Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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* Nr. 22 Israelitische Wochenschrift. Gerte 303. „Der Gemeinderat der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien suhlt sich verpflichtet, dem sehr geehrten Herrn Salomon Sulzer, Ritter des kaiserlich österreichischen Franz Josefs-Ordens, Besitzer der großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft und Oberkantor der israelitischen Kultusgemeinde zu Wien, aus Anlaß der am 30. März d. I. stattfindenden Feier seines 70. Geburtstages ein Zeichen der besonderen Anerkennung seiner Verdienste zu geben. Salomon Sulzer, mit ausgezeichneten musikalischen Anlagen begabt, ist durch seine vorzüglichen Leistungen auf dem Gebiete der Musik, welche er einem der höchsten menschlichen Zwecke, der Verherrlichung des religiösen Kultus, widmet, allgemein und besonders in der Künstlerwelt geachtet und geehrt. Seit dem Jahre 1826 bei der israelitischen Kultusgemeinde zu Wien als Oberkantor tätig, hat derselbe als schaffender Künstler zur Erhebung des Geistes und des Gemütes nicht wenig beigetragen; der eigenen künstlerischen Tätigkeit entsprang aber auch das Streben, den Keim echter Kunst in anderen zu wecken und zu pflegen, und so hat Salomon Sulzer in uneigennützigster Weise eine große Anzahl armer Schüler in der Gesangskunst unterrichtet, die durch ihre Leistungen die ehrenvollen Beweise der Anerkennung ihres Meisters im Jnlande und im Auslande vermehrten. In Anbetracht dieses hervorragenden künstlerischen und humanitären Wirkens findet sich der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 19. Februar 1874 bestimmt, dem Herrn Salomon Sulzer das Bürgerrecht der Stadt Wien taxfrei zu verleihen. Und der 70. Geburtstag des Vaters war zugleich ein Freuden- und Ehrentag für die Kinder! Sonnten sie sich doch immer im strahlenden Antlitz des Vaters; lauschten sie ihm doch immer jeden Wunsch ab, um sein Herz zu erfreuen, zu erfrischen! Und der Vater, wie war er zu aller Zeit voller Zärtlichkeit um das Wohl seiner zahlreichen Kinder bedacht! Wie zitterte er nicht um die Gesundheit des kränkelnden Sohnes Carl, wie froh hoffte er nicht im Ausblick in die Zukunft seiner talentvollen Söhne Julius (gest. 9. Febr. 1891 als pensionirter Hofkapellmeister) und Joseph, der bereits im Trauerjahre den rnusikalischen Nachlaß des verewigten Altmeisters erscheinen ließ (Sickaron, Gedenkblätter, nebst einenr Anhänge mit eigenen Synagogen-Kompositionen, Wien, bei Gust. Lewy) und heute in allen Ehren als angesehener Hofmusiker und Professor tätig ist und zugleich als Chordirektor der Wiener Tempelchöre im Sinne seines großen Vaters wirkt.*) *) An dieser Stelle möge es gestattet sein, zu bemerken, daß mit dlesem Jahre, 1874, in welchem die Gemeinde Beuthen den Schreiber dieses als 19jährigen Jüngling zu dem Meister schickte, damit er sich für das anzutrctende neue Amt eines ersten Kantors gründlich vorbereite und wozu ihm von gönnerischer Seite die nö'igen Mittel zur Verfügung gestellt wurden — ich weiß es heute noch dem in Beuthen lebenden Freunde H. R dankbar zu gedenken - - mit diesem Jahre meine chronistische Tätigkeit für Sulzer und für die Feststel'ung gewisser historischer Tatsachen beginnt, die mit ihm Zusammenhängen, und die ich von jeher für wichtig genug hielt, um sie der Vergessenheit zu entreißen. Mit besonderen Empfehlungen an die Herren Rabbiner vr. Güdemann und Jellinek versehen, von welchen ersterer mich sogar persönlich in die k. k. Hofbibliothek einführte, wo ich schon damals meine Studien über Sal. Rossi begann, bedurfte es doch erst der