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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · p. Seite 217

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 217 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 217. sondern für die Welt gewesen, das hat zumeist nur die jüdische Geschichte überliefert. Denn es gibt in der ganzen Welt keine Gemeinschaft, die für ihre Wohltäter ein so treues und dankbares Gedächtnis hat wie Israel. * * * Erkennen wir so an Joseph und an allen, die ihm nachmals glichen, die beglückenden Folgen der Pietät für sie selbst wie für die Gesamtheit, so zeigt uns sein Bild bei genauerer Betrachtung auch die Quelle dieser Pietät, in jener Treue nämlich, die er den Heiligtümern seiner Vorfahren bewahrt hat. Und auch darin soll er uns Vorbild sein: Nur in den äußeren Lebensformen schloß er sich seiner Umgebung an, aber mit seiner inneren Eigenart, vor allem mit seinem Gottesglauben ging er nicht auf in Egypten. Welch' wunderbaren Kern mußte sein Inneres einschließen, wenn er dem machtvollen Strome des egyptischen Lebens widerstehen konnte, wenn der einfache Hirte Kanaans von der stolzen Kultur Egyptens, die wir heute noch staunend betrachten, nicht völlig aufgesogen wurde! In der Tat, er hatte in dem erhabenen Gottesglauben der Väter und in der keuschen Sitte des Patriarchenhauses ein Höheres zu verteidigen, als ihm die Umgebung bieten konnte. Denn die Religion Egyptens steckte noch im eklen Tierdienst, die Furcht vor dem Tod beherrschte das ganze Leben, und die Gesittung des Volkes, das zudem in starre Kasten gebannt war, hatte die Schwelle wahren Menschentums noch kaum überschritten. Ich berufe mich dafür auf das gewiß maßgebende Zeugnis eines Mannes wie Mose, der, in Egypten geboren und erzogen, Leben und Sitte des Landes wohl kennen mußte. Wohlan! Einen Abschnitt seiner Gesetzsammlung, in dem Israel vor Blutschande und ähnlichem Greuel gewarnt wird, überschreibt er mit dem Satz: «pN fTODD mn vb fU □rüfc'i ^r-r nnuo Nach den Gewohnheiten des Egypterlandes, darin ihr geweilt, sollet ihr nicht handeln" — fürwahr, die beste Antwort auf die übereilten Behauptungen jener modernen Forscher, welche die einzigartige Religion und Gesetzgebung Israels bald auf den Einfluß Egyptens, bald auf den Babylons zurückführen wollen. Mose stellt sich vielmehr in einen offenbaren Gegensatz zu Egypten, genau so wie die späteren Propheten unablässig warnen vor der niedrigen Lebens- und Weltanschauung Babylons. Ja, in Maßen und Gewichten, in Kleidung und Geräten, in der Land- und Gartenwirtschaft, im Tempel- und Festungsbau war Israel von andern Völkern abhängig, nicht aber in dem, was den Kern der menschlichen Persönlichkeit ausmacht, nicht in der Lebens¬ und Weltanschauung, die sein Religionsgesetz durchzieht — darin war Israel vor allen Völkern auserwählt, d. h. ihnen turmhoch überlegen. Worin besteht denn die eigentliche Kultur eines Volkes? Was ist der Maßstab für die Schätzung der Höhe die es in ihr erstiegen? Käme es da auf den Reichtum des Lebensgenusses an, so wären uns noch heutigen Tags die alten Römer überlegen. Gäbe hinwiederum die Feinheit der Lebensformen den Ausschlag, dann könnten wir noch gar manches von den Chinesen lernen; und wäre die Gewalt der Bauten der rechte Maßstab, die dicken Mauern, die kolossalen Türme und die Pyramiden, dann müßte den Azteken und Indianern, in deren Heimat die gewaltigsten Bauten aufgedeckt wurden, der Preis zuerkannt werden. Nein, m. A., die Größe und die Pracht der Bauten, deren Aufführung im Altertum tausende von Menschen mit ihrem Leben bezahlen