Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 307 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Israelitische Wochenschrift. Seite 307. polnisch-sozialdemokratisch-jüdische Reichstagsabgeordnete Korfanty am Abend der Stichwahl von zahlreichen Juden zu seinem Wahlsiege beglückwünscht wurde". Von den angeblich zahlreichen Juden nannte er sodann einen einzigen, den Handelsmann Grünpeter. Herr Stadtrat Wiener erwidert: „Daß der eine oder der andere unter den hiesigen jüdischen Kaufleuten, welcher mit Herrn Korfanty in Geschäftsverbindung steht, oder einer seiner ehemaligen jüdischen Schulkameraden ihm bei einer Begegnung zu seinem persönlichen Erfolge gratuliert habe, erscheint nicht auffällig. Es kann daher ohne besondere Beschämung zugegeben werden, daß der Kaufmann Grünpeter, der Wäschelieferant des Redakteurs Korfanty gewesen ist, ihm am Abend der Stichwahl im Cafe Monopol gratulierend die Hand gedrückt hat. Damit ist aber das Beweismaterial des Herrn Skowronek erschöpft. Der Blumenstrauß scheint nur in seiner üppigen Phantasie zu wurzeln, da er jetzt völlig unter den Tisch gefallen ist." Herr Wiener geht fodann des näheren auf die Kattowitzer Wahl ein: „Für die Zentrumspartei kandidierte der langjährige Abgeordnete Letocha, der in der Hauptwahl 19 993 Stimmen erhielt. Der freisinnige Kandidat Bürgermeister a. D. Schneider erhielt 3033 Stimmen. Ferner kandidierten seitens der polnischen Partei der Redakteur Korfanty und für die Sozialdemokratie der TischlerMorawsky. In der Stichwahl erhielt Amtsgerichtsrat Letocha 22 875 Stimmen. Sein Stimmenzuwachs gegenüber der Hauptwahl von 2883 Stimmen stammte wohl ausnahmslos aus dem freisinnigen Lager. Der Sieg fiel jedoch den Polen zu infolge ihres Kartells mit den Sozialdemokraten und weil die Krawalle in Laurahütte drei Tage vor der Stichwahl seltsamerweise für die polnische Kandidatur Stimmung machten. Die jüdischen Wähler stimmten in der Hauptwahl zumeist für den freisinnigen Kandidaten und in der Stichwahl, der Parteiparole entsprechend, für den Zentrumsmann, dem von den freisinnigen Stimmen nur 100—200 verloren gegangen sind. Das loyale Verhalten der Freisinnigen im Wahlkreise verdient besondere Würdigung angesichts des Umstandes, daß aus der Zentrumspartei heraus ein sehr gehässiges Flugblatt gegen die deutschfreisinnige Kandidatur verbreitet wurde. Den jüdischen Wühlern wurde sogar ihre Angehörigkeit zur freisinnigen Partei als Provokation der katholischen Bevölkerung angerechnet, die, wie verblümt angedeutet wurde, zu Massakers 5 la Kischinew Anlaß geben könnte. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß ein derartiges Flugblatt viel böses Blut machte, doch zweifelte man in urteilsfähigen Kreisen nicht daran, daß sein Inhalt nicht den Intentionen der Zentrumspartei entspreche, und schließlich wurde das Machwerk auch am Tage vor der Stichwahl von dem Wahlkreiskomitee der Zentrumspartei ausdrücklich desavouiert. Die Wahlniederlage des Herrn Amtsgerichtsrats Letocha ist von den jüdischen Wählern sehr bedauert worden, und auch die freisinnige Partei hätte, da nun einmal der 'Wahlerfolg für einen Kandidaten ihrer Parteistellung nicht erreichbar war, niemandem lieber den Wahlsieg gewünscht, als Herrn Letocha, da dieser, ein kenntnisreicher und verdienter Parlamentarier noch aus der Windthorstschen Schule her, von seinen Parteigenossen den Freisinnigen politisch noch am nächsten stand, und ferner, weil er während seiner langjährigen parlamentarischen Wirksamkeit den Ortschaften des Wahlkreises und vielen seiner Eingesessenen Gefälligkeiten erwiesen und überhaupt als ein Mann von echt humaner Gesinnung bei der Bevölkerung hoch in Ehren steht. Auch