besonderen Aber im Jahre 1881, nach 56 jähriger Dienstzeit, sollte der Altmeister sich ins Privatleben zurückziehen, und so schreibt ihm Dr. Fischhof in einem offenen Briefe Worte des Abschieds, die heute noch lesenswert sind: Lieber alter Freund! Ein hervorragender Mann, der durch geniale Begabung und durch Ruhm eine Fülle von Glanz auf seine Stellung wirft, scheint organisch mit dieser verwachsen, unzertrennlich an sie geknüpft zu sein, und so will es beim Erlöschen seiner Tätigkeit uns bedünken. als müsse gleichzeitig auch das Amt erlöschen, dessen belebendes Element, dessen Seele er war Nun überdauert die Institution den Fungierenden und dessen Funktion, aber gewiß, daß das Wiener Ober-Kantorat nie wieder jene artistische Weihe erlangen wird, welche Du ihr verliehest, weil für einen Mann, welcher Dir an Slimmeszauber und an musikalisch schöpferischer Kraft auch nur nahe kommt, der Beruf eines Kantors in Zukunft nichts Verlockendes hat. Und so wird Dein Ruhm nie verdunkelt werden. Die erschütternde Gewalt der Töne, die Du sangst, wird allerdings nur durch die Tradition in Erinnerung bleiben, aber die Macht der Töne, die Du schufst, wird ungeschwächt fortwirken, wird ein Vermächtnis sein, das sich von Generation auf Generation vererbt. Nicht völlig scheidest Du von Deinem Amte; denn bist Du auch nicht der stimmliche Träger der Andacht, der geistige Wecker derselben, bleibst Du nicht blos im Wiener Gotteshause, sondern auch in einer großen Zahl jüdischer Andachtsstätten dies- und jenseits des Ozeans. Das „Schir-Zion", das Du zu Ehren Gottes schriebst, wird Dir zu dauerndem Gotteslohne. So sei denn herzlich umarmt, mein alter teurer Freund! Das Gefühl der Wehmut, das bei Deinem Rücktritte mich beschleichen will, wird zurückgedrängt durch den wohltuenden Rückblick auf die durch mehr als ein halbes Jahrhundert von der Vorsehung Dir gegönnte Wirksamkeit, auf eine Wirksamkeit, deren lichte Spur niemals verblassen wird in der Kulturgeschichte des Judentums. Sei tausendmal gegrüßt von Deinem alt> und treuergebenen Fischhof. Zu seinem Nachfolger wurde der Oberkantor Jos. Singer von Nürnberg berufen, und von der ganzen Kollegenschaft war es nur uns allein noch einmal vergönnt, den Altmeister gelegentlich einer im Tempel stattfindenden Familienfeier fungieren zu hören. Wir sahen uns stumm an, da wir den heiligen Moment zu würdigen wußten, und am 17. Januar 1890 schloß sich für immer das Auge, welches auf Erden soviel der Herrlichkeiten schaute, um endlich in himmlischen Glanz überzugehen, schloß sich für immer der süße Sängermund, dem Israel die schönsten Liederperlen zu danken hatte. Die Todesanzeige war unterzeichnet von den Söhnen: Julius, Emile, Carl und Joseph Sulzer; von den Töchtern: Marie Belart, Hermine Gingold, Henriette Biacchi, Rosa Wagner, Rachel Niederhofheim, Auguste Fischel, Fanny Abrest, von sechs Schwiegersöhnen uud den drei Schwiegertöchtern: Betti Sulzer, geb. Klingstein, Viktoria Sulzer, geb. Mendl und Emma Sulzer, geb. Geyringer; und Montag den 20., Nachm. 2 Uhr, bewegte Fürsprache der Kinder Sulzers, hauptsächlich seiner Tochter Marie (von Belart-Sulzer, gest. 25. März 1>92), die von der ganzen Familie wie eine Heilige angebetet, zur Zeit das Hauswesen versah, daß der 70jährige Greis den wissensdurstigen Jungen wie ein Kird im Hause behandelte und bis zum letzten Atemzuge mit seiner Liebe auszeichnete und ihm sein ganzes Vertrauen schenkte, welches ihm auch die Kinder bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. — Die sehr lehrreiche Korrespondenz mit dem Hause Sulzer harrt noch einer später zu erfolgenden Veröffentlichung.