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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · p. Seite 302

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 302 (sequence 6)
Language
German
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Seite 302. Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. Zwei Seiten später zitiert Professor Berliner in der nämlichen Schrift ohne Verwahrung den Vorwurf Deutschs gegen den orgelfreundlichen Rabbiner Löwe, daß dieser nicht gesehen hat „oder nicht hat sehen wollen". Ich glaube die zweite Entgleisung gibt der ersten nichts nach, und das „antipathffche Gefühl" war in beiden Fällen gleichmäßig am Platz. Wenn Professor Berliner die löbliche Empfindlichkeit gegen Unterstellung von Absichten bei einem Vertreter gegnerischer Absicht immer hätte, so würde er wohl auch unterlassen haben, bei der Konstatierung, daß von den 120 aus dem Hildesheimerschen Rabbinerseminar hervorgegangenen Rabbinern bloß 5 in Orgelsynagogen fungieren oder zur Probe gepredigt haben, die Namen dieser 5 „um ihrer selbst willen nur anzudeuten". Nichts hat ihn zu solcher Andeutung gezwungen, und die angebliche milde Rücksicht erscheint in eigentümlichem Licht, da die Anfangsbuchstaben der Namen und des Wirkungsortes für die Kundigen verständlich genug sind. Die verschleierte Denunziation ist weder mutiger noch anmutiger als die offene. Prof. Berliner führt auch ein Gutachten des Rabbiners Dr. Feilchenfeld in Posen an, der zur Abwehr der Orgel sich auf das 5. Buch M. 12,30 beruft: „Hüte dich zu sagen, wie diese Völker ihren Gottheiten dienen, also will auch ich tun". Die angeführte Pentateuchstelle exemplizifiert als auf ein Extrem auf die Molochs-Menschenopfer. Ganz abgesehen davon, daß hier der nämliche Einwand gilt, der oben gegen die Ackermannschen Ausführungen über die Umgrenzung des Aboda sara-Begriffs gemacht ist, mußte Dr. Feilchenfeld mit der gleichen uferlosen Konsequenzmacherei dazu kommen, den Gesang und selbst das Gebet aus der Synagoge zu verbannen, kurz jede Form der Gefühls- und Gedankenäußerung, die sonst den Menschen eigen ist. Noch einmal muß ich hervorheben: Ich bin in jedem Betracht Gegner der Orgel in der Synagoge. Ich bin eben für den altjüdischen Gottesdienst, der keine Andachtsparade, sondern von individuellem Leben erfüllt ist. Dieser Gottesdienst verträgt keine Orgel. Es ist aber ein Irrtum, wenn man glaubt, man könne ohne besondere Hilfsmittel altjüdischen Gottesdienst überhaupt auf Massengebetsversammlungen übertragen. Die Orgel ist bei uns gekommen und drängt sich immer mehr auf, nicht weil neologisches Streben überhand nimmt, sondern weil der Bau der Riesen-Synagogen naturgemäß dazu führt. Eine große Menge ist an sich ein Andachtshindernis, wenn nicht Auge oder Ohr durch äußere Mittel gebannt, gefangen genommen, gezwungen werden. Zu einem solchen Zwangs- und Bändigungsmittel eignet sich die Orgel ganz vorzüglich. Wer die Orgel nicht in der Synagoge haben will, der soll keine großen Synagogen haben wollen, sondern Andachtsstätten, zu denen nur eine beschränkte Zahl von Personen — nicht über 500, besser: nicht über 200 — Zutritt haben. Dann ist ein Raum vorhanden, den eines Einzelnen Stimme beherrschen kann; dann ist die Möglichkeit wirklicher gemeinsamer Andacht gegeben; dann kann das Herz des Einzelnen unmittelbar zu seinem Gott sprechen, und die naturgemäß zuweilen erlahmende Spannkraft in der