Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 234. Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. haben sollte. Im Rahmen der Schule wurden durch diese Ideen besonders die sogenannten Gesinnungsfächer, der Religions- und geschichtliche, wie der deutsche Unterricht beeinflußt. Der Religionsunterricht widerspricht nach der Ansicht der Begründer und ersten Lehrer der Anstalt geradezu seinem Zweck, wenn in ihm die konfessionellen Unterschiede, die nur die Menschen trennen und verfeinden, den Kindern nahegebracht werden. Das Kind wird aus dieser Anschauung heraus nur in dem sogenannten Moralunterricht unterwiesen; erst in der Oberstufe wird ihm der jüdische Glaube nahegebracht und auch hier nur gelegentlich bei der Behandlung der jüdischen Geschichte. Welch gewaltige Umwälzung in der Denk- und Anschauungsweise der ehemaligen Ghettobewohner! Mit der veränderten Anschauung von der Religion muß naturgemäß auch der herkömmliche Gottesdienst von Grund aus umgestaltet werden. An die Stelle der hebräischen Liturgie tritt in der Andachtsstunde, die seit 1811 am Sonntag jedesmal vor Eröffnung der Schule abgehalten wird, deutscher Gesang in Begleitung der Orgel, an die Stelle der Rede des Rabbiners eine Ansprache über einen moralischen Gegenstand. Auf diesem Boden können natürlich konfessionelle Sonderungen nicht bestehen, und als in demselben Jahr 1811 ein christlicher Bürger um Aufnahme seines Sohnes in das Philanthropin bittet, stimmen die Vorsteher freudig zu und erklären zu Protokoll, daß schon der Name der Schule jede einseitige Beschränkung ihrer Wirksamkeit ausschließe. Sie sei bisher jüdisches Philanthropin in dem Sinn genannt worden, daß ihre Wohltaten zunächst den Glaubensgenossen der Begründer zukämen, nunmehr sei diese Beifügung wegzulassen und die Schule lediglich „Philanthropin" zu nennen. Mit ihren Anschauungen waren indes Leiter und Lehrer ihrer Zeit weit vorausgeeilt, und sie mußten es bald geschehen lassen, daß kühlere und ruhigere Naturen die religiöse Unterweisung der Jugend übernahmen, die an die geschichtliche Entwicklung des Judentums anknüpften. Die Andachtsstunde des Sonntags wurde zur Sabbatfeier umgewandelt, und im Andachtssaal des Kompostells ertönten die alten Gesänge in deutschem Gewand gleichzeitig neben den religiösen Liedern deutscher Dichter; hier wurde das Gotteswort von geistig hervorragenden, modern gebildeten jüdischen Theologen der zahlreichen Gemeinde in mustergiltiger Form übermittelt und das religiöse Interesse namentlich der gebildeten Schichten durch Jahrzehnte in außerordentlich reger Weise wachgehalten. Johlsons „Lehrgebäude der israelitischen Religion" gestaltete sein Mitarbeiter und Nachfolger Michael Creizenach in freiheitlichem Sinn weiter aus. Noch größere Wirkung übte .der feinsinnige, sprachgewaltige Lehrer durch seine Vorträge im Andachtssaal und in seinen Ansprachen bei der Konfirmation, die seit 1828 am Philanthropin alljährlich stattfand. Der feste Grund für einen modernen Unterricht in der jüdischen Religion wurde durch zwei weitere Lehrer der Anstalt, Markus Jost und Jakob Auerbach, gelegt. Die segensvolle Arbeit dieser bedeutenden Männer hat den israelitischen Religionsunterricht zu der Höhe geführt,^ die er heute in unserem Vaterland einnimmt. In ihrem Unterricht haben sie den Schülern gezeigt, daß an idealem Ringen und Streben Religion und wahre Wissenschaft teilnehmen, daß der angeblich unüberbrückbare Gegensatz zwischen religiöser und wissenschaftlicher Weltanschauung nicht besteht. Eine gleiche Ausgestaltung und Vertiefung wie die religiösen, erfuhren im Laufe der Zeit die politischen Ideen. Mit lautem Jubel vernahmen auch die Juden das Wort von der wesentlichen Gleichheit der menschlichen Natur, von den Zufälligkeiten^der historischen Bildungen, und so entstand ein Weltbürgertum, dessen einziges Interesse eine vernünftige Regierung ist, das kein Verständnis besitzt für den nationalen