Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- Seite 235 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Israelitische Wochenschrift. Seite 236 die, erfüllt von idealer Begeisterung, edle Taten wahren Menschentums vollbracht haben. Zeugnis von diesem Geist geben die anhängliche Gesinnung, die der Schule die früheren Zöglinge bewahrt, der Eifer, mit der sie später für das Gedeihen der Schule als Mitglieder der Verwaltung oder als Lehrer und Lehrerinnen gewirkt, die Bereitwilligkeit, mit der sie ihre Kraft für alle der Schule förderlichen Bestrebungen zur Verfügung gestellt haben, die Stiftungen für die Witwen und Waisen der Lehrer, für arme Schüler und Studierende, wie sie in gleichem Umfang kaum eine zweite Anstalt in unserem Vaterland auszuweisen vermag. Und über den Kreis der Zöglinge hat unsere Schule vorbildlich namentlich auf die israelitischen Gemeinden Deutschlands gewirkt, denen sie einen mustergiltigen Religionsunterricht, einen den Ansprüchen der Zeit gemäß gestalteten weihevollen Gottesdienst gebracht hat. Diese segenbringende Wirksamkeit der Schule ist schon in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens von klarblickenden Führern der Gemeinde erkannt worden. Als ihre Existenz durch die Verweigerung des staatlichen Zuschusses gefährdet war, sind jene Männer mit Eifer für ihren Fortbestand eingetreten und haben es erreicht, daß die israelitische Gemeinde die Anstalt als Gemeindeinstitut übernahm und in ausreichender Weise für sie sorgte. Die Erhaltung der Schule wurde eine Ehrenpflicht der späteren Geschlechter, selbst als das Philanthropin nicht mehr in der Lage war, wie in den ersten Zeiten, den größten Teil der Jugend der Gemeinde zu Unterricht und Erziehung in seinen Räumen zu vereinen. Dem Wohl der Gemeinde, der Stadt und des Vaterlandes wird auch weiterhin die Arbeit der Schule gewidmet bleiben. Wie in der Vergangenheit, wird sie auch weiterhin unverrückt das Ideal festhalten, dem sie ihren Ursprung verdankt: die Humanität. In der Treppenhalle unseres Schulhauses sind die Büsten von Lessing, Mendelssohn und Goethe 'gegenüber der Tafel angebracht, die Siegmund Geisenheimers segensvolle Schöpfung nachkommenden Geschlechtern kündet. Lessing—Mendelssohn- Goethe: Humanität—Aufklärung—deutsche Geistesbildung, sie mögen unsere Jugend wie in dem vergangenen, so auch im kommenden Jahrhundert der Schule leiten und zu gleich edlen Taten führen, wie vor nun 100 Jahren die Begründer des Philanthropins. (Lebhafter Beifall.) Nachdem der Schülerchor „Psalm 150" von Lewandowski gesungen hatte, begannen die Begrüßungsreden. . Namens des Provinzialschulkollegiums sprach Herr Provinzialschulrat Dr. Kaiser. Redner überbringt die wärmsten Glückwünsche. Der Vorsitzende des Provinzialschulkollegiums, der Herr Oberpräsident, ist durch anderweitige dienstliche Inanspruchnahme zu seinem Bedauern verhindert, hier zu erscheinen, aber er wie alle anderen Mitglieder der Körperschaft nehmen warmen, herzlichen Anteil an dieser Feier. Das Provinzialschulkollegium weiß, ein wie wichtiges Glied das Philanthropin in der Reihe der höheren Schulen Frankfurts bildet. Welche Ideen die Schule verfolgte und welche wechselnden Geschicke die aus kleinen Anfängen hervorgegangene Anstalt durchmachte und welche Wandlungen im Lehrplan eintraten, das alles ist bereits gesagt worden. Redner verbreitet sich weiter über die Ziele des Philanthropins, das seine Schüler zu deutschen Bürgern erziehe. Deutscher Sinn, deutsche Bildung und deutsche Sprache sollten gefördert werden Zu dem Gebrauch der gesunden Vernunft gehöre die gläubige Gottesfurcht, wie es die Anstalt gelehrt habe. Die Ideen des Philanthropins waren glücklich verkörpert in den Mitgliedern des Lehrkollegiums und des Schulrats, und das gute Einvernehmen