Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 10. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492408-6582200-9732650--3264-9606118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wann an geht man aus derSukkah (wenn es regnet und dies ein Zeichen des Fluches sein soll)? Und von hier kommen wir geradenwegs zu den Fragen des Sukkothregens und des Regens überhaupt geradewegs zu Thaanit 11■ ״Von wann an erwähnt man die Kraft der Regengüsse (s. die Beziehung dieser Mischna zu jenem Sukkasatze) U• ״Von wann an bittet man um den Regen?״ Diesen Sätzen sieht jeder wohl die Einheit an, denn sie betreffen außer den Anfangs- und End- Sätzen (und diese besagen nur Ber. 1! ״Mit Gott fang an, und Taan. 1! etc. ״Mit Gott hör auf״) das Leben und die Tätigkeit des Landmannes; die Antworten auf diese Fragen (selbst wo die spätere Zeit eine festere Zeitbestimmung für nötig befunden, ist die Urgestalt gewahrt) geben keinen nach Stunden und Tagen feststehenden Zeitpunkt, sondern geben dafür Zeichen an, wie sie das Volk sich macht. ״Die Priester gehen hinein, die Gabe zu genießen,״ ״man kann blau und weiß unterscheiden,“ ״die Feuchtigkeit ist noch im Boden.״ Das אימתי, das so oft vorkommt, und die streng halachischen כיאימתי, die von hier hervorgegangen sind, müssen davon unterschieden werden. Die Traktate, in denen diese Fragen und Antworten Vorkommen (die Tosseftha und Maasseroth enthalten noch einige) sind mit einander verwandt — es sind das Reste eines alten den Schulen folgenden Volkskalenders, dessen freie Naturbilder später den strengen Bestimmungen der Schule weichen, bis er selbst nur zum Teil noch erkennbar, ein Bestandteil der Mischna wird. Ist das nicht bezeichnend? Kein Zusammenhang? Blau will neue Mängel finden und zwingt mich, die enge Verknüpfung meiner Darlegungen hier kundzugeben. Was das nun heißen mag, daß ich ״Geneigtheit zeige, ihn für meine Schnitzer verantwortlich zu machen!״ Weil ich selbst angegeben habe, welche Fehler er übersehen hat? Für die ist er als Beurteiler allerdings verantwortlich. Als Taschenspieler will ich ihn wider Willen zum Zeugen für mich und mein Werk anrufen. Mein Stöckchen! Ich klopfe — und es entsteht mit einemmal in Königsberger’s ״Monatsblättern für Vergangenheit und Gegenwart des Judentums“ (1890, S. 100) eine Arbeit ״Ueber die Komposition des Mischnatraktates Schebuoth“. Ein Wink von mir — und die Arbeit muß den Namen Professor Dr. Ludwig Blau in Budapest tragen. Ich nehme in meiner ״Mischna‘1 an, daß ältere Ordnungen vorhanden waren und aus den Unregelmäßigkeiten noch jetzt erkennbar sind. So ersieht Blau dort aus der Mischna Schebuoth 1!, daß die dort genannten Gebiete einst in einem Traktat vereinigt waren. Genau wie ich. Ich nehme für viele Seltsamkeiten, so für die Stelle aus Chagigah an, daß Rücksichten aufs Gedächtnis den Ordner geleitet. Blau a. a. O. nimmt auch ״mnemotechnische Rücksichten“ für die Einordnung des sonst Fernabliegenden in eine Halacha an. Genau wie ich. Er nimmt die Bereicherung eines an sich zu kleinen Gebietes durch das Hineinsetzen anderer Bestandteile an. Genau wie ich bez. Orlah und Bikkurim. Er nimmt die Ordnung der Schrift als teilweise Grundlage an. Genau wie ich. Er nimmt das Einmünden des halachischen Midrasch in die Mischna an. Genau wie ich. Er entnimmt dies aus den Worten der Gemara; genau wie ich, nur, daß ich noch Maimonides als Stützpunkt habe. Ihm ist die Ordnung nicht der Traktäte, sondern der Perakim und Mischnas Hauptsache; genau wie mir. Wenn ich nun in meiner hier erschienenen Entgegnung davon spreche, daß wir gemeinsam auf wichtige Punkte dieser Art, und zwar unabhängig von einander, gleichzeitig, wie mein ,,Zusammenhang der Mischna“ beweist, gekommen sind, so mache ich ihn für meine Schnitzer verantwortlich? Nennt er diese seine eigenen Ergebnisse aus dem Jahre 1890 Schnitzer und verleugnet er sie? Ich habe mit einem gewissen Stolz in meiner von ihm so bemängelten Einleitung die Uebereinstimmung mit ihm und jenes merkwürdige Zusammentreffen von Auffassungen gebucht, die ich an keiner dritten Stelle gefunden. Was er bez. Schebuoth versucht hat, leider ohne auf die Einzelheiten einzugehen, das bildet die Hälfte meines Buches, und darauf mußte er in jedem Traktat zuerst kommen. Dies sein, wie wir gesehen haben, völlig unbegründetes, ja, rätselhaftes Auftreten ist für mich eine herbe Enttäuschung. Mag mein ganzes Buch ein einziger großer Druckfehler sein — hat nicht das schlechteste Buch irgend etwas Gutes? Er findet nichts! — gerade Blau war der einzige, der die Pflicht hatte, den gesunden Kern darin zu suchen. Hätte ich seine Stimme nicht für so gewichtig gehalten, ich hätte mich nicht so bemüht, der Welt wiederholt zu zeigen, daß meine Arbeit einen Zusammenhang hat, daß es keinen Satz darin gibt, der nicht mit einem anderen verknüpft ist und der nicht, allein betrachtet, den Beurteiler zu Mißgriffen veranlaßt. Mögen meine Deutungen jener rätselhaften Erscheinungen falsch oder richtig sein — daß ich sie einheitlich gedeutet und eine Fülle von stofflichen Tatsachen dem späteren Bearbeiter geboten habe, das ist die Hauptsache. Und mehr zu leisten darf sich nie ein Forscher einbilden. Es irrt der Mensch, so lange er strebt, Aber auch die Umkehr ist richtig: Es strebt der Mensch, so lange er irrt. Dem Fertigen ist nichts mehr recht zu machen. Wer ist aber fertig? Wir sollen Talmide Ohachamim heißen, Schüler der Weisen, ewige Studenten, talmudisch bemooste Häupter, die ja nicht aufhören dürfen, zu irren, weil sie denn auch nicht mehr zur Wahrheit gelangen können. Wir bedürfen des frischen Luftzugs, der durch die alten staubigen Folianten wehen muß — uns darf das Seltsame nicht stutzig machen, nicht so leicht zum Aburteilen bringen. Erörterung tut uns not — nur s 0 kam eine talmudische Gemeinde geschaffen werden, die gewöhnt ist, ihr Urteil zu fällen: Der Gerichtshof aller derer, die als talmudische Mitstrebende dazu berufen sind. Möge ihre Anzahl sich vermehren! Dixi et animam meam salvavi.