Staat, die nationale Einheit, das Nationalgesühl. Zu diesem Weltbürgertum, dem übrigens damals alle Bevölkerungsschichten, nicht bloß die Juden anhingen, wird die Jugend in dem neubegründeten Philanthropin wie auch in den übrigen Schulen herangebildet; niemand empfindet die Schmach, die dem deutschen Namen grade um diese Zeit angetan wird. In begeisterten Worten begrüßen Grüner von der Musterschule, wie Geisenheimer und Heß vom Philanthropin die neue Zeit des freien Menschentums, des tatkräftigen Idealismus, nicht genug können sie den Fürstprimas von Dalberg preisen, dessen „heiliger Wandel" „der Leitfaden" sein soll, nach dem sie ihr Wirken richten wollen. Und doch tritt noch während der napoleonischen Aera ein Umschwung in diesen Anschauungen ein. Die hehren Schöpfungen der deutschen Geisteshelden, mögen diese selbst auch von kosmopolitischen Ideen erfüllt sein, schaffen einen neuen Boden für deutsche Bildung, aus der sich als herrliche Frucht der nationale Gedanke erhebt. Wie für alle Schulen gibt er auch für das Philanthropin fortab die Grundlage der Erziehung. Eine deutsche Schule zu sein, bleibt allezeit unserer Anstalt Stolz, deutsche Bildung, deutsche Gesittung zu pflegen ihr oberstes Ziel. Derselbe Oberlehrer Heß, der in der ersten von ihm verfaßten Schulschrift die Erziehung zum Weltbürgertum als vornehmste Aufgabe jeder wahren Erziehungsanstalt fordert, ist schon wenige Jahre später — 1814 — zu der Ueberzeugung gelangt, daß diese Aufgabe in der Heranbildung tugendhafter und wahrhaft religiöser Bürger des Vaterlandes liegt, und in unentwegter Treue hat er in diesem nationalen Geist das Philanthropin bis in sein hohes Alter geleitet. Diesen nationalen Geist zu pflegen, war das gleicheifrige Bemühen aller seiner Nachfolger. In der trüben Zeit der Reaktion, als die Betätigung deutscher Gesinnung als Hochverrat gebrandmarkt wurde, hat der Nachfolger von Heß, Sigismund Stern, ein hervorragendes Mitglied der Gothaer Partei und des Nationalvereins, für die Herstellung einer festen Einigung unter den deutschen Stämmen durch seine Schriften wie namentlich durch sein lebendiges Wort auf den Versammlungen des allgemeinen deutschen Lehrervereins, bei der Enthüllung des Frankfurter Schillerdenkmals gewirkt und jede Gelegenheit im Unterricht, wie bei den Schulfeiern (so beim hundertjährigen Geburtstag Schillers, beim Dahinscheiden Uhlands) benutzt, um die Zöglinge für das Vaterland zu entflammen. Dem Vaterland zu dienen, das war allezeit auch der Stolz meines hochverehrten Herrn Amtsvorgängers, den Gottes Gnade diesem Fest beiwohnen läßt. Diese Treue, diese Liebe''zum deutschen Vaterland, oder wie wir heute mit gehobenem Gefühl sagen können, zu Kaiser und Reich, ist gleichmäßig fest und innig geblieben, welche Wirkung auch immer die wechselnden politischen Verhältnisse nach den Freiheitskriegen bis zur Gegenwart auf Schule und Lehrer übten. Durch dieses Gefühl der innigen Zusammengehörigkeit, durch stille, rastlose Geistesarbeit hat sich das Philanthropin die Gleichwertigkeit und Ebenbürdigkeit mit den übrigen Schulen der Stadt und des Vaterlandes errungen und erhalten. Unsere Zugehörigkeit zur deutschen Nation und unsere ernste, pflichteifrige Tätigkeit wird auch am sichersten alle Schranken, die sich uns noch entgegenstellen, beseitigen und uns die Mitarbeit überall da ermöglichen, wo sich die Befähigung des Einzelnen zum Wohl und Gedeihen unseres Vaterlandes verwerten läßt. Mit dieser unerschütterlichen Zuversicht schreitet die Schule in das zweite Jahrhundert ihres Bestehens. Mit gerechtem Stolz darf sie hierbei auf den reichen Segen zurückblicken, der von ihr seit ihrer Begründung über diese Stadt und das Vaterland ausgegangen ist. Sie hat Tausende von Schülern und Schülerinnen mit den für das Leben notwendigen Kenntnissen und Fertigkeiten ausgestattet, und gerade aus dieser Realanstalt ist eine stattliche Zahl von Männern und Frauen hervorgegangen.