Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 225 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 226 ihres Priesters gemäß die jüdischen Kaufleute so gründlich boykottiert, daß die 35 jüdischen Familien der Stadt dem größten Elend preisgegeben sind. Der Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde schreibt an die „Jewish Chronicle", daß er nur mit Hilfe milder Gaben seinen armen Gcmeindemitgliedern die Beschaffung der nötigsten Passahlebensmittel ermöglicht habe, und daß seine einzige Hoffnung darauf beruhe, der Vorstand der Londoner jüdischen Gemeinde werde die rechten Wege finden, den unglücklichen Zuständen in Limerick ein Ende zu machen. Der hiesige Vorstand hatte sich schon kurz nach den Ruhestörungen in Limerick mit der Bitte um Abhilfe an den Statthalter von Irland gewendet und hatte von ihm eine sehr verbindliche beruhigende Antwort erhalten. Jetzt ist eine zweite Eingabe an den Statthalter abgegangen, die sich nicht mit den Straßenunruhen befaßt, sondern von dem höchsten Beamten des Königsreichs seine direkte Intervention gegen die fortgesetzten Hetzereien des Pater Creagh und gegen den von ihm inszenierten Boykott der Juden verlangt. Die „Times" veröffentlicht eine Zuschrift des in Dublin ansässigen Direktors der irischen Judenmission Mr. T. Julian Grande. Diese Zuschrift wiederholt alle Beschwerden des Limericker Rabbiners und führt noch weitere Einzelheiten zur Beleuchtung der traurigen Lage der Juden an. Danach haben die Juden bisher niemals irgend welche Unterstützungen nötig gehabt; sie haben sich anständig ernährt, aber doch nicht mehr verdient, als für ihr bescheidenes Leben erforderlich war, denn sie haben keine Ersparnisse machen können und stehen jetzt dicht vor dem Hunger. Die Brandreden des Pater Creagh haben nicht nur gläubige Zuhörer gefunden, sondern sind von seinen Anhängern in Tausenden von Flugblättern auf dem platten Land verbreitet worden, so daß auch die Landbevölkerung sich am Boykott der Juden beteiligt und bei guter Gelegenheit auch ihre Schulden nicht bezahlt. Mehrere protestantische Herren haben sich einiger jüdischer Familien angenommen. Die Protestanten in Limerick sympathisieren herzlich mit den Juden, die sie als nüchterne, fleißige und vaterlandsliebende Gemeinschaft kennen gelernt haben. Aber sie können den Bedrängten nur in aller Heimlichkeit helfen, denn auch sie sind eine kleine Minorität und ebenfalls von der Gnade der Redemptoristenpriester abhängig, die in Limerick ebenso durch ihre Abwesenheit glänzt wie die öffentliche Gerechtigkeit. Mr. Grande schließt seine Zuschrift mit der Mitteilung, daß er selbst bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Limerick eine Unterredung mit dem Pater Creagh gehabt und nach fast einstündigem Gespräch über die Lage der Juden zu der Erkenntnis gekommen sei: wenn Pater Creagh fortfährt, den römischen Katholizismus in Limerick zu leiten, werden die Juden die Stadt verlassen müssen, und die meisten von ihnen werden nicht einmal die wenigen Groschen noch besitzen, die ihnen die Reise bis Dublin ermöglichen. Direktor Grande wendet sich an die Anglo-Jewish- Association mit der Bitte, ihren verfolgten Glaubensbrüdern in Irland schleunige Hilfe zu spenden. — Die „Times" knüpft an diese Zuschrift ernste Betrachtungen über die mangelnde Energie der irischen Behörden, denen die Verfolgung von unschuldigen armen Hausierern und Händlern nicht wichtig genug zu sein scheint zu energischer und kühner Anwendung der bestehenden Gesetze. Gerade in Irland habe die Verwaltung die Verpflichtung, alle sozialen Unruhen zu vermeiden und dürfe sich nicht zu Handlangern der katholischen Vereine hergeben. — Da auch irische Zeitungen, u. a. der in Dublin erscheinende „Daily Expreß" die Vorgänge in Limerick auf das entschiedenste verurteilen, steht zu hoffen, daß dem Treiben der Hetzpriester bald ein Ende gemacht wird. 