Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 206. würden, die hilflosen Opfer politischer und religiöser Verfolgungen sind. Das gilt in weitem Umfang von den russischen Juden und vollständig von den rumänischen. Aus den Erfahrungen der Handelskammern ist zu ersehen, daß die hierher, kommenden Arbeiter gute Mitglieder der Trade-Unions werden, und daß wir im Verhältnis zu anderen Ländern wenig Ausländer aufnehmen. Die Rede des Ministers hat sich in Bezug auf Zahlen nicht genau an die Volkszählungen und die amtlichen Berichte gehalten. Wir haben eine Viertel Million Ausländer hier, das sind die hier lebenden Angehörigen aller Nationen, Reich und Arm, und das ist wie ein Tropfen im Weltmeer; diese Zahl ist unendlich viel kleiner als die Zahl der Ausländer, die fast jedes andere zivilisierte Land bewohnen.Die Volkszählung beweist, daß die überwiegende Mehrzahl dieser Viertel Million ausgezeichnete Bürger geworden sind, daß die überwältigende Mehrzahl ihrer Kinder unsere Volksschulen besucht und sich schnell mit der übrigen Bevölkerung vermischt. Wir importieren lange nicht so viele arme Leute als wir deren exportieren. Es gehen viel mehr arme Engländer in fremde Länder, um dort ihr Brot zu verdienen, als arme Ausländer zu uns kommen. So elend die Leute auch sein mögen, wenn sie hierher kommen, so sind sie doch von keinem schlechteren Schlag als unser eigenes Volk. Sie sind von einem Schlag, der nach der Vermischung mit dem unseren im Laufe der Jahre eher zur Veredelung, als zum Verderben der britischen Rassen beitragen wird." Nach einigen sarkastischen Bemerkungen über die Art und Weise, wie von ministerieller Seite im Land und in den Zeitungen Stimmung für die Vorlage gemacht wird, schließt Sir Charles Dilke seine Rede. Die zweite Lesung des Gesetzes ist auf den 12. April anberaumt worden. Oberst Ooiasmiü. London, 30. März 1904. Der weit über die Grenzen seines'britischen Vaterlandes bekannte und verehrte Oberst Albert Edward W. Goldsmid ist auf der Heimreise von der Riviera in Paris gestorben. Die Reise nach dem Süden hatte der Oberst in bester Gesundheit angetreten, nur zur Begleitung seiner eben von schwerer Krankheit wiedererstandenen Gattin. In Paris erkrankte er plötzlich an einem Darmleiden, das eine sofortige Operation erforderte. Trotzdem das Befinden des Patienten nach der Operation verhältnismäßig gut gewesen, verlor er am nächsten Tage das Bewußtsein und starb zwei Tage nach dem chirurgischen Eingriff. Mit ihm hat das Judentum einen seiner vornehmsten und edelsten Bekenner verloren. Oberst Goldsmid wurde am 6. Oktober 1846 in Poona in Ostindien geboren und hat jenem Zweig der Familie Goldsmid angehört, der schon vor längerer Zeit seine jüdische Religion aufgegeben hatte. Als ganz junger Mann faßte der jetzt Verstorbene den Entschluß, die Religion seiner Väter wieder anzunehmen. Er lebte damals schon in England und wurde durch den verstorbenen Dr. Ascher in Aldershot in den Bund Abrahams ausgenommen, dem er allezeit ein getreuer Anhänger geblieben ist. Seine Gattin, die er unter romantischen Umständen in Indien kennen gelernt und geheiratet hatte, stammt aus einer vornehmen christlichen Familie und ist ebenfalls Jüdin geworden. Albert Edward Goldsmid war 1866 in das englische Heer eingetreten, 1883 Major und 1888 Oberstleutnant geworden; 1894 erhielt er nach 28jährigem Dienst — während der letzten 15 Jahre war er dem Generalstab zugewiesen — den Rang eines Obersten. Während der beiden Jahre 1892—94 hatte der damalige Oberstleutnant