Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 310 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 310 Israelitische Wochenschrift. Nr. 22 gangenen Winter hat vor einer zahlreichen Versammlung, zu der die Jüdisch-literarische Gesellschaft ihre Mitglieder eingeladen hatte, Herr Prof. Barth aus Berlin einen mit ungeteiltem Beifall aufgenommenen Vortrag „Der Monotheismus und die Ausgrabungen" gehalten. Das zweite Jahrbuch ist bereits in Vorbereitung; es wird wiederum Beiträge bedeutender Gelehrter enthalten und voraussichtlich vor Schluß des Jahres erscheinen. In Hamburg hat sich im abgelaufenen Jahr ein Lokalkomitee gebildet, an dessen Spitze Herr Oberrabbiner Hirsch steht, und das mit großem Erfolg die Propaganda in Hamburg und Altona unternommen hat. Andere Lokalkomitees sind in der Bildung begriffen; inzwischen ist aber auch, ohne daß die persönliche Propaganda bisher ausgenommen werden konnte, die Zahl der auswärtigen Mitglieder weiter gewachsen. Demgemäß lieferte auch der vom Kassierer erstattete Bericht ein im allgemeinen erfreuliches Bild guter Entwicklung. Immerhin ist die bisher geleistete Arbeit wie beide Berichterstatter betonten, erst der Anfang dessen, was der Jüdischliterarischen Gesellschaft als Ziel ihres Strebens gesetzt ist, und sie bedarf zur Lösung der umfassenden Arbeiten auch einer Steigerung der finanziellen Kräfte. Die Diskussion ergab die Zustimmung der Versammlung. Dem geschäftlichen Teil war satzungsgemäß ein wissenschaftlicher Vortrag vorausgegangen. Herr Rabbiner Dr. Bondi aus Mainz sprach über den Siddur des Gaan Saadia und berichtete auf Grund seiner Arbeiten nach dem Manuskript der Bodleiana und seinen Forschungen in den aus der Kairo-Geniza stammenden Fragmenten über den Inhalt und die Anordnung dieser ältesten uns erhaltenen Gebetordnung, sowie über das hohe Interesse, das sie nicht nur für den Erforscher der hebräischen Poesie, sondern auch für denjenigen biete, der sich mit der Halacha beschäftigt. Der Vortrag wird demnächst im Druck erscheinen; es wird dann Gelegenheit gegeben sein, seine wissenschaftlichen Ergebnisse näher zu würdigen. Hotsia, 19. Mai. (Synagogeneinweihung.) Der 11. Mai war für die hiesige Gemeinde ein langersehnter Festtag, an dem die prächtige Synagoge ihre Weihe erhielt. Die hiesige Gemeinde, ca. 70 Mitglieder stark, hat durch den Bau gezeigt, daß sie noch Liebe zu ihrem angestammten Glauben empfindet, denn sie errichtete das auch der Stadt zur Zierde gereichende Gebäude aus eigener Kraft. Es ist von dem hiesigen Architekten Klepzig im romanischen Stil erbaut und im Innern ein wahres Schmuckkästchen. Die vier Halbbogen, die unterhalb der Kuppel jede Seite abschließen, sind mit Goldmosaik versehen, Ränder und Kuppelrand mit Kasainfarben bemalt. Besondere Sorgfalt wurde dem Araun Hakaudesch gewidmet, er ist aus der Fabrik von Christ & Ouark hier hervorgegangen und wie das Gestühl aus Eichenholz gefertigt. Ein hervorragendes Denkmal der Opferfreudigkeit haben sich die jüdischen Frauen Gothas durch ihre Gabe gestiftet, die in einer prachtvollen Krone, nach Zeichnung des Baumeisters angefertigt, besteht. Wenn sie im vollen Lichterglanz erstrahlt, erleuchtet sie die Synagoge taghell. Vor der Einweihungsfeier war auf dem Vorplatz des neuen Synagogenbaus ein Zelt errichtet, in dem sich nach 11 Uhr, begrüßt von dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, die geladenen Ehrengäste einfanden. Mit Herrn Oberbürgermeister Liebetrau an der Spitze waren Vertreter des Stadtrats und der Stadtverordneten erschienen, weiter Herr Oberhofprediger Scholz, der Pfarrer der katholischen Kirche, Herr Unkraut, der Geistliche ver englischen Gemeinde, Herr Hubbard, ferner Vertreter der benachbarten