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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · p. Seite 311

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 311 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 22 Israelitische Wochenschrift. Seite 311 ein Bureau für jüdische Statistik in Oesterreich gegründet. Dem Vorstand gehören die Vertreter sämtlicher jüdischer Organisationen Wiens und aller jüdischen Parteien an. H^aris, 23. Mai. (Ein jüdischer Kabinetschef.) Präsident Loubet hat den Kommandeur des 11. Artillerieregiments, Oberst Valabregue, zum Kabinetschef des Kriegsministers Andre ernannt. Der Oberst ist 52 Jahre alt und hat bereits 1886 im Kabinet des General Boulanger einen Posten innegehabt. Er ist der erste Jude, der zu einer so wichtigen Stellung im Kriegsministerium berufen wird. Natürlich sind die Antisemiten außer sich über diese Ernennung und schreien, daß man die Armee an die Juden ausgeliefert habe. „Libre Parole" sagt: „Von heute ab ist Valabregue das wahre Oberhaupt des Heeres. Wir werden ihn bald als Kriegsminister sehen, und Dreyfus wird Chef des Generalstabs. Außerdem ist er der Cousin von General Naquet, jenes anderen Juden, der in gewissem Sinn als Großmeister der Artillerie anzusehen ist". Der Artikel schließt mit der Prophezeiung, daß demnächst alle Juden der französischen Armee in der Garnison von Paris vereint sein werden. H*aris, 22. Mai. (Generalversammlung der Alliance.) Am 15. Mai fand in dem neueingerichteten, geräumigen Bibliotheksaal der Normalschule (Ecole Normale Israelite Orientale) die Generalversammlung der Alliance statt. Der Generalsekretär Herr Jacques Bigart erstattete Bericht über die Wirksamkeit der Alliance im verflossenen Jahr. Zunächst faßte er mit kurzen Worten die Greueltaten von Kischinew und Homel zusammen und wies auf die Sammlungen hin, die von der Alliance veranstaltet wurden, um den Notständen der jüdischen Bevölkerung wirksam zu steuern. Dann kam er auf unsere Glaubensgenossen in Rumänien zu sprechen und konstatierte, daß sich ihre Lage im abgelausenen Jahr kaum verändert hat. Dementsprechend mußte die Allianz ihre Hilfsaktion fortsetzen, namentlich durch Unterstützung der Vorschußkassen, die sich als sehr wohltätig erwiesen und daher in letzter Zeit vermehrt wurden; ferner wurden in den jüdischen Volksschulen Mittags- Freitische geschaffen; auch wurden Subventionen für Heizung, Schulgelder usw. bewilligt. Die Verhältnisse der Juden in Marokko waren besonders mißlich, und die Allianc» mußte den von Räuberbanden ins Elend gestürzten Juden namentlich in Stat, Demnat, Seffrou ihre moralische und materielle Hilfe angedeihen lassen. Weiter berichtete Herr Bigart über das Schulwerk der Alliance, das jetzt 120 Elementar- und Gewerbeschulen umfaßt mit einer Gesamtzahl von 33 000 Schülern. Er betonte mit besonderem Nachdruck den segensreichen Einfluß dieser Schulen in Persien, wo die jüdische Bevölkerung auf einem niedrigen kulturellen Niveau stehe. Die bloße Anwesenheit eines Schuldirektors der Alliance bedeute dort eine Bürgschaft für die Sicherheit unserer oft bedrängten Glaubensgenossen. Sodann erstattete der Schatzmeister Bericht über Einnahmen und Ausgaben. Er beklagte es, daß die Zahl der Mitglieder der Alliance nicht zunehme, und erklärte es als erforderlich, die Propaganda wieder aufzunehmen. Herr Konsul Simon aus Hannover sprach einige Worte des Dankes an die Alliance für ihre eifrige und segensvolle Tätigkeit zu Gunsten der unglücklichen und kulturell zurückstehenden Juden und brachte in ergreifender Weise die Annerkennung zum Ausdruck, die die Gesellschaft ihrem Präsidenten Herrn Narcisse Leven schuldet; auf den Vorschlag des Redners erhob sich die ganze