Urlaub genommen, um seine Dienste dem vom Baron Hirsch ins Leben gerufenen Kolonisierungs- Unternehmen in Argentinien zu widmen. Sein Ruf als guter Organisator, seine umfassenden Erfahrungen und seine aufrichtige Sympathie für alles, was dem Judentum förderlich sein konnte, empfahlen ihn für dieses wichtige Pionierwerk, das er mit Begeisterung übernahm, obwohl er wußte, daß sein Avancement darunter leiden mußte. Nachdem Oberst Goldsmid aus dem Burenkrieg heimgekehrt war, hat er seine Entlassung aus dem Heer nachgesucht und unter großen Ehrungen erhalten. Der König überreichte ihm in Balmoral, wo er als Gast seines Souverains weilte, eigenhändig den Viktoriaorden und schenkte ihm einen kunstvoll geschnitzten Spazierstock zum Andenken. Eine der wichtigsten Einrichtungen, die die englische Judenheit dem Obersten verdankt, ist die Begründung der jüdischen Jugendwehr. Es ist erstaunlich, was hier Disziplin, geeignete Unterweisung und gutes Beispiel aus den ungelenken jüdischen Burschen machen, die in dieses Korps eintreten. Das jährliche öffentliche Schauturnen und Exerzieren beweist, wie gut die jüdische Jugend sich für körperliche Uebungen eignet und wie gern sie sich diesem gesunden Drill unterzieht. Der Verein „Jüdische Jugendwehr" ist 1895 mit 60 Mitgliedern begründet worden, heute zählt er deren über 4000, und seine glänzenden Erfolge sind vorwiegend dem Eifer und Geschick des Begründers zu danken. Auch in anderen jüdischen Vereinigungen hat das Organisationstalent des Obersten sich vortrefflich bewährt. Er ist bis zu seinem Tod Präsident des bekannten Vereins der „Makkabäer" gewesen und Vorstandsmitglied der Anglo-Jewish Affociation. Seine Liebe zum Judentum hatte bei dem Verstorbenen eine leichte Hinneigung zum Zionismus hervorgerufen, nicht zu dem schulgemäßen Zionismus Herzl-Nordauscher Färbung, sondern zu jener Zionsliebe, die auf eine dereinstige Wiederherstellung des jüdischen Reiches hofft. Als in England ein Zweigverein der Chowewe Zion-Gesellschaft sich konstituierte, wurde Oberst Goldsmid einstimmig zum Präsidenten gewählt. Er entwarf selbst die Zeichnung für das Vereinsbanner und organisierte den Verein nach militärischen Prinzipien. Die Pflege der hebräischen Sprache hielt er für so wichtig, daß er aus der Reformsynagoge austrat, nachdem dort das Verlesen der Haftarah in englischer Sprache eingeführt worden war. Den Unterricht des Hebräischen förderte er, wo es immer anging, und bei der Erziehung seiner eigenen Kinder wurde die heilige Sprache ganz besonders berücksichtigt. Als Kuriosum sei erwähnt, daß Goldsmid noch als junger Offizier eine ältere sephardische Melodie des Mosesliedes zu einem Marsch umarbeitete und bei der Rückkehr von militärischen Begräbnissen aufspielen ließ. Die Beerdigung des so früh Heimgegangenen sollte auf den Wunsch der Familie in größter Schlichtheit stattsinden. Am Dienstag nachmittag ist die Leiche von Paris hier angekommen und direkt nach dem Willesden Friedhof überführt worden, wo am Mittwoch vormittag die Bestattung erfolgte. Rabbiner S. Singer leitete den Trauergottesdienst; alle jüdischen Vereine, denen Oberst Goldsmid angehört hatte, waren durch Abordnungen und zahlreiche Mitglieder vertreten; die jüdische Jugendwehr hatte fünfzig der erwachseneren Knaben geschickt, die mit verhülltem Banner der Trauerfeier beiwohnten. Die für den 16. und 23. April angesetzt gewesenen Preisverteilungen in zwei Kompagnien der Jugendwehr sind auf unbestimmte Zeit verschoben, sämtliche Turnübungen vorläufig abgesagt worden.