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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · p. Seite 250

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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Seite 250. Israelitische Wochenschrift Nr. 18. Die Politik. (Der ostasiatische Krieg und die Juden.) Das Amtsblatt des Gouverneurs von Bessarabien veröffentlicht folgenden Erlaß an die Geistlichkeit: „In letzter Zeit sind vielfach Nachrichten darüber eingelaufen, daß übelgesinnte Personen unter dem einfachen Volk Gerüchte verbreiten, wonach die Juden überhaupt, darunter auch die bessarabischen, sich übelwollend gegen die Regierung verhalten, daß sie Geld sammeln und es nach Japan senden; ferner werden andere lügnerische Nachrichten über die Handlungen der Juden verbreitet, wodurch das einfache Volk gegen diese aufgebracht wird. Ohne über die Ungereimtheit dieser Gerüchte ein Wort zu verlieren, erwähne ich, daß die Juden in Bessarabien seit dem Beginn des Krieges eine ebenso große Bereitwilligkeit, dem Vaterland zu dienen, wie die übrige Bevölkerung an den Tag legen und diese Bereitwilligkeit auch durch die Versicherung treuuntertänigster Gefühle für den Thron äußern, wofür sie, nach einem untertänigsten Bericht, der allerhöchsten Dankbarkeit gewürdigt wurden; ebenso äußern die Juden ihre Vaterlandsliebe durch ihre Spenden zum Besten der Kranken und Verwundeten im fernen Osten. Wenn die obenerwähnten Gerüchte, ohne widerlegt zu werden, ins Volk dringen, so kann sich leicht die Ueberzeugung festsetzen, daß sie begründet seien, was wiederum ohne Zweifel einen Haß gegen die Juden Hervorrufen kann, der leicht ähnliche Ausschreitungen veranlassen könnte, wie sie 4M April vorigen Jahres stattfanden. Zur Vorbeugung von Unordnungen habe ich die Ehre, Ew. Ehrwürden zu fragen, ob Sie es nicht für nützlich halten, daß die Geistlichen in den Kirchen und bei jeder Gelegenheit das Volk aufklären und in ihm das Bewußtsein erwecken, daß sich die Juden zu den Ereignissen im fernen Osten mit denselben Gefühlen verhalten, von denen auch die übrige Bevölkerung erfüllt ist, und gleich dieser gern und freiwrllig ihre Beiträge zur Erleichterung des Loses der Krieger im fernen Osten darbringen. Ueber die Verfügung, die Sie in dieser Angelegenheit treffen, bitte ich, mich in Kenntnis zu setzen." Auf dieses Schreiben erließ der Bischof am 6. März nachstehende Resolution an das Konsistorium zur sofortigen Beachtung:^,,Den Geistlichen aller Kirchen der Eparchie ist durch Rundschreiben mitzuteilen, daß sie bei jeder Gelegenheit ihre Gemeindemitglieder darüber aufzuklären haben, daß sich die bessarabischen Juden zu den Ereignissen im fernen Osten ebenso wie die übrige Bevölkerung verhalten und auch wie diese freiwillig Opfer bringen. Was die von übelgesinnten Personen^verbreitelen Gerüchte anbetrifft, wonach die Juden Geld für die Japaner sammeln sollen, so sind diese Gerüchte absolut unbegründet". Schließlich wird den Geistlichen vorgeschrieben, Aeußerungen eines feindlichen Verhaltens gegenüber den Juden sofort zur Kenntnis der Eparchialobrigkeit zu bringen. * * * (Abgelehntes Gnadengesuch.) Herr Bruhn von der „Staatsbürgerzeitung", der Nachfolger Ahlwardts im Reichstag, hat, von den Vorständen von 29 Berliner konservativen Vereinen unterstützt, den gnadenweisen Nachlaß des Restes der ihm zudiktierten halbjährigen Gefängnisstrafe erbeten. Sein Gesuch, angeblich vom Justizminister befürwortet, ist vom Kaiser abgelehnt worden. Das Organ des Herrn Bruhn gibt Herrn v. Lucanus teilweise Schuld an dem Fehlschlag, erkennt aber an, daß es sich um eine „höchsteigene Entschließung des Kaisers" handle, und knüpft daran folgende Betrachtung: „Es