mußten, sind am allerwenigsten ein Maßstab für die Kultur: sie sind vielmehr Denkmäler der Knechtschaft und der Mißachtung des einzelnen, während gerade \ die Schätzun g des Individuums, seinesRechtsund seiner Freiheit den wahren Maßstab der Kultur ausmacht. Mit diesem Maßstab gemessen steht aber das Judentum heute noch unerreicht da. Seine Weltanschauung wird beherrscht von dem einig-einzigen, heiligen Gott, dem gütigen Vater aller Menschen, und seine Lebensanschauung geht von der Einzelseele aus, die Gott in seinem Ebenbilde geschaffen und zur Nachfolge in seinen Wegen befähigt und berufen hat, und sie gipfelt in jener messianischen Hoffnung, die der heutige Prophetenabschnitt verkündet, in dem Gottesreiche des Friedens und der Nächstenliebe, das die Völker jetzt endlich herbeisehnen. Ja, sie sehnen es herbei, was schon als ein großer Fortschritt anzusehen ist; aber sie erreichen nicht das Ziel, weil sie die Einzelseele noch immer für sündhaft und verderbt halten, weil sie ihr die Fähigkeit absprechen, sich aus eigner Kraft zur Gnade und zur Gottesebenbildlichkeit durchzuringen. Erst wenn auch hierin die Lebensanschauung des Judentums zum Sieg gelangt ist, ersteigt die Kultur ihren Höhepunkt. Denn nur auf der sittlichen Kraft der Einzelpersönlichkeit kann sich die vollkommene Menschheit aufbauen. Fürwahr, m. A., wären unsere Großen nicht versunken in dem Irrtum unserer Zeit, die in den technischen Erfindungen, in den kunstvollen Einrichtungen des Verkehrs- und Erwerbslebens das Höchste erblickt; könnten sie sich aufschwingen zu der Anschauung, daß nur in der Gottesvorstellung, die das Gemüt befreit oder knechtet, und nur in der Schätzung des Menschen als solchen die wahre Kultur zu suchen ist: sie würden mehr auf sich halten, sie würden sich mit gerechtem Stolze zum Judentum bekennen, sie würden auch auf den Höhen des Lebens wie Joseph demütig sprechen: □V'i^NnnN NT "ON Ich habe Ehrfurcht vor Gott", und sie würden wie er keine heiligere Aufgabe kennen, als ihre Kinder zu Trägern und Bekennern des glorreichen Väterglaubens zu erziehen. O daß die Pietät, welche die heutige Festfeier durch die Erinnerung an die Toten in ihnen wachruft, auch die erstorbene Liebe zu den Stammesgenossen und ihren Heiligtümern zu neuem Leben in ihnen erweckte! Dann könnten auch sie in ihrer letzten Stunde wie Joseph in Frieden eingehen zu ihren Vätern. Denn nichts macht das Sterben so leicht wie das Bewußtsein, daß die Kinder unser Werk fortsetzen, jenes Werk, zu dem allein wir auserwählt wurden, und das noch heute „unsere Weisheit und Einsicht vor den Völkern" begründet. Wohlan! Besinnet und erhebet euch zu eurer wahren Bestimmung, ihr Akoßen in Israel! Wir werden es euch danken, und Nachkommen werden euch segnen; und wie der Sarg Lchsephs den Kindern Israels voranzog, so wird euer Bild^iynen voranziehen auf ihrem Gange durch die GeschichtZ-Mr und^für. Amen! Amen! ZW Gedächtnis Salomo« Sichers. Von Eduard Wirnöaum. IV. Auch ein Musikheft desselben L. M. Mayer*), auf das dort vielfach unter der Bezeichnung „Gesangbuch" Bezug ge- *) 1886 habe ich in Kopenhagen nur feststellen können, daß in Aarhuus noch ein Schwiegersohn Mayers, mit Namen Michelsn, lebte. Ob die berühmte Madame Garcia in Paris, die früher Mela Mayer hieß und den Bruder der Malibran heiratete, ohne sich taufen;u lassen (Salamith, 8. Jahrg., 2. Bd., S. 71), eine Verwandte unseres Mayer gewesen, lasse ich dahingestellt, da dieser Name im Anfang des 19. Jahrhunderts gar häufig unter den jüdischen Künstlern angetroffen wird.

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