Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 227 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16 Israelitische Wochenschrift. Seite 227. ruhigen, und nahm an seiner Stelle das Wort: „Herrn Robinsohns Vater ist auf einer Geschäftsreise in Warschau schwer erkrankt; hoffen wir, Jaques, daß Ihre Befürchtungen unnütz sind, und daß Sie Ihren Vater wohler finden, als die Nachrichten Sie hoffen lassen." „Meine Hoffnung ist sehr gering", antwortete der Assessor mit schwacher Stimme. „Der Brief des Gastwirts, bei dem er seit Jahren in Warschau absteigt, läßt mich das Schlimmste erraten." „Sagen Sie doch", unterbrach ihn Emil, „unter Leuten, die, wie wir, bald nahe verwandt sein werden, ist diese Frage wohl erlaubt: Sind Sie mit Geld ausreichend versehen? Kann ich Ihnen nützlich sein?" „Ich danke Ihnen, ich habe mehr, als ich für ein Vierteljahr auf Reisen brauchen würde, bei mir; außerdem weiß ich, daß mein Vater, wenn er nach Rußland geht, stets eine größere Summe bei sich führt, abgesehen von den Brillanten, die er, wie Sie ja wissen, immer drüben zum Verkauf abgab. Man wird ihn während seines Krankenlagers wahrscheinlich bestehlen und ausplündern; es wäre mir gleich, wenn ich ihn nur noch lebend antreffen würde... Ich habe Urlaub auf unbestimmte Zeit; verträgt der Vater die Strapazen der Reise, so bringe ich ihn nach unserer Heimat, nach Königsberg; auf keinen Fall glaube ich, daß ich Sie vor einigen Monaten wiedersehe." „Reisen Sie Gesunderheit, und wenn Sie wiederkommen werden" . . . Stahl warf einen fragenden Blick auf Posthuma, die errötend dem Assessor die Hand reichte. „Sie werden mir treu bleiben, Geliebte?" fragte Robinsohn und suchte angstvoll ihren Blick. „Ja", antwortete Postel; sie meinte es ehrlich, und ärgerte sich über sich selbst, daß ihr Herz noch immer nach dem Andern schrie. Und um sich selbst jede Brücke abzubrechen, sprach sie fest: „Drei Monate, nachdem Sie wiederkehren, 'soll unsere Hochzeit sein". Robinsohn zog einen Ring von seiner Hand und steckte ihn Postel auf; er fiel zur Erde, da der Reifen für ihren schmalen Goldfinger viel zu weit war. Postel hob ihn auf und versuchte ihn an einem andern Finger; er paßte leidlich an dem zweiten, und sie gelobte, den Ring schon morgen verengern zu lassen, um ihn dann immer zu tragen. „Ich kann Sie nicht küssen", klagte Robinsohn, „das kommt mir in meiner Lage wie eine Sünde vor." „Sie werden es nachholen", begütigte Emil, „wenn Ihr Vater genesen sein wird. Schreiben Sie Ihre Adresse an Doktor Stahl in Grünberg, dort werden Sie auch unseren Aufenthaltsort erfahren... Ja, so. Sie wissen noch nicht, daß ich mit Postel morgen nach Paris gehe. Es ist dies eine j beschlossene Sache, an der augenblicklich nichts zu ändern ist." Wider Erwarten machte Robinsohn keine Einwendungen; er fragte nur etwas bänglich: „Und wie lange werden Sie fortbleiben?" „Das richtet sich nach Ihnen, mein Bester", rief Emil, erfreut, daß der Assessor keinen Einspruch gegen die Reise erhob. „Wenn Sie Ihre Braut rufen werden, bringe ich sie Ihnen zurück. Unterdes soll Röschen, die beste aller Tanten, Ihnen das Nest einrichten, in dem Sie hausen werden". Robinsohn umklammerte Stahls breite Rechte mit kurzem Druck, dann zog er Posthuma an sich: „Ich muß nun fort!" „Möge Ihr Ausgang ein gesegneter sein!" sprach Postel sanft. „Gott gebe, daß Sie alles besser antreffen, als Sie