Versammlung zu Ehren Herrn Levens, der seit 40 Jahren hingebungsvoll für die Alliance wirkt. Dieser ergriff das Wort und dankte herzlich für die ihm dargebrachte Huldigung. Die Fortschritte der Alliance wären nicht auf ihn zurückzuführen, sondern vielmehr auf alle die Mitarbeiter, die ihm stets treu zur Seite gestanden und die heute wie vordem ihre Kraft in den Dienst der Alliance stellten. Zu ihnen gehöre in erster Reihe Herr Konsul Simon, dessen Verdienste um das Judentum nicht zu hoch veranschlagt werden könnten. Ferner gedachte der Präsident aller derjenigen, die sich der Alliance als Helfer beigesellt, besonders der bewährten Männer, die es ihr ermöglichten, die schöne Bibliothek zu gründen, in der man tage und die man an diesem Tage einweihe. Vor allen sei der verewigte I. M. Rothschild zu nennen; ihm sei es zu verdanken, daß die Alliance heute eine jüdische Büchersammlung besitze, wie keine zweite in der ganzen Welt vorhanden sei. Herr Leven betonte zum Schluß, daß die Alliance ihr Ziel noch nicht erreicht habe, und daß sie sich immer weiter ausdehnen müsse zum Besten unserer leidenden und bedrückten Glaubensbrüder und zur Ehre der gesamten Judenheit. London, 22. Mai. (Eine Deputation beim Minister des Innern.) Eine aus fünf Mitgliedern bestehende Deputation von jüdischen Notabeln ist dieser Tage beim Minister des Innern, Herrn Akers-Douglas, gewesen, um ihn auf gewisse Härten und Unzuträglichkeiten aufmerksam zu machen, die das in zweiter Lesung vom Unterhaus angenommene Einwanderungsgesetz enthält. Der Deputation gehören u. a. an: Lord Rothschild, der Kings Counsel D. L. Alexander, z. Z. Präsident des Vorstands der hiesigen jüdischen Gemeinde, und Claude Montefiore. Einen Bericht über den Verlauf der Audienz bringen wir in der nächsten Nummer. London, 22. Mai. (Jüdische Abteilung im Krankenhaus für Lungenkranke.) In der letzten Vorstandssitzung des Brompton-Hospitals für Schwindsüchtige ist auf Antrag des Rabbiners I. L. Geffen einstimmig beschlossen worden, zwei Flügel des Krankenhauses für jüdische Patienten zu reservieren, einen für Männer und einen für Frauen. Eine besondere unter Aufsicht einer jüdischen Köchin stehende koschere Küche soll für diese beiden Flügel eingerichtet werden. Da der größte Teil der Behandlung von Lungenkranken auf einer geeigneten Diät beruht, ist diese Einrichtung von der größten Wichtigkeit, weil die Mehrzahl der Patienten jetzt die ihnen vorgeschriebene Kost ohne alle religiösen Skrupel genießen können. Der Kaplan des Hospitals, Reverend Hall, ist mit großem Eifer bemüht gewesen, den Antrag des Rabbiners zu unterstützen. Lissabon, 19. Mai. (Einweihung der Synagoge.) Die in einer der vornehmsten Straßen der Stadt belegene neuerbaute Synagoge ist gestern feierlich eingeweiht und eröffnet worden. Diese Synagoge ist die erste, deren Errichtung von der Regierung genehmigt worden ist, denn es besteht ein gesetzliches Verbot gegen den Bau von Gotteshäusern für Nichtkatholiken. Auch in Spanien ist seit der ersten Vertreibung der Juden keine einzige Konzession mehr zum Bau einer Synagoge erteilt worden. Kischinew, 16. Mai. (Zum Mordprozeß.) Im Prozeß gegen die Exiendenten steht seit dem 13. d. M. die für die gegenwärtige Session des Gerichtshofes letzte Gruppe von Mordtaten zur Verhandlung, begangen an folgenden Personen: 1. Hirsch Bolgar, Kommissionär, verheiratet, Vater von sieben Kindern, 2. Aron Brachmann, Schuhmacher, verheiratet, Vater von zwei Kindern, 3. Isaak Rosenfeld, Hutmacher, verheiratet, Vater von zwei Kindern, 4. Joses Grünberg, Droschkenkutscher, ermordet auf offener Straße, während er auf dem Bock saß, verheiratet, Vater von zwei Kindern,

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