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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · p. Seite 358

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
Seite 358 (sequence 6)
Language
German
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Seite 358. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. sind nämlich selbst für Einwanderungsbeschränkungen, denn sie denken ihren Zweck erreicht zu haben, wenn sie erst selber im Lande sind, und dann kann ihretwegen die Tür zufallen. Neuerdings hat sich auch der „Nationalkonvent" einer hier immer einflußreicher werdenden Einwanderungsklasse mit dieser Frage beschäftigt, nämlich der „Nationalkonvent der jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen Amerikas". Diese „Hebrew Charities" haben ein eigenes großes Gebäude an der Ecke der 2. Avenue und der 31. Straße und sind so einflußreich, daß sie sogar schon als ganz erheblicher politischer Faktor betrachtet werden können. Die Matadore des Nationalkonvents tragen fast ausnahmslos deutsche Namen, nämlich Wolf, Mack, Ginsberg, Straus, Wirth, Rosenbaum, Löwenstein, Leucht, Holländer usw., wobei besonders bemerkenswert ist, daß nur ganz wenige aus dem deutschen Reich gekommen sind, sondern fast alle aus Rußland und Oesterreich-Ungarn. Wegen ihrer deutschen Namen und des deutschen Jargons, den sie sprechen, werden sie aber von den unwissenden Aankees als „Deutsche" betrachtet. Der Hauptredner Wolf aus Washington geißelte die in Amerika auftretende Bewegung gegen jüdische Einwanderung, die aus dem bösen, reaktionären Europa an die Gestade dieser freien Republik importiert sei. Das ist schon nicht ganz logisch, denn wenn die Europäer Antisemiten sind, werden sie doch über den Abzug der Juden nach Amerika nicht weinen. Dann aber führte Herr Wolf diese Bewegung in kluger Benutzung des Umstandes, daß in allen amerikanischen Herzen kein Grundsatz so fest eingegraben ist, wie der absoluter religiöser Duldsamkeit, auf „konfessionelle Intoleranz" zurück. Daß die Juden eine besondere Nation bilden, erwähnte er garnicht. Der Jude, erklärte Herr Wolf mit denkbar stärkster Betonung, verlange hier wie jeder andere amerikanische Bürger, daß in der nationalen Politik nur nationale Fragen in Erwägung gezogen würden. In keiner Weise könnten die religiösen Ueberzeugungen Eingewanderter als politische Angelegenheiten gelten. Alles kreischte lauten Beifall, und doch stellt diese Darlegung die wahre Sachlage geradezu auf den Kopf. Die Amerikaner haben eine so hohe Achtung vor jeder religiösen Ueberzeugung, daß sie selbst Leuten, die im Namen der Religion die wahnsinnigsten und widerwärtigsten Dinge lehren, kein Haar krümmen, so lange sie bei der bloßen Theorie bleiben und sich nicht etwa zu Verbrechen fortreißen lassen. In einem Hospital zu Elgin in Illinois starb dieser Tage eine Miß Reuße; sie gehörte zu der neuen Sekte der Sonnenanbeter, die ihren Anhängern ein 41 tägiges Fasten verbunden mit allerhand Torturen durch Nadelstiche und Eingeben von Lotusöl vorschreibt. Die Miß war an diesem Kultus zu Grunde gegangen, trotzdem macht niemand Front gegen die Sonnenanbeter, weil es ja der freie Wille jedes Menschen ist, sich solchen Torturen zu unterwerfen. Und so ist es auch eine ungeheure Entstellung, die Bewegung gegen die jüdische Einwanderung auf religiöse Gründe zurückzuführen; es sind lediglich die persönlichen Eigenschaften der fast ausschließlich aus Osteuropa einwandernden Juden, die den Amerikanern nicht passen. Diese arbeitsscheuen, schmutzigen und betrügerischen Leute werden als „unerwünscht" betrachtet, weil man in ihnen Parasiten des Volkskörpers erblickt, und dazu kommt noch der Umstand, daß sie sich in so ungeheurer