Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 221 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16 Israelitische Wochenschrift. Seite 221. hätte. Die Stunden verrannen dann wie Schaum, und manche Episode, die er aus seinem dortigen Amtsleben mir mitteilte, half mir über meine Schmerzen hinweg und ließ mich wenigstens für die Dauer seines Verweilens bei mir das niederdrückende, melancholisch stimmende Gefühldes Allein- und Fremdseinsvergessen. „Als ich" — erzählte er mir unter anderem — „aus Barmen hierher kam und am ersten Samstag meines Hierseins auf dem Wege ins Gotteshaus in den belebtesten Straßen der Stadt eine beträchtliche Anzahl von Geschäften fest geschlossen bemerkte, überkam mich eine freudige Stimmung, daß ich zum Rabbiner einer Gemeinde gewählt wurde, deren Mitglieder zum nicht geringen Teil den Sabbat nach Vorschrift heiligen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich in der Synagoge nur eine spärliche Anzahl von Andächtigen gewahrte, von denen ich genau wußte, daß sie, mit geringer Ausnahme, wie bei uns in Deutschland, den Sabbat nur noch durch den Synagogenbesuch als Tag des Herrn auszeichnen. Schon glaubte ich, daß hier nach bekanntem deutschen Muster auch noch eine Separatgemeinde strengkonservativer Observanz existiere, aber gar bald erfuhr ich, daß die Inhaber der mir ausgefallenen geschloffenen Geschäfte keine Juden, sondern Christen seien, die anstatt des christlichen Sonntag den altjüdischen Sabbat feiern." Und die hier ansässigen polnischen Juden, fragte ich, glänzen auch sie am Sabbat in der Synagoge durch ihre Abwesenheit? „Wie man es nimmt", erwiderte er mir. „Zu uns kommen nur wenige von ihnen, d. h. solche, die sich bereits schwedisiert und mit der Einrichtung unseres Gottesdienstes vertraut gemacht haben. Die überwiegende Mehrheit aber, insbesondere die ärmeren und neuen Ankömmlinge, die nicht so schnell von ihren heimatlichen Gewohnheiten lassen können, ziehen es vor, in ihrem Viertel „Haga", einen eigenen Gottesdienste, abzuhalten, der aber durch ihr intolerantes Verhalten gegeneinander leider nicht selten in arge Zänkereien und wüste, beschämende Szenen ausartet. Natürlich gewinnen sie dadurch nicht an Achtung bei unseren Gemeindemitgliedern, die nichts unversucht lassen, um sie wirtschaftlich und sittlich zu heben, und dafür häufig nur schnöden Undank ernten. Zum Lobe der gebildeten schwedischen Juden sei es jedoch gesagt, daß sie trotz mancher schlimmen Erfahrung, die sie mit ihren Brüdern aus Halbasien machten und machen, keinen Augenblick vergeffen, daß die diesen Leuten anhaftenden sittlichen Mängel nur als eine Folge der erbärmlichen politischen und sozialen Verhältnisse, zu betrachten sind, aus denen sie hervorgegangen. Zur Illustration der hier zwischen den einheimischen reichen und den fremden armen Juden obwaltenden Verhältnisse will ich Ihnen nur einen Fall erzählen: Zu dem kürzlich verstorbenen Pontus Fürstenberg, den auch Sie, als Sie vor vier Jahren hier waren, kennen lernten, kam eine arme jüdische Frau aus „Haga" und bat ihn um eine Unterstützung zur Anschaffung eines Klaviers für ihre musikalisch äußerst begabte Tochter. Ohne sich lange zu besinnen, gab er der Frau ein paar Zeilen an einen Pianofortefabrikanten, ihr auf seine Rechnung ein gutes Instrument zu liefern. Als er nach einigen Tagen den Fabrikanten um die Rechnung ersuchte, erfuhr er, daß die Frau einen teuren Bechstein-Flügel für 1800 Kronen ausgesucht und erhalten hatte. Ich muß gestehen, als er mir und noch einigen Freunden diesen Fall erzählte, vermochten wir kaum unseren Unwillen über die Unverschämtheit dieser Frau zu unterdrücken. Er jedoch lächelte und sagte: diese Frau imponiert mir, sie gibt sich mit Kleinigkeiten nicht ab — und für die musikalische Ausbildung ihrer Tochter ist ihr nichts