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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · p. Seite 222

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 222 (sequence 10)
Language
German
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Seite 222. Israelitische Wochenschrift. dir. 16. pessacMagen — aue» «ach pessacb. Von Rabbiner Dr. I. Niemirower-Jaffy. An den Peßachabenden spielen die Fragen, die Kinder an die Eltern richten, eine bedeutsame Rolle. Im Leben auch. Die Beantwortung naiver Kinderfragen beschäftigt den Erzieher, den Denker und den Schriftsteller. Alles überhaupt ist Frage und alle fragen: Was ist die Gottheit, die Welt, die Menschheit? Was sind, was wollen und sollen wir? Was war und wird sein? In allen Lebensperioden forscht der Mensch nach dem Kommenden; in der Kindheit fragt er, was ihm die Jugend, in der Jugend, was ihm das Mannesalter, als Mann, was ihm das Alter, und als Greis was ihm das Jenseits bringen wird. Jedes Volk lebt, solange es noch Zukunftsfragen hat. Die Peßachfrage, „weshalb ist es anders?" behandelt der Historiker, der wahrgenommen, daß alle gegeschichtlichen Erscheinungen in ewigem Werden, in steter Entwicklung sich befinden. Ma nischtano ruft gar oft der Völkerpsycholog, der dem Zeitenwechsel seine Gesetze ablauschen möchte. Wir Juden sind ganz besonders das Volk der Frage. In unseren Gesprächen bedienen wir uns gerne der Frageform. Unsere Existenz ist fraglich. Unsere Größe und Kleinheit, unsere Stärke und Schwäche liegt in dem Umstand, daß bei uns vieles in Frage geblieben und keine feste dogmatische Gestalt angenommen, daß wir jede Zeit in ihrem Geist fragen und antworten lassen. Auch in unseren Tagen ist es uns Bedürfnis auszurufen: Weshalb ist sie anders, diese Nacht gegenüber den anderen Nächten, weshalb erscheint uns dieser Abschnitt der Golusperiode dunkler als die finsteren Nächte, die wir in der Diaspora durchgemacht? Weshalb macht sich die Last unserer Leiden und das Laster unserer Unterjochung in der Gegenwart mehr bemerkbar als in früheren Zeitabschnitten? Gewiß „aßen wir früher Gesäuertes und Ungesäuertes", gaben wir uns zufrieden mit einer Mischung von Vollkommenem und Unvollkommenem, Recht und Unrecht, Erhabenem und Niedrigem, während wir jetzt nur Mazza wollen, geistig, sittlich, sozial vom Sauerteig des Sündhaften freies fordern und naturgemäß über die Welt der Wirklichkeit klagen, in der das Lächerliche neben dem Erhabenem, der Schein mehr als das Sein, das Zufällige höher als das Ewige gilt. Warum hält jedoch das Gefühl der Unzufriedenheit an? Schreiten wir doch vorwärts auf der Bahn der Verinnerlichung der Religion, der Verschönerung unseres Lebens, der Versittlichung der Gesellschaft! Gewiß leben wir in der Epoche des philosophischen Maror, des psychischen Bitterkrautes, des Pessimismus, während wir in früheren Zeitläufen der Geschichte mehr dem Optimismus huldigten. Weshalb eben verbittern uns, das klassische Volk der Hiob und Koheleth, die Schopenhauer und Hartmann gerade in der Jetztzeit, in der trotz der Dreyfusprozesse, Blutmärchen und Kischinewverbrechen dennoch am Himmel Israels mehr Sterne leuchten als im grausamen Mittelalter? Gewiß fanden unsere Vorfahren ihr Seelenheil und Lebensglück in ihrer eigenartigen Kultur, die sie nicht gegen fremde Kulturen „eingetauscht", während wir jetzt unsere Geistesfrucht gegen fremde Weltanschauungen „eintauschen" und auf dem großen Markt der Völker feilbieten und dann die Menschheit anklagen, die für unsere Geisteserzeugnisse nicht immer die richtige Wertschätzung