Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 226 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 226. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16 de la Victoire in Paris seine Barmizwah gefeiert. — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Triest, Commendatore Edmondo Richetti, den erblichen Adel verliehen. — In dem „Rothschild" - Flüge l des Städtischen Krankenhauses in London ist wie alljährlich an den beiden ersten Peßachabenden ein feierlicher Seder abgehalten worden. Die Patienten, unter ihnen viele Kinder, folgten in großer Aufmerksamkeit der Vorlesung und dem Gottesdienst, der: einer der älteren Kandidaten von Jews College übernommer: hatte. Rabbiner S. Levy wohnte dem Seder bei. Feuilleton. Ci» Frautulkdr«. Biographischer Roman von E. Berg. (Fortsetzung.) Er stand auf und blickte innig in ihre Augen, die voll leuchtender Begeisterung an ihm hingen. „Wie werd' ichs ertragen, daß ich Dich lassen soll?" „Gedenke, was einst der Knabe zu mir sprach: Uebe Selbstbeherrschung, das ist eine adelige Tugend!" „Lebe wohl!" Postel fühlte einen brennenden Kuß auf ihrem Mund, und ehe sie zur Besinnung kam, war er die Veranda hinuntergesprungen. Sie trat erschrocken an die Brüstung, da sah sie ihn schon unten vorüberstürmen, immer weiter, der Sonne nach, und bald waren ihr Roß und Reiter gegen das leuchtende Gold des Abendhimmels entschwunden. Tiefer und tiefer sank dort der goldene Ball; mit einemmal umzog sich der Himmel, es dunkelte, kalt und feucht stieg der Abendnebel herauf. Das Mädchen fröstelte und schauerte in sich zusammen. „Posthuma, komm'herein!" Erschrocken kehrte sie sich um: in der geöffneten 'Tür stand der Onkel und winkte ihr gebieterisch mit der Hand. Sie senkte den Kopf und folgte ihm in das Zimmer. „Setz' Dich, ich habe mit Dir zu reden!" Hatte der Onkel etwa den Reiter noch gesehen? Sie duckte sich wie ein schuldbeladenes Kätzchen in einen großen Stuhl und schloß die Augen — nun mochte das Donnerwetter über sie ergehen. Aber es dauerte lange, ehe der Onkel sprach, sein Schweigen wurde ihr unbehaglich, sie sprang auf und zündete eine Lampe an. „So", sagte sie trotzig, „man wills doch wenigstens sehen, was man für eine Strafe kriegt." „Man hat garnichts zu wollen, besonders wenn man sich erdreistet, dem eigenen Onkel ehrenrührige Konduiten aus» zustellen." Postel sprang auf, purpurrot vor Verlegenheit. „Du hast also gehorcht! Geh, Emil, das war nicht schön von Dir! Ich hätte von Deiner Ritterlichkeit besseres erwartet!" „Wer andere betrügt, mein Kind, muß es sich gefallen lassen, daß er wiederbetrogen werde. Aber wenn ich auch hätte schlafen wollen, Ihr habt eure Balkonszene so laut gespielt, daß Ihr den Gerechtesten aus dem Schlaf geweckt hättet. Du, meine Tochter, hast gesprochen wie ein deutscher Professor, aber benommen hast Du Dich, sei mirs mauchel, wie eine blitzdumme Gans. Du hast Dich auf die unvorsichtigste Weise in der Leute Mäuler gebracht. Denn gesetzt, daß wir auch der Verschwiegenheit unserer Dienerschaft sicher wären..." „Für Agnes stehe ich ein." „Ich nicht — es haben sicher ein Dutzend Nachbarn den fremden Offizier die Veranda hinaufsteigen sehen, wenn nicht' Einer oder der Andere gar den Leuchtenburger erkannte. Und Du magst Dich noch nachträglich bei Deinem gräflichen Romeo bedanken, daß er aus lauter Galanterie gegen Dich sich bei dem tollen Sprung von der Veranda nicht Hals und Beine gebrochen hat. Ich für meinen Teil habe bechol lewowcho*) für ihn Gaumel gebenscht**) als ich ihn mit heilen Knochen davonreiten sah. Das mag der Satan und seine Großmutter auslöffeln, den Hexenbrei, den Du da eingerührt." „Man sollte glauben, ich habe Gott weiß was Böses getan!" stampfte Postel ungeduldig mit dem Fuß. „Ich habe gehandelt, wie ich mußte, und bin bereit, alle Folgen auf mich zu nehmen." „Schön gesagt, aber Deine Ehre ist meine Ehre. Nimms nicht übel, daß ich, so lange Du in meiner Obhut bist, mich verpflichtet fühle. Deine dummen Streiche zu vertuschen! . . . Du hast nichts Böses getan, aber Du hast den bösen Schein erweckt, und das verurteilt die Welt oft noch rückhaltloser, als eine schlechte Tat. Das Gescheiteste ist, daß wir so schnell als möglich verreisen; so brechen wir allen Klatschereien die Spitze ab, und auch die Leuchtenburger werden es uns danken, wenn wir auf unbestimmte Zeit ihnen aus den Augen gehen." „Onkel, Du bist ..." Sie warf sich an seinen Hals und weinte. „Jawohl, ich bin viel zu gut gegen Dich . . . Kommt der Tränenschauer nach? Ja, ich kann wohl von Glück sagen, daß meine teure Nichte nicht mit Sr. Hochwohlgeboren durchgebrannt ist! In Straßburg sich trauen lassen! Nach dem Code! Was hat dieses Gräflein für Einfälle! . . . Jetzt legst Du Dich eine Stunde hier auf den Divan und schläfst! Die Verandatür schließe ich ab; mit Deiner Erlaubnis, jetzt im Oktober, können wir die Schnupfenstation entbehren. Und morgen packen wir unsere Sachen und fahren nach Rom oder Paris, wohin Du willst." Er breitete einen Schirm über die Lampe; sie nickte ihm dankbar zu; die große Erregung hatte ihr eine bleischwere Müdigkeit gebracht, in wenigen Minuten schlief sie ein. Sie mochte wohl über eine Stunde geschlafen haben, da wurde sie behutsam von Agnes geweckt: „Herr Stahl lassen das Fräulein bitten aufzustehen; Herr Robinsohn ist gekommen." „Geh', sag', ich bin noch zu matt!" In der nächsten Minute stand Emil im Zimmer. „Schick' ihn fort, Onkel!" bat sie unmutig. „Mich verlangt ganz und gar nicht nach Bräutigamszärtlichkeit." „Steh' auf, Postel!" befahl Emil kurz, „Du wirst jetzt keiner Laune nachgeben, sondern sehr freundlich und rücksichtsvoll gegen den Assessor sein!" „Aber warum wohl?" Sie erhob sich und gewahrte erst jetzt, wie verstört Emil darein sah. „Robinsohn ist ein Unglück geschehen: sein Vater liegt auf den Tod; der arme Junge muß auf der Stelle fort." Posthuma lief in den Salon. Robinsohn ipar im Reiseanzug; Mütze und Koffer hielt er in den Händen; aus der einen Tasche seines weiten Pelzes blinkte eine Pistole. „Ich komme. Ihnen Lebewohl sagen, Posthuma", sprach er sehr bewegt, „ich reise in einer halben Stunde nach Warschau, da mein Vater..." Die Stimme brach ihm ab; Emil winkte ihm, sich zu be- *) Mit ganzem Herzen. **) Den Segensspruch für Errettung aus Lebensgefahr gebetet.