'Metersburg, 8. April. (Der Minister des Innern und die Juden.) Vor einiger Zeit hat der Minister des Innern Herr von Plehwe 60 Vertreter der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Rußlands zu sich nach Petersburg entboten und ihnen aufgegeben, dem Ministerium ein Memorandum über die Beschwerden der Juden und über wünschenswerte Reformen zu unterbreiten. Dieses Memorandum ist dem Minister von einigen Vertretern jüdischer Gemeinden persönlich überreicht worden und enthält u. a. folgende Wünsche: 1. Die Abschaffung der prozentualen Begrenzung für die Zulassung der Juden zu den Unterrichtsanstalten des Reichs. 3. Die Ausdehnung des Ansiedelungsgebiets für die Juden. 3. Die Wiedereinführung von Handwerksinspektoren, die allein berechtigt sind, den jüdischen Handwerkern die Zeugnisse auszustellen, auf Grund deren sie die Wohnerlaubnis für das Innere des russischen Reiches erhalten. Beim Empfang dieser Abordnung soll Herr von Plehwe sich sehr lebhaft mit den Herren unterhalten und ihnen ungefähr Folgendes gesagt haben: „Es ist nicht zutreffend, daß der Zar und ich die Juden als einen minderwertigen Volksstamm betrachten. Wir halten sie im Gegenteil für ausnahmsweise klug und gewandt. Wenn wir die Juden in unbeschränkter Zahl zum Studium an unseren Universitäten zuließen, würden sie unsere russischen Studenten in den Schatten stellen und unser geistiges Leben beherrschen. Ich halte es aber nicht für richtig, auf diese Weise der Minorität den Vorteil über die Majorität einzuräumen. Zu meinem Bedauern muß ich hier aussprechen, daß ich die Ueberzeugung von der revolutionären Gesinnung der Juden gewonnen habe. Und die Juden sind nicht bloß Revolutionäre. Bei allen politischen Morden und Mordversuchen der Neuzeit sind Juden unter den Verschworenen gewesen, davon habe ich unbestreitbare Beweise. Die Juden haben der russischen Regierung durch die von ihren Stammesangehörigen beeinflußte ausländische Presse den Krieg erklärt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß jeder Krieg schwere Opfer kostet; sehen Sie sich vor, daß diese Opfer nicht von Ihnen und von Ihrem Volk gefordert werden. Die russische Regierung ist gesonnen, die wirtschaftliche Lage der Juden in Rußland zu verbessern, aber nur sehr langsam und vorsichtig. Sie haben keine Aussicht, dieselben Bürgerrechte zu erlangen, die die nichtjüdischen Einwohner Rußlands genießen. Wenn wir den Versuch machten. Ihnen heute schon dieselben Rechte zu gewähren, so würden sich morgen die Mordtaten von Kischinew und Homel in weit größerem Umfang wiederholen . . . Diese interessante Unterhaltung mit Ihnen ist mir ein großes Vergnügen gewesen, und Ihr Besuch wird mir zu jeder Zeit willkommen sein." (Das sind ganz dieselben rabulistisch-nichtswürdigen Redensarten die schon Peobedonoszew zu debitieren nicht müde wurde und die bei diesem in seiner Borniertheit wenigstens einen Schein von Entschuldigung hatten, während Plehwe viel zu klug ist, um an seine eigenen Worte zu glauben und deren Verlogenheit nicht zu erkennen.) Jassy, 10. April. (Dr. Niemirower.) Unser Rabbiner- Herr Dr. Niemirower hat auf dringendes Ersuchen der hiesigen Gemeinde und zu deren großer Freude die Berufung auf den Rabbinatssitz von Galatz abgelehnt. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Der Sohn des ehemaligen Haupt mann Dreysus, Pierre mit Vornamen, hat am vergangenen Sabbat in der Synagoge der Rue