auswärtigen israelitischen Gemeinden, die am Bau beteiligten Meister rc. Um 111 /2 Uhr traf Se. Exzellenz Herr Staatsminister Heutig ein, worauf der Vorsteher der hiesigen Gemeinde, Herr Kommerzienrat Goldschmidt, etwa folgende Worte sprach: „Eure Exzellenz, Herr Oberbürgermeister, hochgeehrte Herren! Gestatten Sie, daß ich Ihnen namens der israelitischen Kultusgemeinde Gotha unseren herzlichsten Dank dafür ausspreche, daß Sie durch Ihr Erscheinen zur Erhöhrmg unserer Feier beitragen. Nachdem die Räume des bisherigen Betsaales sich als klein erwiesen hatten, beschloß die Gemeinde die Errichtung dieses Gebäudes. Erbaut durch Architekt Klepzig, geweiht der Verehrung Gottes, übergeben wir dem Schutz des Staates und der Stadt dieses Halls, indem wir noch der Stadtverwaltung unseren herzlichsten Dank für die Ueberlassung dieses Platzes sagen. Möge der konfessionelle Frieden, dessen wir uns bisher erfreuten, auch weiterhin herrschen. Hrerauf antwortete Se. Exzellenz der Herr Staatsminister folgendermaßen: „Jrn Namen Seiner Durchlaucht des Regenten und der Herzoglichen Staatsregierung danke ich zuvörderst für die freundliche Einladlmg zur heutigen Feier. Jede neue Stätte, die dem Gottesdienst errichtet lvird, ist ein ragendes Zeichen für die Unvergänglichkeit des religiöseil Sinns in der menschlichen Natur, eill Denkrnal des sortlebenden Idealismus, der nicht aushört, nach dem Höchsten zu suchen und ben irdischen Menschen im tiefstenlllld innersten Zusammenhang mit dein Elvigen zu beitfcn. Solcher Sinn kann nur im Frieden der Religionsgenreinschasten untereillander gehütet rutb gepflegt werden. In unserem Lande ist uns dieser Frieden bisher beschieden gewesell; er wird, so hoffe ulld wünsche ich, auch für ferne, unabsehbare Zeit gewahrt bleiben. Indem ich im Höchsten Aufträge die Glückwünsche Seiner Durchlallcht des Regenten zur Vollelldllng ihres Werkes der kleinen, aber opferfreudigen Festgenreinde, die treu den Glauben ihrer Väter bewahrt, überbringe, schließe ich mich diesen Wünschen von Herzen an." 'Wattensen, 31. Mai (Schowuausfeier.) Zum heutigen Schowuausgottesdienst hatte die kleine Synagoge festlichen Blumenschmuck angelegt. Der Gottesdienst — streng nach altem Ritus — verlief sehr feierlich. Nach der Thoravorlesung ergriff der Lehrer der Gemeinde, Herr Apt, das Wort zur Predigt. In schön gegliederter Rede brachte er die drei Namen des Festes seman matan taurosseinu, chag hakozir und schowuaus in Beziehung zu den drei wichtigsten Lebensabschnitten, dem Greifenalter, dem Mannesalter und der Jugend. Seman matan taurosseinu, das Erinnerungsfest, ist dem Alter gewidmet, ein Tag des Rückblicks auf das ganze Leben. Chag hakozir, das Erntefest, gilt dem Mannesalter; man steht in der Mitte seiner Laufbahn, man hat in der Gegenwart zu arbeiten und dabei so viel einzuernten, daß auch etwas für die Zukunft übrig bleibt. Als das Wochenfest, schowuaus, endlich wendet sich der Tag an die Jugend, ein Wahrzeichen für das rasche Dahingleiten der Wochen, das omer; das Zählen der Tage sei eine Mahnung die Tage des Lebens zu zählen und richtig zu zählen, auf daß keiner verloren gehe. Die hiesige Gemeinde hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. In dem kleinen Städtchen von 2000 Einwohnern ist eine Gemeinde von 16 Familien immerhin schon recht stattlich zu nennen. Sehr erfreulich ist das gute Verhältnis der hiesigen Juden zu ihren christlichen Mitbürgern. So ist z. B. bei dem alljährlich stattfindenden Schützenfest seit einer Reihe von Jahren der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr I. Neuberg, stets Schützenkönig geworden. Wien, 20. Mai. (Verein für jüdische Statistik.) Nach einem Vortrag des Herrn Dr. Nossig-Berlin wurde hier