Zahl gerade in Newyork angesammelt haben. Diese letztere Unzuträglichkeit sah übrigens auch der Nationalkonvent der „Hebrew Charities" ein, und er hat deshalb ein „Removal Office" gegründet, das den Zweck verfolgt, die Einwanderer aus dem von Juden überfüllten Newyork fortzuschaffen und in allen Großstädten der Union jüdische Zentren zu gründen. Teilweise ist das schon mit Erfolg geschehen. So berichtet Herr Straus aus New- Orleans, daß alle dorthin dirigierten Juden gut fortkämen; erst kürzlich habe das Newyorker Bureau 300 jüdische Familien geradewegs nach New-Orleans geschickt, und von allen stehe keine einzige mehr auf der Armenliste. Aehnliche Berichte gingen aus vielen anderen Städten ein, aber trotzdem dauert die Ueberflutung der „Metropole" durch jüdischen Zuzug fort. Mit Respekt kann man übrigens die Geldsummen betrachten, die die Juden für diesen Zweck aufbringen. Selbst kleine Gemeinden zahlen 1000 Dollar pro Jahr für die Unterstützung ankommender jüdischer Einwanderer. In Newyork hat man sogar zur kostenfreien Ausbildung jüdischer Jünglinge eine eigene technische Hochschule, das „Hebrew Technical Institute" gegründet. Darin beschämen die Juden die Christen, denn einwandernde Christen erhalten hier natürlich garnichts, als höchstens gute Ratschläge, die sie selten befolgen. Charakteristisch für den osteuropäischen Charakter der amerikanischen Judenschaft ist aber, daß viele Gemeinden auf dem Nationalkonvent durch den Mund ihrer Delegierten sich nur bereit erklärten, „orthodoxe Glaubensgenossen", nicht aber Reformjuden zu unterstützen." Es macht sich sehr hübsch, daß der Kreuzzeitungs-Korrespondent über die „unwissenden Aankees" spottet, weil sie die aus Rußland und Oesterreich.Ungarn stammenden Juden um ihrer deutschen Namen und ihres deutschen Jargons willen für Deutsche ansehen. Dem klugen Herrn fällt nicht einmal die Frage ein, wie diese russischen und österreichisch-ungarischen Juden wohl zu ihrem deutschen Namen und zu ihrem deutschen Jargon gekommen sein mögen. Uttbinid der Rabbiner Oberschlefiens. Am 3. Juni fand in Zabrze die Tagung des oberschlesischen Rabbinerverbands statt. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Cohn-Kattowitz, eröffnet die Sitzung und begrüßt die fast vollzählig erschienenen Kollegen. Anwesend waren die Kollegen: Cohn-Kattowitz, Münz-Gleiwitz, Kopfstein-Beuthen, Kaatz-Zabrze, Rau-Pleß, Baeck-Oppeln, Norden-Myslowitz, Emmerich-Tarnowitz, Dienemann-Ratibor, Ellguther-Neiße, Braunschweiger- Kattowitz und Galliner-Beuthen. — Der Vorsitzende teilt mit, daß die diesseitige Kommission zur Teilnahme an der Beratung der Frage betr. Wanderprediger vom oberschlesischen Gemeindebund noch nicht einberufen sei. Ferner wird davon Kenntnis gegeben, daß das in der letzten Sitzung beschlossene Schreiben an den Zentralausschuß des allgemeinen Rabbinerverbands abgesandt wurde und daß infolgedessen der Antrag Kopfstein auf Bildung von Bezirksrabbinaten auf die Tagesordnung der am 7. Juni in Berlin stattfindenden Sitzung des Zentralausschusies gesetzt sei. Kollege Kopfstein wird zur Vertretung seines Antrages nach Berlin reisen; als Delegierter des oberschlesischen Rabbiner-Verbandes soll Kollege Münz an der Sitzung teilnehmen. Die Kollegen Norden und Emmrich erstatteten hierauf Bericht über den Entwurf eines Minimallehrplanes für jüdische Religionsschulen. Nach anregender Diskussion wird beschlossen, den vorgelegten Entwurf zu vervielfältigen und ihn jedem Kollegen zukommen zu lassen. Ebenso sollen Merktafeln für den Religionsunterricht den einzelnen Kollegen zugesandt und über das also geklärte Material in nächster Sitzung Beschluß gefaßt werden.

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