Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605972-9659704--8875-9606130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■ * EM Seite 300. Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. des christlichen Gottesdienstes, sie ist beispielsweise von der katholischen Kirche geweiht und als heilig erklärt. Da nun das christliche Bekenntnis den Gottesbegriff geteilt hat, für den Juden aber jede, auch die allergeringfügigste Abweichung von der absoluten Gotteseinheit als Aboda sara gilt, so ist die Nachahmung aller zum christlichen Gottesdienst gehörigen Institutionen dem Juden verboten, auch die Orgel!" Ich zweifle nicht im geringsten daran, daß Herr Dr. Ackermann mit diesen Worten seiner aufrichtigen Ueberzeugung Ausdruck gegeben hat; doch wird er ebenso zugeben müssen, daß seine noch so feste Ueberzeugung keine für andere verbindliche objektive Wahrheit schafft. Seine Auffassung von der Aboda sara ist die meinige nicht und die von vielen Tausenden Andern auch nicht, die sich ein Urteil Zutrauen dürfen und jedenfalls nicht in der Lage sind, sich das Urteil von Herrn Dr. Ackermann vorschreiben zu lassen. Wir Juden, die Bekenner des einzig-einigen Gottes, lehnen den Begriff des drei-einigen für uns ab; wir würden aber das große Verdienst, der Menschheit die Erkenntnis vom einigen Gott vermittelt zu haben, uns selbst absprechen und wir würden zudem der Wahrheit nicht die Ehre geben, wollten wir verkennen, daß auch in dem drei-einigen Gott der einige Gott gedacht wird. Herr Dr. Ackermann mag seine besondere Anschauung haben; er hat sie aber nur für sich und er ist nicht berechtigt, seine subjektiv daraus l ergeleiteten Folgerungen als objektiv verbindlich hinzustellen. Ueberdies ist Herr Dr. Ackermann ein viel zu gebildeter Mann, um nicht zu wiffen, daß die neueste evangelisch-theologische Entwicklung gerade auf diesem Gebiet uns fast greifbar nahe gekommen ist, so daß man sich beinahe versucht fühlt, die Vertreter dieser Richtung trotz ihres bramarbasierenden „ethischen Chauvinismus", der sich ganz wie der nationale oder Raffen-Chauvinismus in unfreundlichen und überheblichen Ausdrücken gegenüber den Juden zu ergehen liebt, als Juden-Christen oder gar als Krypto-Juden zu bezeichnen. Nebenbei sei erwähnt, daß Herr Dr. Ackermann mit erstaunlicher Undeutlichkeit und auch positiv unrichtig die Orgel das spezifische Instrument des „christlichen Gottesdienstes" nennt. Aus der Schrift, an der er mitgearbeitet hat, mußte er erfahren, was er sicher ohnedies wußte, daß der russischorthodoxe Gottesdienst, der doch auch ein christlicher Gottesdienst ist, die Orgel nicht kennt, und daß der katholische Gottesdienst die Orgel zum mindesten nicht als unentbehrlich ansieht. Ich stimme mit Herrn Dr. Ackermann ganz und gar überein, „daß die ästhetische und psychische Wirkung eines guten a capella-Chors eine viel tiefere ist als die auch des vollkommensten Musikinstruments". Der a capella-Chor ist es, der dem russisch-orthodoxen Gottesdienst, der dem Gottesdienst in der Sixtina das eigenartige Gepräge gibt. Demgemäß mußte, nach Herrn Dr. Ackermann, der a capella-Chor aus der Synagoge unbedingt verbannt werden. Diese Folgerung wird Herr Dr. Ackermann nicht machen wollen, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als der Verzicht auch auf seine oben erwähnte Folgerung. Ich glaube den Orgelfreunden, daß sie mit der Orgel dem Synagogengottesdienst Anhänger gewinnen wollen; ich glaube mit Herrn Dr. Ackermann, daß sie die Absicht nicht erreichen werden. Das kann mich jedoch nicht veranlassen, die Orgelfreunde von heute auf eine Linie zu stellen mit den Orgelfreunden von vor sechzig Jahren, den Israel Jacobsohn und Genossen. Es lebt ein neues Geschlecht, religiös mit ganz anderem Inhalt angefüllt, dessen Bekenntnistreue