geschichte Esthers und Mordechais, keine Schrift zeichnet mit so knappen Worten so scharf und deutlich die Charakter-Eigenschaften ihrer Helden, sodaß man beinahe vermuten könnte, der Schlichtheit und leichten Verständlichkeit verdanke die Megillah ihre besondere Beliebtheit. Oder vielleicht auch schon dem bloßen Umstand, daß man ckn einem Gut, für das heiß gekämpft wurde, mehr hängt, als an Schätzen, die einem das Glück in den Schoß geworfen hat, daß man ein Kind, das schwerer Gefahr entronnen, noch mehr liebt, als wenn es stets in sichrer Hut unter wachsamen Augen gestanden hat. Ich glaube, der wahre Grund ist tiefer zu suchen. Beim Durchlesen des Buches „Esther" entrollt sich vor unsren Augen ein Bild von außerordentlicher Mannigfaltigkeit und Farben-Schönheit; ein Bild, das uns trotz seines verhältnismäßig kleinen Umfangs nicht nur die handelnden Personen in allen ihren Charakterzügen vor Augen führt, sondern uns auch einen Einblick gewährt in die traurigen Verhältnisse, in denen unsre Vorfahren so oft und so lange leben mußten. Und jenes verhängnisvolle Schicksal, das über Israel hereinzubrechen drohte, jene Mißachtung und Zurücksetzung der Juden, jene drückende Herrschaft des Hasses und der Verleumdung, jene Einschränkung des freien Denkens und Handelns, ist nicht das alles ein treues, allzu treues Bild heutiger Zeitverhältnisse; spiegelt sich nicht in unsrem modernen Leben jene Zeit allzuoft mit klarer Deutlichkeit wieder? Solche Hamans, solche falschzüngige Fürstendiener gibt es auch heute noch in Menge; aber ebensowenig fehlt es an Säulen, wie Esther und Mordechai. Esther und Mordechai sind Typen jüdischer Charaktere, und die Geschichte des Buches „Esther" ist im kleinen die Geschichte des heutigen Bürgertums in Israel, daß sie Hunderte von Jahren alt geworden ist, ohne zu altern, das ist der große Vorzug, der uns die Megillah „Esther" wert hält und lieb macht. Daß das Buch „Esther" uns nicht eine bloße Erzählung bietet, daß es uns nicht nur mit geschichtlichen Tatsachen aufwartet, die bunt beleuchtet werden, sondern daß es auch bei Befolgung seines lehrenden Zweckes sein Ziel erreicht, indem es den schönen Beweis beibringt, daß Menschenliebe immer über Menschenhaß, Tugend über Laster siegen muß,« — das wird jeder unschwer erkennen, der das Buch mit einigem Verständnis gelesen hat. Esther und Mordechai siegen über Haman. Esther, deren ideal-religiöses Fühlen, deren Mitgefühl für Not und Unglück anderer sich in scharfen Gegensatz zu ihrem rein menschlichen Empfinden setzte, zu jenem Empfinden, das im eignen „Ich" das Wichtigste erkennt, was immer man zu hüten und zu schützen hat, kämpft einen verzweifelten Pflichten- Kampf, einen Kampf des Selbsterhaltungstriebes gegen eine überirdische Macht, die sich im Herzen Platz zu schaffen sucht, und aus dem Kampf geht, mit der Palme des Sieges geziert, stolz und überlegen die uneigennützige, gottvertrauende Nächstenliebe hervor. Mordechai bewies seine Nächstenliebe nicht nur dadurch, daß er seine Verwandte Esther an Kindesstatt annahm, als ihr Vater und Mutter gestorben waren, daß er den Mordanschlag des Bythan und Teres vereitelte und so seinem Herrn das Leben rettete; sondern namentlich, indem er mit aller Kraft, die ihm zu Gebote stand, für die Errettung seiner Brüder eintrat, und indem er der Königin den Befehl gab, vor ihrem Gatten als Bittende für das Volk Israel zu erscheinen, selbst wenn ihr der Tod daraus erwachsen sollte. Und gerade in diesem felsenfesten Glauben, ein wenn auch noch so liebes Opfer müsse man freudig wagen, wo es sich um die Rettung Vieler handelt, verrät sich Mordechais grenzenlose Nächstenliebe, die dann auch im Verein mit der gleichen Tugend Esthers über Haman triumphieren durfte. Haman! In welch grellem Licht steht er zwischen Mordechai und Esther als Vertreter des Menschenhaffes; wie