Andacht wird nicht zur Störung. Ich getraue mich nicht ohne vorgängige genaue Detailprüfung zu sagen, ob es in großen Gemeinden möglich ist, in ausreichendem Maß auf dieser Grundlage Andachtsstätten herzurichten und zu versorgen. Es sollte möglich sein, uud darum glaube ich zunächst, daß es möglich ist. Und das wäre ein Segen. Schon damit die Synagoge aufhörte, zu scheinen, was sie nicht ist: das hauptsächliche Zentrum und der Lebensmittelpunkt der Gemeinde. Nicht dem Bethaus, sondern dem Lehrhaus kommt diese Aufgabe und Stellung zu. Es ist ein verkehrtes Beginnen, erst große Synagogen bauen, und dann die Mittel versagen, die eine Ordnung der Maffenversammlungen erzwingen können. Mit den Deklamationen gegen die Orgel ist nichts getan, und die gelehrtesten Abhandlungen über das, was vielleicht vor Jahrtausenden gewesen, vermögen die Not des Tages nicht zu bannen, können über den Bedarf des Augenblicks nicht hinweghelfen. Trotzdem bin ich gegen die Orgel. Nur soll man sich mit der bloß negierenden Gegnerschaft nicht begnügen, sondern darauf bedacht sein, zu retten, was zu retten ist, in den Riesen- Synagogen einen Teil des alten jüdischen individuellen Andachtslebens unter Erfüllung der berechtigten ästhetischen Forderungen unserer Zeit zu ermöglichen. Ich weiß nicht, ob ich heute, nach vieljähriger Entwöhnung, noch bie tumultuöse chassidische Andachtsweise vertragen könnte; jedenfalls würde sie mir besser gefallen, als die wohlfrisierte Andachtsheuchelei einer Orthodoxie-Abart, die mit Sorgfalt die äußere Andachtshaltung des — Nachbars überwacht. Ich weiß aber genau, daß in der Synagoge Leben sein muß, wenn sie ihrem Zweck dienen soll, lebendige Andacht, lebendige Teilnahme am Gottesdienst. Die Orgel bringt das nicht, sie bringt im besten Fall den äußeren Schein, in Wirklichkeit wird sie zumeist den letzten Funken Leben ersticken und aus der Gemeindeandacht ein Synagogenkonzert machen. Ein starker Männerchor, sagt man, solle und könne helfen. Er wird es nicht. Der Chor kann eine Art akustischer Polizei üben, er kann sehr prächtig klingen — aber ihm ist nicht gegeben, lebendiges Leben zu schaffen. Je stärker er ist, je mehr wird er — wie die Orgel wirken. Die Gemeinde soll den Chor bilden, die Gemeinde selbst — das allein vermag erwünschten Wandel zu schaffen. Improvisieren freilich läßt sich das nicht; aber unerreichbar ist das Ziel auch nicht. Wir haben so viele Vereine, die zu nichts nutz sind, und täglich erstehen neue. Warum sollten sich nicht Gesangvereine ins Leben rufen lassen, die den synagogalen Gesang pflegen, und deren Mitglieder beim Gottesdienst den übrigen Teilnehmern als Vorbild, Srütze und Anlehnung dienen würden. Hier könnten Kantoren und Lehrer verdienstlich wirken. Es wäre auch kein Schaden, wenn der und jener erst durch den Gesangverein den Weg zur Synagoge fände. Es handelt sich dabei nicht um Kunstgesang, nicht um Erzielung von Preisen im Wettgesang, sondern um den schlichten Synagogengesang, der d^'Bynagogenmelodien in jedes jüdische Haus und in jedes jüjüfche Ohr trägt. Die OrM läßt sich nicht fortschreien. Aber fortsinaen läßt sie M M. A. Klausner. Zuin Gr-ächtm SalomM Luhers. Von Eduard Mrnöaurn. X. Der Wortlaut des genannten Diploms, welches Bürgermeister Dr. Felder in Gegenwart der Gemeinderäte Frankl, Pollak, Kuranda und Dr. Kompert dem Jubilar überreichte, war folgender:

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