dadurch nicht weniger innig wird, daß sie mit der Neigung zu modernen äußeren Formen untrennbar verknüpft ist. Obwohl ich, wie ich wiederholt betonen muß, durchaus und in jedem Betracht Gegner der Orgel in der Synagoge bin, muß ich doch zugestehen, daß das Urteil über die Orgel und ihre Einführung heute wesentlich anders lauten kann als vor sechzig Jahren. Denn die Orgel hat tatsächlich aufgehört, das spezifische Kircheninstrument zu sein. An vielen Orten sind bereits zwei jüdische Geschlechter aufgewachsen, die eine Synagoge ohne Orgel garnicht kennen, die sich^einen^Synagogengottesdienst ohne Orgel garnicht vorzustellen^'vermögen, die von einem Synagogengottesdienst ohne Orgel fremd angemutet werden würden. Diese Tatsache verschiebt die, Orgelfrage völlig, sie nimmt der Orgel den Charakter, um deffentwillen ihre Einführung in die Synagoge ursprünglich vornehmlich bekämpft worden ist. Gewiß ist die Orgel kein religiöses Surrogat. Sie kann den Religionsunterricht nicht ersetzen, auch nicht die Kenntnis der hebräischen Gebete. Aber Herr Dr. Ackermann^ist so weltfremd nicht, daß ihm unbekannt wäre, wie minimal die hebräischen Kenntnisse unter dem lebenden jüdischen Geschlecht unseres Landes sind, wie gering die Aussicht ist, hierin in naher. Zukunft eine durchgreifende Aenderung zu schaffen; und Herr Dr. Ackermann ist nicht grausam genug, der großen Zahl der religionsunterrichtlich Vernachlässigten unter uns jeden noch so kargen Ersatz zu mißgönnen und zu versagen. Was das Gutachten des Herrn Dr. Michael Sachs gegen die Orgel betrifft, so führt es meines Erachtens richtig aus, daß die Orgel den Charakter des jüdischen Gottesdienstes in seinem eigensten Wesen durchgreifend alteriert, und daß die Einführung der Orgel bedenklich ist, weil sie das Signal zu Zwistigkeiten und Zwiespältigkeiten der Gemeinde bildet. Die „antiquarisch-historische Studie" des Herrn David Oppenheim, Rabbiners in Groß-Becskerek, über „Die Synagoge und die Musik" tritt mit dem Anspruch auf, die Orgelfrage durch eine „unparteiische, wissenschaftliche und allseilige Prüfung sowohl in geschichtlicher und archäologischer, wie nicht minder in ästhetischer und musikalischer Hinsicht, ohne Vorurteile und Engherzigkeit, ohne Leichtsinn und Reformgelüste" zum Abschluß zu bringen. Herr Oppenheim ist der Ansicht, daß man bisher bei der Untersuchung der Orgelfrage „alle die unterscheidenden Merkmale, die auf deren Lösung so bedeutenden Einfluß haben, ignoriert" hat. Ich will gern annehmen, daß es Herrn David Oppenheim-Gr. Becskerek gelungen ist, die klaffenden Lücken auszufüllen, und daß durch ihn das letzte Wort über die Musik im heiligen Tempel und in der Synagoge gesprochen worden ist. Ich rüttele nicht entfernt an seiner freundlichen Bestätigung des Wortes der Alten: „Alle Welt ist darin einig, daß der Gesang die Hauptsache war, während die Instrumente nur die Würze der Stimme bildeten". Ich kann das umso leichter, als noch niemals jemand eine andere Meinung geäußert hat. Im Tempel zu Jerusalem begleiteten die Instrumente den Gesang — ganz wie es heute die Orgel tut — und nur vereinzelt wurden die Instrumente gleichsam zu musikalischen Signalen benutzt, sozusagen zu Avertissements. Kommandos im Kultus, ganz wie heute die Orgel. Der Erörterung des Talmud, „ob beim Tempelgesang die Vokalchöre und die Vokalmusik oder die Instrumentalmusik von größerer Wichtigkeit und Bedeutung" gewesen, stehe ich mit respektvoller Gleichgiltigkeit gegenüber. Die Talmudisten hatten eben darüber nur Vermutungen — sonst hätten sie sich nicht gestritten — und eine Tatsache läßt sich durch logische Erwägungen nicht mit Sicherheit konstruieren. Ich rechte mit dem Rabbiner von Gr. Becskerek nicht, daß er die selbständige Instrumentalmusik im Tempel völlig in Abrede