Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- Seite 236 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 236. Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. Fräulein Rausenberger für den Verein der Lehrerinnen und Dr. Mehler für den Verein ehemaliger Schüler des Philanthropins. Direktor Dr. Philippsohn, der zwölf Jahre lang am Philanthropin wirkte^ und jetztI die Jakobsohnschule in Seesen (Harz) leitet, war persönlich erschienen, um seine und seiner Anstalt Grüße zu überbringen. Schriftliche oder telegraphische Grüße und Glückwünsche lagen in großer Zahl vor, u. a. vom Kultusminister/"von dem früheren^und dem jetzigen Oberpräsidenten der Provinz, Grafen Zedlitz-Trützschler und von Windheim, von dem Regierungspräsidenten von Hengstenberg, dem kommandierenden General von Lindequist, dem Ministerialrat Eisenhut (Darmstadt) im Namen des hessischen Ministeriums usw. Namens des Ausschusses für den Jubiläumsfonds teilte Herr^Eduard Goldschmid mit, daß diese Stiftung, an der sich mehr als tausend frühere Angehörige der Schule aus nah und fern (selbst in New-Pork und San Francisco) beteiligt haben, die Höhe von^100 000 M. erreicht hat. Als Vorsitzender des Schulrats dankte^Stadtrat a. D. Horkheimer für all diese Zeichen der Anerkennung und Dankbarkeit und überreichte dem früheren langjährigen Lecker der Anstalt, Direktor Dr. Bärwald, die für ihn allein in Gold geprägte Jubiläumsdenkmünze. Von lebhaftem Beifall begrüßt, erschien der greise Direktor auf der Rednerbühne, um tiefergriffen seinen Dank mit Segenswünschen für die Anstalt zu verbinden. Gegen 1 Uhr schloß Herr Fritz Auerbach die erhebende Feier mit einem begeistert aufgenommenen Kaiserhoch, worauf die Festversammlung unter Orgelbegleitung die Kaiserhymne sang. Die XTurincr Bibliothek. Von Professor Dr. A. Berliner. II. Ein anderes höchst wichtiges Werk, das mit zu den durch den Brand vernichteten Handschriften gehört, ist ebenfalls durch eine Abschrift, die vor mehreren Jahren hiervon genommen wurde, gerettet worden. Es ist der Siddur des Amram Gaon, von dem Zunz in seinem Buch die Ritus pp. nur einen sehr beschränkten Gebrauch nach einer Handschrift, die er nicht näher angibt, machen konnte. Inzwischen ist in Warschau der Siddur nach einer Handschrift in Jerusalem gedruckt worden. Allein, es ergab sich bald, daß wir hierin nur einen Auszug aus dem eigentlichen Werk zu erblicken haben, eine jüngere Rezension, die ohnedies mit vielen späteren Zutaten interpoliert war. Als ich im Juni 1873 die Turiner Bibliothek kennen lernte, fesselte vorzüglich der schöne, starke Quartband, auf Pergament den ganzen Amram-Siddur enthaltend, meine Aufmerksamkeit. Zu wiederholten Malen kehrte ich zu dieser Handschrift zurück, die schon in ihrer äußeren Ausstattung eine angenehme Augenweide bot. Den Wunsch, von diesem voluminösen Kodex eine Abschrift zu erlangen, mußte ich umsomehr unterdrücken, da in Turin zur Zeit ein geeigneter Abschreiber sich nicht fand. Aber mein Hinweis auf diese Handschrift, den ich später bei verschiedenen Gelegenheiten geben konnte, rührte das wissenschaftliche Gefühl des Professors Salomon Schechter, früher in Cambridge, jetzt in New-Aork als Direktor des theologischen Seminars, und er fand Wege und Mittel, um sich eine vollständige Kopie von dem Amram-Siddur anfertigen zu lassen. Die Bearbeitung und Veröffentlichung, die wir bald erwarten wollen, wird uns in den Stand setzen, die Entwicklung des Gebet-Rituals näher und vollständiger