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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · p. Seite 255

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 255 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 18. Israelitische Wochenschrift. Seite 256. er seiner Wut Zügel anlegen: Babette saß mit Frau Röschen am Kaffeetisch. Die Doktorin war unerwartet nach langer Zeit wieder zu Besuch gekommen, und die scharfe Zunge der Schwägerin fürchtete Herz wie das Feuer. „Nun Maseltow", redete sie ihn vergnüglich an, „zum Guten soll es Dir angesagt sein! . . Oder, Du hast es wohl schon gehört?" Und ihre klugen Augen musterten durchdringend sein sauersüßlächelndes Gesicht. „In drei Wochen werden wir in Freuden gehen, unsere Postel wird Hochzeit halten mit dem Dr. Robinsohn. Gott fei Dank, daß das ein Ende nimmt! Lange genug hat er um das Mädel geworben." „Sehr schön! Sehr schön!" entgegnete Herz giftig. „Woher soll ich es gehört haben? Du erzählst mir da eine fertige Sach'! Es ist wohl nicht mehr Mode, daß die Kinder ihre Eltern um Rat fragen? Nicht die eigene Mutter, nicht die leibliche Schwester hat davon gewußt! Das wird Posthuma auch Erricht zum Besten ausgehen, daß sie so hinterlistig gegen ihre nächsten Angehörigen gehandelt hat!" Die tapfere Frau Röschen griff sofort den Fehdehandschuh auf. „Was Einer Postel Böses wünscht, soll ihn nur treffen an eigenen Gliedern!", entgegnete sie, Herz ihre zornigsten Blicke entgegenschleudernd. „Ob Du es heut' hörtest, ob gestern, ob vor einem Vierteljahr, was macht Dir das aus?. . . Nimm mir's übel oder nicht, Herr Schwager: wer nichts gibt zu Kohl, hat nichts zu reden zu Kohl. Für was soll das Mädel Euch fragen? Ihr wahrer Vater und Wohltäter bleibt Emil, und wenn dieser mit der Heirat zufrieden ist, haben wir alle kein Wort dagegen einzuwenden! Ich freilich", seufzte sie tief auf, „ich hätte dem Prachtmädel noch etwas besseres gewünscht!" „Nun, was denn noch?!", brauste Herz auf. „Ganz verrückt seid Ihr mit dem Mädel zusammen! Ein Graf wird kommen! Ein Prinz!" „Nu, was wär' das besonderes?" Frau Röschen sah unendlich hochmütig auf den erbosten Mann. „Hat sich nicht ein Graf um sie gerissen, ein wirklicher Graf?", sprach sie, strahlend vor Triumph und Stolz. „Aber Postel hat ihn abgewiesen, und Emil hat mir garnicht genug davon schreiben können, wie schön und wie brav sich das Mädchen in diesem Fall benommen hat! Denn das muß ihr der Neid lassen: Posthuma ist doch ein großartiges Geschöpf". „Gar ein Graf!", machte Herz höhnisch. „Wie kommt ein anständig Mädchen zu 'nem Grafen?" „Wie sie kommt!", fuhr ihn die Doktorin barsch an, denn sie ärgerte sich jetzt über sich selbst, daß sie Postels kleinen Roman, welchen ihr Emil unter dem Siegel allerstrengster Verschwiegenheit anvertraut, gerade hier an der ungeeignetsten Stelle ausgeplaudert hatte; aber nach Frauenart konnte sie sich's nicht versagen, vor Postels Todfeind mit der gräflichen Eroberung ihres Lieblings zu prahlen. . . „Du natürlich, lieber Herz, verkehrst niemals in hochfürstlichen Kreisen, und eine Schönheit wie Posthuma weckt überall Bewunderung; sogar in Paris erregte sie Aufsehen!" Das war der höchste Trumpf, den die Doktorin heute ausspielen sollte; denn die Tür öffnete sich, und in ihrem Rahmen erschien ein großes, überschlankes Mädchen von kaum siebzehn Jahren und sprach mit schleppendem Tonfall in einer sonst recht wohllautenden Altstimme: „Ach, welch' seltene Ehre! Die Tante Doktorin ist gekommen!" „Komm nur herein, Lilichen", rief Babette, die während des Gezänks zwischen Mann und Schwägerin