hat, und auch oft unserer Seele eine Nahrung bietet, die sie nicht verdauen kann. Ma nischtano? Weshalb aber verursacht uns unsere kulturelle Verbindung mit den anderen Nationen so viel Kummer? Haben wir doch der Menschheit als Makler der Wissenschaft, Apostel der Literatur, Missionare der Kultur schon in früheren Epochen gedient und andererseits oft aus den Brunnen geschöpft, die die Geistesfürsten der Völker gegraben! Gewiß war der Freiheitsdrang in uns im Mittelalter nicht so stark wie in dieser neuen Aera, in der wir — nach dem Ausdruck der Hagada — dem Freien gleich „angelehnt sitzen wollen" und darum gegen die protestieren, die uns im Zustand der Sklaverei lassen wollen. Allein warum fehlt uns das beseligende Gefühl des Freiheitskämpfers, das sicherlich die Makkabäer und wohl auch die Zeloten durchdrungen? Kämpfte doch der Jude auf allen Schlachtfeldern der Völkeremanzipation und der Klassenbefreiung des neunzehnten Jahrhunderts und ringt er sich doch gegenwärtig zur Autoemanzipation und inneren Freiheit empor! Weshalb, Jsraelite, betrübt dich so die Langsamkeit des Fortschreilens zur Welt der Mazza? Weshalb huldigst du der pessimistischen Weltanschauung des Lebens-Maror? Weswegen stürmen sie auf dich ein, die brandenden Wogen des Geistesmeeres, in das du untertauchst? Warum klingt so traurig dein Freiheitslied? Knechte waren wir im Mizraim des Golus; Jahrhunderte dienten wir den Pharaonen, die sich gegen uns verschworen. Gehemmt wurde unser Entwicklungsgang und gefesselt unsere Gedanken und Gefühle. Unser Gott, der Gott der Geschichte, hat uns herausgeführt aus der egyptischen Finsternis der Barbarei ins helle und lichte Reich der Hoffnungen. Der Sklave von gestern spricht von Freiheit, aber seine Seele trägt noch die Ketten der Jahrtausende. Der auf die Insel des Ghetto Verbannte schaut unablässig auf die ihm entgegenleuchtende Sonne des Weltgetriebes, und sie blendet ihn, aber trotzdem oder weil er sie anbetet. Der Bedürfnislose von gestern ist anspruchsvoll geworden und wird daher schnell vom Weltenjammer ergriffen. Der Jude, der Jahrhunderte in der Ebene des Glaubens gewandelt, erklimmt die Gletschergebirge unabhängigen Denkens, eisiger Philosophie — und stürzt gar leicht. In der Entwicklung der Menschen gibt es aber auch eine Reihenfolge, ein Seder. In der Zukunft wird es anders werden! Die Juden wie die Menschen überhaupt werden zum Genuß der Freiheit heranreifen und Freiheit von Willkür unterscheiden, Judentum und Menschentum verbinden und nicht das eine wegen des anderen verleugnen, vom Ernst aber nicht vom Schmerz des Lebens erfaßt werden, nach dem Höchsten streben, aber sich auch mit den Höheren freuen. Wann kommt diese Zeit, wann bricht dieser Morgen an? — Das ist die Judenfrage! LiterarifEes. Per Kaufjude. Von Fritz Wittels. Verlag von M. Breitenstein in Leipzig und Wien. Preis 70 Pf. „Taufjuden nenne ich Juden, die um niederen Interesses willen den Meineid geschworen haben, sie glaubten, was die Kirche zu glauben aufgiebt." Von diesem Satz geht der Verfasser aus, um zu erhärten, daß der Taufjude ein Schuft ist. Der Beweis — für uns überflüssig — gelingt ihm vollständig. Wir stimmen mit dem Verfasser nicht in allen Punkten überein — in bezug auf den Taufjuden können wir keine auch nur graduelle Abweichung finden — aber wir haben überall Freude an dem offenen und ehrlichen Ausdruck seiner Meinung. Obschon wir uns von ihm in der Bewertung des Judentums und der Juden mit Bedauern getrennt, so haben wir doch das Gefühl,

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