Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 254. Israelitische Wochenschrift. Nr. 18 Feuilleton. Ein Franknlrbkn. Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) Er zwang sich daher zu einem wohlwollenden Ton und sprach freundlicher, als er es sonst mit Fremden zu tun pflegte: „Beruhigen Sie sich, Herr Herz! Ihre Aufregung scheint nicht ganz unberechtigt, aber mein Verlöbnis fand unter so traurigen und so schwierigen Verhältnissen statt, daß wir, meine Braut und ich, übereingekommen sind, uns erst kurz vor unserer Hochzeit den nächsten Angehörigen zu entdecken". Herz kniff die Augen ein und sah ihn mit lauernder Spannung an. „Was für Verhältnisse? . . . Merkwürdig!" „Ich habe leider meinen Vater in Warschau verloren und mußte mich über ein Vierteljahr in Polen aufhalten, um unsere geschäftlichen Angelegenheiten dort zu ordnen. Mittlerweile war mein Schwiegervater in Paris schwer erkrankt". „Ja", machte Herz gedehnt, „es ist mir so was zu Ohren gekommen. Es wird nicht sehr arg gewesen sein. Leute wie Emil! Um einen Schnupfen, ein bißchen Husten fragen sie Doktor und Professor und Gott weiß noch wen. . . Wär' er zu Haus geblieben, wär' ihm vielleicht nichts passiert!" Robinsohn begann diese bodenlose Gehässigkeit zu interessieren: der Mann da war zuverlässig in seiner Feindschaft; auf die konnte man bauen. Sie machte ja nicht einmal vor Krankheit und Todesgefahr Halt! Beschwichtigend sprach er: „Sie irren, Herr Herz; mein Schwiegervater ist wirklich bedenklich krank gewesen. Nicht ohne Grund hat ihn einer der größten Pariser Aerzte auf ein halbes Jahr nach Italien geschickt. Aber nun ist er wiederhergestellt; er schreibt mir selbst, er beginne sich dank Postels ausgezeichneter Pflege, wieder seiner ehemaligen Rundung zu nähern. Sie kommen über Wien zurück; in vierzehn Tagen hoffe ich meine Braut in meine Arme zu schließen — nach zehnmonatlicher Trennung!" endete er mit tiefem Aufseufzen. „Und dann wollen Sie in einer Woche Hochzeit halten?" „So ist es beschlossen." „Und Einrichtung, Wohnung?" „Wird alles seit Monaten von der unermüdlichen Tante Röschen besorgt. Diese kennt den Geschmack meiner Braut, und Postel und ich sind mit allem zufrieden." Also die Doktorin war gleichfalls im Komplott! Herz sah ein, daß er sich fügen müsse. Nun hätte er viel darum gegeben, den ungünstigen Eindruck zu verwischen, den seine Stellung zur Heirat Posthumas auf deren Verlobten ausüben mußte; er bot ihm also eilfertig die Hand und sprach mit sauersüßem Lächeln: „Unter sotanen Umständen wird es freilich das Beste sein, wenn ich Sie bitte, sowohl das Geschäftliche wie alles Private, was ich über unsere Verwandtschaft hier mit Ihnen besprach, ein für allemal zu vergessen." „Ich werde mir alle Mühe geben, Herr Herz. Hoffen wir, daß sich das Einvernehmen in unseren Familien bessern möge! Was an mir liegt, will ich gewiß zur Aufrechterhaltung eines friedlichen Verhältnisses beitragen." „Ich auch, ich auch," beteuerte Herz. „Wenn Sie wüßten, welch' friedliebender Mann ich bin! Es ist ein Kunststück, mich in Heftigkeit zu versetzen . . . Sie sollten uns baldigst in Freistadt besuchen, liebster Herr Doktor. Sie müssen doch Ihre Schwiegermutter kennen lernen; denn das bleibt ja meine Frau, Ihre Schwiegermntter, trotz aller Pflegevaterei. Versprechen Sie mir, nächsten Sonntag einen Löffel Suppe bei uns zu genießen! Das dürfen Sie mir nicht abschlagen!" Robinsohn sah ein, daß er zusagen müsse, wollte er es mit dem galligen Mann nicht für immer verderben. Und Herz verließ ihn, sich unzählige Male verbeugend und den neuen Stiefschwiegersohn einmal über das andere seiner Freundschaft und Hochachtung versichernd. Robinsohn zog aufatmend die Tür fest hinter sich zu. „Adieu, Herr Herz!" Es war Agnes, die es ihm leise und demütig zurief, indem sie ihm die Ausgangstür öffnete. „Adieu! Adieu! Ja so! Richtig! Was tun Sie denn hier?" Herz musterte die junge Person von Kopf bis Fuß: es war doch auffallend, wie elend und verkommen die früher so adrette Zofe aussah. „Sie sind doch nicht etwa auch hier, um den Herrn Justiz-Kommissarius zu konsultieren?", forschte er dreist. „Jawohl, Herr Herz. Ich habe eine Rechtsfrage an den Herrn Doktor." „So so? Was wohl für eine?" Das Mädchen schlug die Augen nieder: die Neugierde Herz's brachte die Kleine offenbar in große Bedrängnis. „Das geht nur mich allein an", antwortete sie trotzig. „Nun ja. Ich meinte nur . . . Fräulein Posthuma hat Sie wohl entlassen?" „Ach nein. Aber wie die Herrschaften verreist sind, bin ich um meinen Abschied eingekommen, weil . ." Sie stockte und ballte die Faust gegen einen unbekannten Feind, dann fuhr sie seufzend fort: „Das war schön dumm von mir! Aber ich werde an das gnädige Fräulein schreiben, daß sie, wenn sie jetzt heiratet, mich wieder in ihren Dienst nehmen möcht'." Herz biß sich in stiller Wut auf die Lippen. Also selbst die Kammerzofe wußte um diese Heirat, welche man wohl nur vor ihm verheimlicht hatte. Das sollte ihm die Sippschaft bezahlen. Er überlegte schnell. Weiß man es, ob ihm dieses Geschöpf da nicht einmal sehr von Nutzen sein konnte? „Agnes heißen Sie?" „Agnes Stein". * Sie stand lange Zeit in Diensten Stahls, es lohnte sich vielleicht, mit ihr Fühlung zu behalten. „Lassen Sie es noch mit dem Schreiben!", sprach er überaus freundlich. „In vierzehn Tagen kommt meine Tochter zurück, da werde ich persönlich ein gutes Wort für Sie einlegen." „Tausend Dank, Herr Herz! Ich darf doch nächste Woche nach Freystadt hinüberkommen, Nachfragen?" „Nein, nein, das wünsche ich nicht. Geben Sie mir Ihre Wohnung an!" „Uferstraße, Schifferhaus, im Souterrain." „Schön, schön! Also adieu. Ich werde das Nötige veranlassen." Er schritt stolz erhobenen Hauptes hinaus, wie einer, der wirklich eine menschenfreundliche Tat beabsichtigte. Aber auf dem Heimweg steigerte sich sein Grimm ganz ins Ungeheure; je mehr er sich Freystadt näherte, desto wütender wurde er auf die Stahls, desto größer erschien ihm das Glück, das Posthuma an der Seite des ihm so sympathischen Justiz- Kommissarius bereit stünde. Arm und Bein hätte er sich abschlagen mögen, wenn er durch diese Selbstverstümmelung erreicht hätte, daß Postels „gute Partie" dabei zu Schaden käme. In dieser Stimmung, das Herz von Bosheit geschwellt, stürzte er in das Wohnzimmer zu seiner Frau; hier aber mußte