zu teuer." Schade, sagte ich, daß dieser prächtige Mensch so frühzeitig die unvermeidliche Reise ins Jenseits angetreten hat. Er hatte ja Mittel genug und, was die Hauptsache ist, das nötige Herz dazu, um durch die Linderung der Not und des Elends seiner Mitmenschen sein Leben unsterblich zu gestalten. Hoffentlich hat er für die Fortdauer seines ruhmreichen Namens auch nach seinem Tode gesorgt. „Ja", erwiderte mein Gewährsmann, „das hat er in reichem Maße getan. Nicht bloß die Armen unserer Gemeinde, sondern auch die der Stadt Göteborg und des Schwedenlandes überhaupt werden noch in den spätesten Zeiten seinen Namen segnen und sein Andenken in Ehren halten." Als ich mich wohler fühlte und wieder ausgehen konnte, besuchte ich Herrn Konsul Levisson, den ich vor vier Jahren in der Bildergalerie des verstorbenen Pontus Fürstenberg, die jetzt Eigentum und eine Sehenswürdigkeit der Stadt Göteborg ist, näher kennen lernte. Dieser Herr, der sich, nebenbei bemerkt, der besonderen Gunst des Königs Oscar zu erfreuen hat, war so liebenswürdig, mir einen Einblick in das Hilfswerk für die polnischen Juden zu gewähren, und ich halte es für meine journalistische Pflicht, an dieser Stelle zu konstatieren: Die Göteborger jüdische Gemeinde tut alles Mögliche, um diesen Leuten eine menschenwürdige Existenz zu verschaffen. Nicht nur, daß den gänzlich Mittellosen und Arbeitsunfähigen freie Wohnung, Heizung, Kleidung und auskömmliche Mittel zum Lebensunterhalt gewährt werden, erhallen die Arbeitsfähigen und auch manche besser Situierten von dem zu ihrer Förderung begründeten jüdischen Vorschußverein auf längere Zeit zinsfreie Darlehen zu gewerblichen und kommerziellen Unternehmungen. Dieser Institution, wurde mir versichert, verdankt so manche jetzt glänzend dastehende Firma in dem Polenviertel Haga ihre Existenz, und zum Ruhm der Unterstützten sei es gesagt, daß sie, mit nur geringer Ausnahme, der ihnen erwiesenen Wohltaten eingedenk sich bemühen, nicht bloß durch pünktliche Rückzahlung, sondern auch, sobald sie in der Lage sind, durch erhebliche freiwillige Spenden den Fonds zu kräftigen. Vielleicht, würde mein Reisegefährte, Herr Parchowski, der sich gegenwärtig in Stockholm aufhält, sagen, die so überaus hochherzige Unterstützung, die die reichen Göteborger Juden ihren armen aus dem Osten eingewanderten Glaubensgenossen gewähren, sei mit eine Ursache, die der Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Göteborg hindernd im Wege steht, da beide Teile vielleicht befürchten, daß ein stärkerer Zuzug von Emigranten, der gewöhnlich zum größten Teil doch aus Armen besteht, die bisher ausreichenden Unterstützungsmittel verringern würde. Indessen bin ich nicht geneigt, für alles, was Herr Parchowski vielleicht sagen würde, mir bis jetzt gesagt und vermutlich noch sagen wird, die volle Verantwortung zu übernehmen. Nach meiner Ansicht ist das Motiv für die spärliche jüdische Bevölkerungszahl in Schweden ganz wo anders zu suchen. Die Zunahme der jüdischen ist von der Zunahme der schwedischen Bevölkerung, die bekanntlich seit 1865 infolge anhaltender Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika bedeutend zurückgegangen ist, nur schwer zu trennen. Dann ist hier, wie ich bereits mitgeteilt habe, die Mischehe zwischen Juden und Christen an der Tagesordnung, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die aus solchen Ehen hervorgehenden Kinder, mit geringer Ausnahme, dem Christentum zugute kommen. Die westeuropäischen Juden haben gottlob keine Ursache, in Schweden eine neue Heimat zu suchen. Es kämen also nur die Juden aus dem Zarenreiche in Betracht. Allein die schwedische Regierung betrachtet diese nicht als Juden, sondern als Russen, die aus bekannten politischen Gründen in Schweden keine gern gesehenen Gäste sind. (Fortsetzung folgt.)