Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 228 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 228. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16 Herz wurde mit einemmal sehr freundlich. „Wir sprechen uns nachher noch, meine Beste. Erwarten Sie mich ja und ja hier!" ries er, dem Mädchen sehr verbindlich zunickend, und eilte in die Kanzlei. Herz war ein Mensch, der Zeit seines Lebens immer mit den Gerichten zu tun hatte, denn mit irgendwem prozessierte er stets herum, und er hatte schon manches schöne Stück Geld bei den Advokaten sitzen lassen. Er kannte Robinsohn nicht: er hatte auch noch keine Ahnung von den Beziehungen, die zwischen dem jungen Justiz-Kommissarius und seiner Stieftochter walteten. Ein Bekannter hatte ihm die große Gewandheit und Klugheit Robinsohns gerühmt, und Herz war nun willens, seine oft recht bedenklichen Angelegenheiten von dem „Neuem" ins Gleiche bringen zu lassen. Herz war sehr erstaunt, in dem Justiz-Kommissarius, von dem alle Welt so viel Rühmens machte, einen noch sehr jungen Mann zu finden; er hatte sich ihn auch nicht so elegant und gut aussehend vorgestellt: Das hübsche Gesicht und die ganz nach der Mode des Tages gekleidete Gestalt machten einen großen Eindruck auf den selbst noch überaus eitlen Mann; er empfand beinahe so etwas wie blitzartige Zuneigung für den jungen Juristen, und der Anblick des mit gemessener Haltung seine Ansprache erwartenden Advokaten weckte in Herzs spekulativem Kopf sogleich die abenteuerlichsten Pläne. „Habe ich die Ehre mit Herrn Dr. Robinsohn?" „Der bin ich. Womit kann ich Ihnen dienen?" Herz setzte ihm nun sehr weitschweistg sein Anliegen auseinander: Er habe ein Haus mit Gehöft und Garten in Freystadt, das er zu verkaufen wünsche, denn er wolle fortziehen aus dem Ort. Seine einzige Tochter sei nun herangewachsen, und es wäre eine Sünde gegen das Kind, ein selten schönes, wohlerzogenes Mädchen — ja, er dürfe dreist sagen, so etwas Bildschönes und Großartiges wie seine Lili sei überhaupt nirgendwo anders noch zu finden — ein so selten liebreizendes Wesen in einem Nest wie Freystadt zu verbergen. Leider erwüchsen ihm Schwierigkeiten bei dem Verkauf der Besitzung, da ein Teil davon auf bic Namen der Geschwister seiner Frau ausgestellt sei. Er lebe mit diesen seit einem Jahr in vollkommenem Unfrieden — Menschen, mit denen der Beste sich nicht vertragen könne, und die es samt und sonders darauf abgesehen hätten, ihn um Ruhe und Gut zu bringen. Aber immerhin wolle er (Herz) nachgeben, wie er immer nachgegeben habe, wenn man ihm diesmal in seinem Vorhaben nicht wieder hinderlich sein würde. Sein Verlangen an Robinsohn gehe dahin, daß dieser einen Vergleich zustande bringe: die Brüder Stahl sollten auf ihren Anteil an der Freystadtschen Besitzung verzichten, wofür ihnen Herz eine größere Abfindungssumme zahlen würde, natürlich in Raten und in von ihm selbst zu bestimmenden Zeitabschnitten. Falls die Herren auf diese billigen Vorschläge nicht eingehen, würde er das Haus an den ersten Besten verkaufen, mit dem die Brüder dann sich abzusinden hätten, ganz abgesehen, daß sie ihre eigene Schwester durch ihre halsstarrige Weigerung schwer schädigen würden. Robinsohn hatte ihn sehr aufmerksam angehört: „Herr- Robert Herz aus Freystadt?" fragte er verbindlich. „Ganz recht! Verzeihen Sie, daß ich verabsäumte, mich näher bekannt zu geben." „Herr Herz, es tut mir leid, daß ich den mir zugedachten Auftrag nicht werde übernehmen können." „So, so! Und warum nicht, mein Bester? Es ist doch eine ganz glatte Sache." „Nicht so glatt", fuhr Robinsohn fort, „als Sie wohl glauben mögem Wir haben doch kein Mittel, Jemanden zu zwingen, ein Anrecht an ein Besitztum aufzugeben!" „Oho, ich kann Nachweisen, daß meine Frau bei der Erbteilung von den Brüdern verkürzt wurde." „Das müßten Sie denn erst Nachweisen können, allerdings — aber erstens dürfte die Sache wohl schon verjährt sein, und zweitens könnte ich Ihnen diesen Prozeß nicht führen, denn", fügte er mit leisem Lächeln hinzu, „es ist mein künftiger Schwiegervater, gegen den Sie mich als Anwalt werben wollen." „Ihr Schwiegervater?!" — Herz machte große Augen — „Unmöglich! Dr. Stahl hat ja gar keine Tochter." „Natürlich spreche ich von Herrn Emil Stahl. Ich bin der Verlobte Posthumas und denke, in drei Wochen mit ihr glücklich vermählt zu sein." „Posthuma verlobt!" Herz ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen; für den Augenblick war er nicht imstande, seines alten Hasses Meister zu werden und sich anstandshalber vor diesem Fremden da auf das Notdürftigste zu verstellen. „Und davon erfahre ich erst in dieser Minute das erste Wort! Da sieht man wieder die hinterlistige, versteckte Gesellschaft . ." „Herr Herz, mehr Achtung, bitte ich!" Robinsohn trat, unangenehm berührt, von ihm zurück. „Sie sprechen von meinen Verwandten." „Und die meinigen sind es nicht?!" brauste ihm Herz entgegen. „Wenn Sie wüßten, was mir diese Stahls in den langen Jahren schon alles angetan haben! ... Ist es eine Art, daß weder ihre Mutter, noch die Schwester, noch ich zur Zeit in Kenntnis gesetzt werden, wenn sich das Fräulein verlobt?! Und das ist der Dank für alles Gute, was dem Mädel in meinem Haus erwiesen worden ist! Aufgeopfert habe ich mich für sie, aufgeopfert", kreischte er zornsprühend. Am liebsten hätte er Robinsohn ins Gesicht geschrien: Du gefällst mir, und darum würde ich Dich am allerwenigsten ihr gönnen. Robinsohn war ganz und gar keine gutmütige Natur; er hatte die größte Lust, den sich so unwirsch geberdenden Mann an die Luft zu setzen, und das Wenige, was er von Urteilen Emils und Postels über Herrn Robert Herz noch in Erinnerung hatte, war höchst ungeeignet, ihn für diesen zweifelhaften Menschen einzunehmen; andererseits glaubte er doch, dem Stiefvater seiner Braut einige Rücksichten schuldig zu sein. (Fortsetzung folgt.) Brief- und Lragekaslen. Herrn Dr. N. in I. Kommt Alles. Ich freue mich auf das Wiedersehen. — Herrn W. F. in B. Ist weiter gemeldet. Natürlich ist Niemand an der Lodderigkeit schuld. Schönsten Gruß. — Herrn A. P. in K. Soll sobald als möglich, aber ohne Fristbestimmung, ganz nach Ihrem Wunsch erledigt werden. Schönsten Gruß. “1BO Rosenthal’» Restaurant | Gontard-Strasse 3 vli-i*vl« Bahnhof Alexandorplatz früher Könlgitraue 31. Säle zu kleinen Festlichkeiten. I Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Schalem in Berlin.! Druck und Verlag von Arthur Schalem, Verlin C., Roßstraße 3.