die Synagogen- Gemeinde Kattowitz hat vor Jahren von den guten Diensten des Herrn Abgeordneten Letocha in der Ministerialinstanz in ihrem Interesse Gebrauch gemacht. Es war also in der jüdischen Bevölkerung das Bedauern darüber, daß Herr Letocha Herrn Korfanty in der Stichwahl unterlegen ist, allgemein, und das Märchen von dem entgegengesetzten Verhalten der „Kattowitzer Judenschaft", welches Herr Skowronek verbreitet, hat deswegen besonders verstimmt. Ich glaube, daß, wenn die Beanstandung des Korfantyschen Mandats schließlich zu einer Neuwahl führen sollte, die jüdischen Wähler, trotz Herrn Skowronek, bei der engeren Wahl mit überwältigender Mehrheit für Herrn Letocha eintreten werden. Daß sie dies aber schon im ersten Wahlgang und in Gegnerschaft zu einer aufgestellten freisinnigen Kandidatur tun, das kann kein gerechter Mann von ihnen verlangen". Es ist sehr erfreulich, daß Herr Wiener durch seine ruhige Darstellung der Erörterung über diese Wahl ein Ende bereitet hat. Die vollständige Objektivität dieser Auseinandersetzung — die Mehrzahl derartiger Entgegnungen trägt einen weniger unparteiischen Charakter — verdient allseitige Anerkennung. * * (Das antisemitische Talent.) Wenn irgendwo in der Welt ein antisemitischer Lump in die antisemitische Verleumder- Posaune stößt, so darf man sicher sein, daß die „Kreuzzeitung" den Ton gefällig aufnimmt und ihn erbaulich weiter trägt. Sie hat dieser Tage durch nachstehende Mitteilung den gewohnten antisemitischen Künstlerdienst getan: „Mit bemerkenswerter Entschiedenheit wendet sich in einer magyarischen Flugschrift unter dem Titel „Ein Alarmrus" Tr. Peter Kiraly, ein Anhänger der liberalen Partei, gegen den aufdringlichen magyarischen Patriotismus der Juden. Er wirft darin die Frage auf, ob die Juden je ein Opfer dafür gebracht und mehr als ihre Pflicht getan hätten, und empfiehlt ihnen in dieser Beziehung etwas mehr Bescheidenheit. Das jüdische Volk mit seinem eigentümlichen Charakter, sagt er, ist wohl kaum wegen seiner patriotischen Tugenden und wegen seiner keuschen Sitten in Rumänien und Oesterreich so verhaßt geworden. Nach seinen Ausführungen haben die Juden die magyarische Hochherzigkeit mit schwärzestem Undank belohnt. Wenn sie etwas für Ungarn taten, forderten sie gleich beit Lohn. Patriotismus, Humanität, Moral seien im Munde der Juden: stets eine Lüge, das jüdische Unkraut sei zum Verderben Ungarns geworden. Alle Verhältnisse der Hauptstadt seien nach dem Geschmack der Juden umgemodelt, so daß Budapest ein wahres „Judapest" geworden sei. Tie destruktiven sozialistischen Gedanken stammten ausschließlich von Juden. Tie ganze magyarische Presse, Kunst, Literatur, Industrie und Handel seien nichts weiter als Waffen in den Händen der Juden. In der Tat ist nirgends der jüdische Einfluß so weitgreifend wie in Ungarn, wenn auch nur von der Hintertreppe aus, da von den hohen und höchsten Staatsstellungen die Juden ferngehalten werden. Allein wie dieser jüdische Einfluß wieder eingedämmt werden soll, darüber weiß auch Tr Peter Kiraly nichts zu sagen." Die Frage, ob die Juden „mehr als ihre Pflicht" getan hätten, beantwortet sich selbst, nicht blos in Bezug auf die ungarischen Juden, nicht blos in Bezug auf die Juden im Allgemeinen, sondern in Bezug auf die Menschen überhaupt. Es kann eben Niemand mehr als seine Pflicht tun. Daß die magyarische Kunst ganz in den Händen der Juden sei, hören wir zum erstenmal. Für so talentvoll haben wir unsere ungarischen Glaubensgenossen gar nicht gehalten. Daß ihnen das Talent als Verbrechen angerechnet wird, darf sie nicht ärgern. Es ist das einzige Verbrechen, dessen sich die Antisemiten niemals und nirgend schuldig machen.