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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · p. Seite 264

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
Seite 264 (sequence 12)
Language
German
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Seite 264. Israelitische Wochenschrift. Nr. 19. erfahren wir, daß zur Ehre dieser Göttin jedes babylonische Mädchen wenigstens einmal das Opfer der Keuschheit bringen mußte. Der Historiker Curtius, dem man Prüderie nicht vorwerfen kann, schließt die Schilderung der wüsten Orgien, mit denen die babylonische Göttin der Lust gefeiert wurde, mit der Bemerkung: „Alexander der Große hätte nach seinem vierunddreißigtägigen Aufenthalt in der wollüstigen Stadt einem etwaigen Feinde nur ein durch Ausschweifungen entschieden geschwächtes Heer gegenüberstellen können." Diese schmachvollen Einrichtungen des babylonischen Tempelwesens hat der von Delitzsch über Mose gestellte Hammurabi sanktioniert; während der Pentateuch die Prostitution in jeder Weise brandmarkt, beginnt ein Paragraph des Hammurabi-Gesetzes mit den Worten: wenn ein Vater eine Tempeldirne dem Gott stiftet. . . Welche Verkehrung der sittlichen Begriffe, Gott mit dem Laster dienen zu wollen! Die Tatsachen sprechen gegen Delitzsch laut und eindringlich. Was würde es verschlagen, wenn er — mit seiner Lesart Recht hätte und das Wort Sabbat auch im babylonischen vorkäme? Die Sache ist Babel fremd. Der Geist, der uns aus den Keilinschriften entgegenweht, ist ein anderer als der, der der Bibel die Herzen der Kulturmenschheit erschlossen, der die Kulturmenschheit erst erschaffen hat. Das wird die Erkenntnis sein, die durch den Widerspruch nur geläutert und vertieft werden wird. Und die Bibel, dieses große Erziehungsbuch, wird Siegerin bleiben in dem jüngst entfachten Kampf und neue Freunde zu ihren alten gewinnen. Reisebriefe aus Skandinavien. Von Alöert Kah. VI. Nun befand ich mich in Stockholm, das das nordische Venedig genannt wird. Da ich es bis jetzt noch nicht soweit gebracht habe, der Stadt der Brücken, Kanäle und Gondeln im Lande wo die Zitronen blühen einen Besuch abstatten zu können, so vermag ich aus eigener Anschauung keine Vergleiche zwischen Venedig und Stockholm anzustellen. Uebrigens liegt mir auch diese Absicht fern. Ich will hier nur über meine Erlebnisse in der schwedischen Residenz berichten, die, obwohl ich sie auch jetzt, zum zweitenmal, nur in Schnee und Eis gehüllt sah, auf mich einen unvertilgbaren, sympathischen Eindruck gemacht hat. Ist der Schwede überall im Gegensatz zum strengen Winterklima seines Landes warmherzig, liebenswürdig und zuvorkommend gegen Jedermann, so ist es der Stockholmer in noch gesteigertem Maß, insbesondere den Reisenden aus Tyskland gegenüber, auf die ein Abglanz der Gloire fällt, die die Persönlichkeit unseres Kaisers hier umstrahlt, obwohl das Leben selbst in Stockholm mehr nach französischem Muster zugeschnitten ist. Ich glaube die Stockholmer richtig zu beurteilen, wenn ich sage: sie vereinigen in sich den Ernst, den Fleiß und die Gründlichkeit der Deutschen mit der Lebensfreudigkeit und Vorliebe für Luxus und äußere Pracht der Franzosen. Was sie indes besonders vorteilhaft auszeichnet und sympathisch erscheinen läßt, das ist ihr ungeheuchelt lebhaftes Interesse für Literatur, Kunst und Wissenschaft, ihr ernstes Streben nach Fortschritt und Vervollkommnung auf allen Gebieten des Lebens. Ich weiß nicht, ob auf dem Kontinent noch eine zweite Stadt existiert, die sich gleich Stockholm rühmen darf, einen Mäcen, wie Nobel, der Welt geliefert zu haben, der beinahe den ganzen Ertrag seines rund 31V2 Millionen Kronen