hieße Vogelstraußpolitik treiben, wollte man diese Sachlage verkennen, wollte man sich vielleicht damit zu trösten suchen, daß unverantwortliche Ratgeber, die dem Antisemitismus abgeneigt sind, oder die gar noch im Judentum stecken, in der Stunde der Entscheidung den Kaiser beraten hätten. Der Kaiser hat vielmehr durch seine Entschließung bekundet und bekunden wollen, daß er zurzeit nicht gewillt ist, mit den Parteien zu gehen, die sich als national bezeichnen, und daß^ihm^der^Börsenliberalismus und das Zentrunr zum Zweck der Förderung seiner besonderen Pläne^die uns glücklichen Zeiten entgegenführen ^sollen, gegenwärtig lieber sind." „Für den deutschen Antisemitismus liegt ein Grund zur Entmutigung ebensowenig vor. Weithin leuchten die Wettersignale, sie zeigen uns den Feind, und sie zeigen den fortan einzuschlagenden Weg. Das Schicksal, verkannt zu werden, teilen die Antisemiten mit den besten Männern aller Zeiten. Tüchtige Patrioten, die Anno 1812/13 zur Befreiung vom französischen Joch aufriefen, wurden zunächst als Rebellen behandelt, erst eine spätere Zeit wurde ihnen gerecht. Wie kann man sich da wundern, wenn auch heute in höfischen Kreisen für den Befreiungskampf kein rechtes Verständnis vorhanden ist, wenn kalte Abneigung von der Stelle erfolgt, für die man alles einsetzte! Als rückgratstarke, freie unabhängige Männer "werden die Antisemiten mit oder gegen die Regierung den Kampf für des Vaterlandes Ruhm, Freiheit und Wohlfahrt gegen jüdische Hinterlist aufnehmen, und die Zeit ist dann nicht fern, in der man auch an entscheidender Stelle von Jrrtümern befreit werden wird, die die besprochenen Entscheidungen der Krone herbeigeführt haben." * * (Graf Pückler-Klein-Tschirne.) Es ist bekannt,'.daß,Graf Pückler-Klein-Tschirne Gerichtsbefehle nicht mit besonderer Beachtung beehrt. So war er zwei Terminladungen nach Glogau nicht gefolgt. Am vorigenAreitag vormittag wurde er deshalb in Berlin verhaftet. Am Montag wurde er in Glogau zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er versichert hatte, daß die Behandlung, die ihm zuteil geworden, hunderttausend Reichsfeinde schaffen werde. Hunderttausend — nicht einen weniger! * * * (Des Grafen Pückler-Kleintschirne Prophezeiungen.) Der Dreschgraf hat in Berlin wieder eine Rede gehalten. Er sagt darin der Reichshauptstadt schlimmes Schicksal voraus, dessen Abwendung er wesentlich von der Sozialdemokratie erwartet. Sein Unheilsorakel lautet: „In einigen Jahren wird der letzte christliche Kaufmann und Handwerker begraben werden, und darüber werden sich die jüdischen Totengräber freuen, die Totengräber von Berlin. In einigen Jahren haben wir nur noch einige reiche Ramschjuden und sonst nur noch Bettler und Proletarier. Leider unterstützt die Staatsregieruug die Ramschjuden, die Herren da oben sind heutzutage alle liberal, freisinnig und Judenfreunde. Es wäre die höchste Zeit, daß wieder einige urkonservative Leute von dem altpreußischen Geist kämen. Wie man liberal sein kann, begreife ich nicht, eher, daß man sozialdemokratisch sein kann, denn unsere roten Brüder können noch ganz vernünftige, patriotische Kerle werden. Gerade die Sozialisten müssen uns helfen im Kampf gegen das völkerfressende Judentum." Die Hörer schüttelten sich vor Grausen und Lachen. -i- * * (Der deutsch-russische Handelsvertrag.) Die „Kreuzzeitung" gibt sich den Anschein, als glaubte sie nicht daran, daß Deutschland verpflichtet wäre, eine differentielle Behandlung deutscher Staatsbürger nach ihrer Konfession durch die russische Verwaltung nicht zu dulden. Sie behauptet, daß Artikel 1 des bestehenden Vertrags das ausschließe, da er ausdrücklich hervor-

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