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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · p. Seite 356

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
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Seite 356. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. Es ist aber für den Menschen von scheinbar höchstem Interesse, zu wissen, was mit ihm nach seinem Tode geschehen wird; ganz anders würde er, wie er meint, sein Leben einrichten, wenn er mit dem Tode gänzlich aufhörte, ganz anders dagegen, wenn diese Welt nur eine Vorhalle zu jener ist; daher die Kraft des metaphysischen Bedürfnisses, das nach Stillung sucht. Man muß eine Antwort auf diese Frage erhalten, sei sie theoretisch noch so unhaltbar, — das praktische Bedürfnis ist taub den theoretischen Bedenken gegenüber. Und weil dieses metaphysische Bedürfnis das größte ist, wird es auch am leichtesten gestillt, denn, wenn der Dmst sehr groß ist, trinkt man jedes Wasser. Fast jedes philosophische System ist eine Zeitlang geeignet, das metaphysische Bedürfnis zu stillen. Denn zeigt sich ein philosophisches System infolge neuer Anschauungen unhaltbar, entsteht gleich darauf ein anderes. Kant beweist die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft, die drei Probleme zu lösen; seine Nachfolger geben nichtsdestoweniger eine Lösung. Aber diese neuen Systeme beherrschen nicht lange den Gedankenkreis; die Anschauungen erweitern sich, die Systeme stürzen zusammen, es müssen neue an deren Stelle treten. Nichts überwältigt daher so leicht wie das Geheimnisvolle; darum ist auch nichts so ansteckend, wie der Mystizismus. Die sich wie auf Kommando wiederholenden Geistererscheinungen, die Furcht vor Gespenstern in unserer Zeit der Spiritismus, was sind sie anders als eine Epidemie, die die Köpfe der erlösungsbedürftigen Menschen erfaßt, die sich nach Erlösung ringenden in einen Taumel stürzen, wo die Vernunft gebändigt liegt, die Phantasie zügellos ihr Spiel treibt und Halluzinationen erzeugt. Die Vernunft bedarf einer strengen Zucht, um nie zu erliegen, und gerade die Zucht und Uebung fehlt der großen Meng^ gänzlich. Nach dem Ungewöhnlichen, dem Geheimnisvollen hascht sie, wie das Kind nach verbotenen Früchten. Die Welt der Wirklichkeit und der Erfahrungen, so dürr, so alltäglich, kann nie den Zauber hervorbringen, den die Sehnsucht nach Höherm, nach Besserm und Glückseligem in das Uebernatürliche verlegt. Der Mensch will mehr vermögen, und er wirft sich dem Geheimnisvollen in die Arme, der ihm die Wirkung des Wunderbaren verheißt. Je unklarer das Band von Ursache und Wirkung, von Grund und Folge ist, desto größeres Verlangen danach wird ihn beherrschen; das ist ihm die höhere Offenbarung, die übernatürliche Welt. Der Mystizismus hat noch immer die meisten Anhänger gefunden in jeder Religion, ohne Unterschied. Es ist ein unschätzbarer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie den einheitlichen Geist beansprucht und erfaßt, daß sie ihren Erweis und ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstands und des Herzens, des Denkens und des Fühlens findet, daß sie die Phantasie nur so weit wirken läßt, wie es mit der Erkenntnis übereinstimmt. Nicht Andachtserweckung und künstliche Erregung religiöser Stimmung, sogenannter Erbauung, war und ist Zweck des jüdischen Gottesdienstes, sondern Belehrung, Verlebendigung der zugleich religiösen und sittlichen Wahrheiten, daß sie jedem einzelnen zu jeder Zeit gegenwärtig bleiben könnten. Besonnene Belehrung, Erweckung des logischen Elements, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstand ist eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühlsüberreizung, phantastische Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andächtelei ausartet, durchaus unjüdisch. Die ewigen Muster für religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstands auf das Gemüt gewirkt. Und weil dem so ist, deshalb ist auch jene Institution, die der Förderung und Vorbereitung der Kenntnis der Religion gewidmet ist, so alt wie das Judentum selbst. Unter allen religiösen Anstalten und Humanitären Institutionen, die die edlen Zwecke verfolgen, das geisüge und leibliche Wohl und Heil der Menschen zu fördern, gebührt nach der Anschauung unserer Weisen der Stätte der Lehre der erste Preis. Kanzel und Katheder überragen im Judentum seit je her alle anderen Anstalten, weil durch das Lernen und Forschen, durch die Kenntnis der Religion das Herz der Jugend wie der Erwachsenen veredelt, das Gemüt angeregt und für das Große und Erhabene empfänglich gemacht wird. Die Phantasie ist die Mutier des Aberglaubens. Sie ist es, die den Menschen in den Begriffen der Vernunft und in den Empfindungen seines Herzens keine Befriedigung finden läßt, die ihn in ein schrankenloses, übersinnliches Reich hineintreibt. Die Phantasie bevölkert den unermeßlichen Raum zwischen Mensch und Gott mit den mannigfaltigsten Wesen, Geistern und Engeln. Die Phantasie knüpft immer wieder geheime Beziehungen zwischen den Menschen und dieser Geisterwelt an und sucht sie, in wahrnehmbaren Mitteln und Operationen verwirklicht, faßbar zu zeigen. Die Phantasie nun gibt deshalb alle wichtigen Momente des menschlichen Lebens mit abergläubischen Vorstellungen und Zeremonien, teils, um günstige Erfolge zu erzielen, teils, um schädliche Einflüsse zu beseitigen. Wo daher die Phantasie in einer Religion oder in einer ihrer Phasen die Oberherrschaft erlangt, und eine fast ungezügelte Wirksamkeit übt, da gerät diese Religion in die äußersten Ab. wege. Daher tritt das Judentum dem alleinigen Walten der Phantasie von Beginn an in entschiedenster Weise entgegen. Die Religion ruft dem Israeliten immer wieder in Erinnerung: „Du hast keine Gestalt gesehen an dem Tage, da dir das ewige Wort der Lehre und des Gesetzes verkündet wurde." Im Judentum herrschte stets eine lebendige Regsamkeit; eine unaufhörliche Geistesfriktion gab dem Studium immer neue Nahrung. Und überschaut man das Ganze des Judentums und seinen Entwicklungsgang, so wiegt neben dem tiefsten innigsten Glauben eine scharfe Verstandsrichtung vor, das Judentum vor dem Einherschreiten auf den Stelzen einer Ekstase bewahrend. Da das Judentum keine Geheimnisse hatte, so war der Zutritt zum Studium von selbst jedermann geöffnet, bedurfte es nicht einer besonderen Weihe, um die heiligen Vorhöfe zu betreten. So bildet das vernunftgemäße Denken ein so starkes Element des Judentums und es ist der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genug anzuschlagen und fest genug zu halten haben. Nur die tiefe Ueberzeugung und die aus ihr fließende Gesinnungstüchtigkeit schafft eine wahre und dauernde Begeisterung für das Judentum. Die bloße Gefühlsseligkeit und das ungebundene Spiel der Phantasie führen zu allen möglichen Auswüchsen und Verirrungen des Geistes. Wische Eillßiiffe aus Die AleLM-ersuge. Neuere Untersuchungen haben es zur Gewißheit erhoben, daß dem Kreis der Alexandersagen eine einheitliche Tendenz zu Grunde liegt. Es war die Sehnsucht des Morgenlandes nach einem Erlöserkönig, es war der Gruß der alten Völker des Ostens an den Völkermessias, den sie erwarteten. Nicht zum wenigsten waren es spezifisch jüdische Vorstellungen, die zur Vervollständigung des mythologischen Bildes mitgewirkt haben.

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