nicht gewagt hatte. den Mund zu öffnen. „Du erfährst eine gute Nachricht: Posthuma hat sich verlobt!" „Wirklich?" Wenn Lili von schwesterlicher Freude und Mitgefühl durchdrungen war, so wußte sie es in diesem^Augenblick sehr gut zu verbergen: ihrer Frage merkte auch das feinste Ohr keine weicheren Empfindungen an. „Endlich! Es ist die höchste Zeit, daß meine Schwester sich verheiratet." Die Doktorin hatte die Tochter Herzens niemals recht leiden mögen. Es war ja ein ganz hübsches Mädchen mit sehr feinen, zarten Gesichtszügen und dicken, aschblonden Zöpfen, die fast zu schwer für das kleine Vogelköpfchen schienen; aber ihre Augen lagen, ganz wie die ihres Vaters, immer auf der Lauer, stets bereit, fehlerhaftes und unfreundliches an ihren Nebenmenschen zu entdecken; und ihrem Wesen fehlte auch die leiseste Spur jener reinen Herzensgüte, jener sieghaften Liebenswürdigkeit, die Posthuma von sich strahlte: die Macht der Frau, die der Älteren alle Herzen gewann. Lili besaß Schlauheit und scharfen, praktischen Verstand; sie erkannte weit über ihre Jahre hinaus ihren Vorteil und beherrschte nicht nur die geistig ganz unbedeutende Mutter vollständig, sondern terrorisierte auch den Vater, der seine Einzige vergötterte. Daß sie blond war, erschien seinen Augen als der höchste aller weiblichen Reize, und wenn er Fremden die Schönheit seiner Tochter beschrieb, versäumte er nie zu erwähnen: „Meine Lili sieht vollkommen christlich aus; denken Sie sich: eine ganz helle Blondine!" Er war es, der täglich, ja stündlich das Gift des Neides in die jungen Ohren träufelte, und wenn Lili allmählich ihre besser gestellte Schwester um die schöneren Kleider, das größere Wohlleben zu hassen begann, so verdankte Postel auch dieses Herzeleid ihrem Stiefvater, und sie empfand es mit bitterem Schmerz, als sie merkte, daß ihr die Zuneigung der kleinen Lili entzogen wurde, die als Kind so zärtlich an ihr gehangen und für die Postel selbst nicht eine Stunde aufgehört hatte als für ihre einzige Schwester aufrichtige Liebe zu fühlen. Frau Röschen sprach von Lili nie anders als „der Grasaff'", „Herzens Zierpuppe", oder gab ihr noch zweifelhaftere Ehrentitel; sie richtete selten das Wort an sie und tat auch jetzt, als hätte sie die letzte Bemerkung der ihr so unausstehlichen Nichte garnicht gehört. Aber Lili zwang sie zu antworten durch die Frage: „Und wer ist wohl der Glückliche, welcher das Familienidol heimführen darf?" „Dr. Robinsohn in Grünberg, der Justiz-Kommissarius." „Nur nach Grünberg heiratet Posthuma? . . . Wo wird sie Hochzeit halten?" „Bei mir!" antwortete die Doktorin schnell. „Postel ist doch eine Waise; es ist eine Mizwe, ihr die Hochzeit auszurichten, und die lasse ich mir nicht nehmen." Sie konnte nicht weiter sprechen; denn Babette Hub an bitterlich zu weinen. Das habe sie nicht erwartet, schluchzte sie laut; all' die Jahre hindurch habe sie es still ertragen, daß man ihr das Kind entfremdete, aber daß man ihr auch das letzte nehmen werde, was einer Mutter Freude und Ehre bringt, ihre Tochter im Brautstaat aus ihrem Haus gehen zu sehen, das sei ihr die größte Charpe und Busche*,) das sei doch zu hart! Frau Röschen sah ganz erschrocken auf diesen Ausbruch mütterlichen Schmerzes: darauf war sie nicht gefaßt gewesen, und sie fragte sich bestürzt, ob sie nicht doch zu schroffe Worte gebraucht oder es sonst an der nötigen Delikatesse gegen die verarmte Verwandte habe fehlen lassen? Ja, sie war doch selbst eine Mutter — wie hatte sie nur glauben können, daß * :) Schimpf und Schande.

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