zwischen ihnen und der staatlichen Aufsichtsbehörde sei nie gestört worden, was letztere ebenso wie die umsichtige Tätigkeit des Schulrats anerkenne. Auch der Kaiser sei der gleichen Ansicht wie die staatliche Aufsichtsbehörde, und er habe dem Vorsitzenden des Schulrats, Stadtrat a. D. Horkheimer, und seinem Stellvertreter, Herrn Kaufmann Max Dann, den Königl. Kronenorden vierter Klasse verliehen. Ferner erhielten Direktor Dr. Adler und Oberlehrer Dr. Epstein den Roten Adlerorden vierter Klasse, Vorschullehrer Scherer den Königl. Kronenorden vierter Klasse und der Schuldiener Olesch das allgemeine Ehrenzeichen. Redner schloß mit den besten Wünschen für die weitere Entwicklung der Anstalt. (Lebhafter Beifall.) Oberbürgermeister Dr. Adickes spricht die herzlichsten Glückwünsche des Magistrats und der Stadt Frankfurt aus. Vor einem Jahr — so führte der Redner aus — feierte die Musterschule ihr Jubiläum und heute das Philanthropin, das den gleichen großen Strömungen jener Zeit entsprungen ist. Das 18. Jahrhundert stellte eine Reihe von Idealen auf, die man immer von neuem zu verwirklichen versuchte. In der Geschichte der inneren Umgestaltung des Judentums nimmt das Philanthropin eine bedeutende Stellung ein. Schon unter dem großen Kurfürsten und dem großen Friedrich war das Judentum in neue Bahnen gelenkt und zahlreiche Schulen im Anschluß an die deutsche Kultur gegründet worden. In der alten Reichsstadt reichten die Strömungen vom Osten dazu nicht aus, es bedurfte der Wetterschläge von Westen, um die neue Bewegung einzuleiten. Es waren dazu nötig die Verkündigung der Menschenrechte in Frankreich, 1796 die Einäscherung der Judengasse durch den General Kleber und andere Umstände. Geisenheimer entdeckte sein pädagogisches Talent dadurch, daß ihm Rothschild, der Gründer des bekannten Welthauses, einen verwahrlosten Jungen zur Erziehung überwies. Wenn wir lesen, wie die ersten Männer Frankfurts, Bethmann, Günderrode und Hufnagel sich der Anstalt anuahmen, so erfüllt uns das mit äußerstem Interesse. Tüchtige Geschlechter sind im Schatten dieses mächtigen Baumes ausgewachsen, tüchtig inl wirtschaftlichen Leben und tüchtig in Staat und Gemeinde. In unserem Vaterland, das nicht wie andere Länder auf Jahrhunderte alte ruhmreiche Traditionen zurückblicken kann, müssen alle Kräfte zusammengehalten werden, wenn wir in dem Wettstreit der Nationen bestehen wollen. Aehnlich geht es Frankfurt unter den deutschen Städten. Und da ist es ein Glück, daß diese Anstalt hier existiert und eine Reihe großer Männer herangebildet hat. Gottesfurcht und Vaterlandsliebe mögen fortan ebenso die Anstalt leiten, wie dies im abgelausenen Jahrhundert der Fall war. Das walte Gott! (Lebhafter Beifall.) Namens der israelitischen Gemeinde sprach als Dritter Rechtsanwalt Dr. Blau und kündigte an, daß die Gemeinde zu dieser Feier der Schule ein Bild des Kaisers gestiftet und ihrem Wunsch nach Anschaffung eines Harmoniums entsprochen habe. Die Glückwünsche der Direktoren der höheren Lehranstalten Frankfurts überbrachte der Leiter des Goethe-Gymnasiums, Geh. Reg.-Rat Dr. Reinhard, wobei er daran erinnerte, daß an der Wiege des Philanthropins auch die Leiter der beiden einzigen damaligen höheren Schulen Frankfurts, der alten Lateinschule und der Musterschule, standen. Die Direktoren der Musterschule und der Elisabethenschule, Walter und Keller, überbrachten als Dank für die zu ihrer vorjährigen Hundertjahrfeier ausgesprochenen Glückwünsche ein Gedenkblatt. Direktor Dörr von der Liebig-Realschule sprach der ältesten Schwester. anstatt die Glückwünsche der übrigen Realanstalten aus, Herr Wilhelmy die der Handelskammer. Weiter sprachen Rektor Hinkel für die Rektorenvereinigung, Lehrer Ries für den Lehrerverein, Rektor Cuhn für die allgemeine Lehrerversammlung,