betragenden Vermögens zu fünf jährlichen Preisen von je 150 000 Kronen für wissenschaftliche Zwecke bestimmt hat. Die edle Gesinnung dieses hochherzigen Mannes, der einen der fünf Preise auch für verdienstliche Bestrebungen zur Förderung allgemeiner Brüderlichkeit, Aufhebung und Verminderung der stehenden Heere und Errichtung schiedsrichterlicher Tribunale zwischen den verschiedenen Staaten ausgesetzt hat, ist nicht ohne veredelnden Einfluß auf die Bürger seiner Vaterstadt geblieben, die ohne das Wort „christliche Liebe" immer im Munde zu führen, das höchste, erstrebenswerteste Ideal der Menschheit in der Betätigung der Nächstenliebe und Förderung kultureller und ethischer Bestrebungen erblicken. Als eine Folge dieser Gesinnung darf das einträchtige Zusammenleben und Zusammenwirken der hiesigen Christen und Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens angesehen werden. So wenig wie Nobel bei der Abfassung seines Testaments daran dachte, die Bewerbung um die von ihm ausgesetzten jährlichen Preise von dem Besitz der schwedischen Nationalität abhängig zu machen, ebensowenig neidisch zeigen sich die Stockholmer darüber, daß die Preise alljährlich in der Mehrzahl von Ausländern erworben werden, und sie hätten absolut nichts dagegen, wenn sich unter den glücklichen Bewerbern auch Juden befänden. Das sagte mir allen Ernstes eine hochgestellte Persönlichkeit, die in den hiesigen Gelehrtenkreisen eine dominierende Stellung einnimmt. Ein Zufall wollte es, daß der meinen geneigten Lesern bereits bekannte Herr Parchowski, den ich, wie ich richtig vermutete, hier angetroffen habe, von der Aeußerung dieses Gelehrten, .die ich einigen Glaubensgenossen mitteilte, Kenntnis erhielt. Natürlich war sein erstes, als er meiner habhaft wurde, mich zu fragen: „Ist es wahr, daß ein Jude Aussicht hätte, im nächsten Jahr einen der fünf Nobelpreise zu bekommen?" Was! erwiderte ich. Wer hat Ihnen diese Mär aufgebunden? „Tun Sie doch nicht so", versetzte er ganz pikiert, „als ob Sie nichts davon wüßten. Man hat es mir ja in Ihrem Namen mitgeteilt, und ich habe diese das Gesamtjudentum interessierende Neuigkeit sofort an meinen Vetter Parchowski in Berlin und an die Redaktion des Israelit in Mainz gedrahtet, um alle Kreise des Judentums, die Liberalen nicht minder als die Orthodoxen, auf das bevorstehende, hochwichtige Ereignis vorzubereiten. So was ist ja noch nicht dagewesen! Ein Jude wird im nächsten Jahre für eine wissenschaftliche Arbeit einen Preis von 150 000 Kronen zuerteilt bekommen! Der Name Nobel, sage ich Ihnen, soll gebenscht sein." Aber, lieber Herr Parchowski, hielt ich ihm entgegen. Sie befinden sich in einem Irrtum. Ich habe einigen Bekannten erzählt, was ein Herr mir sagte, daß die Stockholmer absolut nichts dagegen hätten, wenn sich unter den glücklichen Bewerbern um die Nobelpreise auch Juden befänden; daß aber ein Jude im nächsten Jahre einen Nobelpreis bekommen wird, habe ich nicht gesagt und konnte ich als denkender Mensch nicht gesagt haben, denn — „Das ist die reine Wortklauberei", unterbrach er mich, „die Hauptsache ist, daß einem Juden nichts im Wege steht, sich um einen solchen Preis zu bewerben, und für alles Uebrige lassen Sie nur mich und meinen Vetter Parchowski in Berlin sorgen. Sie müssen ihn doch kennen. Er ist ein ebenso praktischer Jude, wie er ein praktischer Kaufmann ist. Er hat unzählige Gelehrte aus dem liberalen und, wenn es sein muß, auch aus dem orthodoxen Lager an der Hand, und er, sage ich Ihnen, wird schon einen qualifizierten Bewerber ausfindig machen, dem im nächsten Jahre der Nobelpreis für ein lite-

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