erwarten!" Er preßte ihre Hände an seinen Mund, dann verließ er schweigend das Zimmer. So endete Posthumas Verlobungs-Abend. Am anderen Tag, schlag zwölf Uhr saßen Emil und Postel im Eisenbahnkupee und erwarteten das Abfahrtssignal ihres Zuges. Plötzlich wurde der Wagenschlag noch einmal aufgenssen, ein gallonierter Diener erschien und überreichte Posthuma einen mächtigen Rosenstrauß. „Fertig", schrie der Schaffner, die Kupeetür zuwerfend, und der Zug raste an dem Gallonierten vorbei. „Hie gut Leuchtenburg alleweg", brummte Emil und ließ sein Auge verdrießlich über die Rosenpracht gleiten, die mit ihrem Duft das ganze Kupee erfüllte, „dein junger Graf fängt an, mir fürchterlich zu werden". „Es ist nicht von Alfred". Ihr scharfes Auge hatte sogleich entdeckt, daß am Stiel des Straußes verborgen ein Brief und eine winzige Schachtel befestigt waren; die Enveloppe des Briefes zeigte eine Handschrift ähnlich der Alfreds, nur runder und zierlicher. Der Bogen, unter dessen goldenem Rand der Namenszug des Fürsten prangte, enthielt nur die eine Zeile: „Nehmen Sie meine besten Abschiedsgrüße und den Dank meiner Muster. Adalbert, Fürst Leuchtenburg". „Nett von Seiner Durchlaucht dieses Adieu durch die Blume", lächelte Emil befriedigt. „Ich glaubs ihm, daß unsere Abreise ihm ein großes Vergnügen bereitet. Was hast du da für ein hübsches Spielzeug, Kind? Laß sehen!" Postel hatte mittlerweile die kleine Schachtel geöffnet: auf dunkelblauem Samt blitzte ihr ein in Diamanten gefaßtes Medaillon entgegen, das auf Email gemalt ein sprechend ähnliches Miniaturporträt Alfreds als zwölfjähriger Knabe enthielt. Das Bild zeigte vollkommen den liebenswürdig-treuherzigen Ausdruck, durch den der Fremde am Zaun sogleich das Herz des verlassenen Kindes gewonnen, und es war Postel, als hörte sie, wie damals, die rührende Frage: „Warum weinen Sie? Sie weinen immer..." „Du", sagte Emil scherzend, „diese Steine repräsentieren ein Vermögen. Wenn der Herr in der rue Lafitte uns nicht akkreditiert, borge ich mir solch' ein blitzendes Ding von dir aus" . . . Aber er sah Postel nicht an, während er zu ihr sprach; denn er wußte recht gut, daß sie weinte... — — In dem Vorzimmer der Kanzlei des Dr. Robinsohn warteten mehrere Parteien ungeduldig, zu dem jungen Justiz- Kommissarius hineingerufen zu werden; besonders ein Herr in der Mitte der vierziger Jahre ging sehr erregt auf und ab, und jedesmal, wenn ein anderer der Wartenden vor ihm den Sprechraum betrat, schnitt er ein ärgerliches Gesicht oder stampfte mit leisem Fluch den Fußboden. Gerade, als sich eine jüngere, offenbar dem dienenden Stande angehörige Frauensperson anschickte, vor ihm hineinzugehen — was ihr gutes Recht war, denn sie hatte schon eine gute Stunde vordem Eintritt des Ungeduldigen auf ihr Darankommen gewartet — trat der Herr kurz auf sie zu und heischte nicht allzufreundlich: „Heda, liebes Kind! Sie könnte mir wohl den Vortritt lassen; ich meine. Sie versäumt weniger als ich!" „Gewiß, Herr Herz", sagte die junge Person demütig, „wenn ich Ihnen dienen kann." „Wie, Sie kennen mich?" fragte Herz, das Mädchen aufmerksamer betrachtend. „Aber wie ist mir denn? — Ich habe Sie doch wohl früher häufiger gesehen?" „Freilich, Herr Herz. Ich bin j<r die Agnes, die solange bei Fräulein Posthuma gedient hat; aber es ist freilich kein Wunder, daß Sie mich in diesem elenden Aufzug nicht wiedererkennen."