zu verfolgen, als sie Zunz zur Zeit mit beschränkten Materialien zur Darstellung bringen konnte. Hier liegt noch ein großes Arbeitsfeld brach, das der geeigneten Bearbeitung harrt. Seitdem Zunz die Feder aus der Hand gelegt bis zur Gegenwart ist auf dem Gebiet der synagogalen Literatur ein massenhaftes Material aus dem Dunkel der Bibliotheken wie, buchstäblich, aus tiefem Schacht der Erde — man denke an die Funde der Genisah — ans Tageslicht gefördert worden. Wo aber sind die Arbeiter, die es verstehen, die gewonnenen Schätze zu verwerten, sie systematisch unterzubringen und dunkle Lücken bei Zunz lichtvoll auszugestalten? Es wäre eine dankbare Aufgabe für die wissenschaftlichen Vereine, hier ihre materiellen Mittel eintreten zu lassen, um solche literarischen Unternehmungen zu fördern. Vorzüglich müßten solche befähigten Gelehrten. unterstützt werden, die, am kleinen^Orten lebend, die Schwierigkeiten überwinden müssen, um sich in den Besitz der an verschiedenen Orten zerstreut liegenden Materialien setzen zu können. So hat uns Zunz seine klassischen Werke über die synagogale Poesie hinierlassen — es sind aber die darin gebotenen Anfänge der Poesien noch weniger als Melodien ohne Texte. Tritt man an einzelnes näher, um es genau kennen zu lernen, so gerät man in Verlegenheit, weil die Quellen, aus denen Zunz seine Mitteilungen geschöpft hat, nicht genannt werden. Es soll in dem literarischen Nachlaß Zunzens ein solcher Quellennachweis vorhanden sein — aber wer nimmt sich dessen mitleidig an? Allerdings würde die Veröffentlichung eines solchen Nachweises nur auf die Angaben bei Zunz sich erstrecken. Hieran müßte sich dann das noch größere Verzeichnis mit Quellennennung für das inzwischen gewonnene Material anreihen. Mit einer solchen umfassenden Arbeit müßte von den Wenigen, die hierzu berufen sein könnten, in erster Reihe Dr. Heinrich Brody, Rabbiner in Nachod, betraut werden, der seit Jahren auf diesem Gebiet tätig ist. Er hat seine Meisterschaft durch die geniale Herausgabe des Diwan Jehuda ha Levis glänzend erwiesen. Abgeschlossen und vollendet liegt jetzt dieses Nationalwerk vor uns. Das letzte Heft erscheint im 19. Jahrgang des hebr. Literaturvereins (Mekize Nirdamim), dessen Schriften im nächsten Monat zur Versendung gelangen werden. Es dürfte sich lohnen, den großen Wert dieser gelehrten Leistung, an der auch Professor Dr. Bacher Md Rabbiner Dr. A. Ehrlich beteiligt waren, näher zuMleuchten, wie es bereits nach sprachlicher Beziehung von Assessor Dr. I. Goldziher geschehen ist. Mm Gedächtnis Salomon Sichers. Von Eduard Mirnvaum. V. Mannheimer kannte auch, wie bereits angedeutet wurde, die damaligen Berliner, Hamburger und Leipziger Gesänge, und konnte somit alles das ergänzen, was bis dahin Sulzer etwa unbekannt geblieben war. Die Berliner Gesänge, die zum Teil in Seesen und Kassel auf Veranlassung Jsr. Jacobsons durch Dr. Heinroth u. and. geordnet und gesetzt wurden (auf eine „objektive" Lebensbeschreibung Jacobsons von Prof. Kleinschmidt verweist mein Freund L. Horwitz in Kassel in seiner Schrift: Die Israeliten unter dem Königreich Westfalen, S. 22), boten sowohl in ihren „Chorälen" wie in ihren hebräischen Bestandteilen geradezu ein Jammerbild dar. Fader Choral und ebenso fade, an das Schullied gemahnende Melodik, die nicht einmal an die Sulzer bekannt gewordenen Gesänge der elsaß-lothringischen Juden heranreichte, von denen erzählt wird, daß sie bald das Lied „Cadet Roussel", bald „J’ai du