Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 199 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14 Israelitische Wochenschrift. Seite 199. feinem Lächeln das Billett in seine Brusttasche schiebend. „Und wer bürgt mir dafür, das Sie nicht ein Doppelspiel mit mir treiben?" „Ich bürge Ihnen dafür mit meiner Mädchenehre." „Gut, Demoiselle, ich glaube Ihnen. Und wenn Ihre Absichten loyal und Ihre Handlung von guten Folgen begleitet sein wird — o mein Kind, Sie ahnen nicht, wie viel böses Sie verhüten; ja, und dann will auch ich Sie für jedes schlimme Wort, das ich Ihnen heut gesagt, herzlich um Verzeihung gebeten haben." Er führte ihre Hände an seine Lippen und sprach weich: „Glauben Sie mir, wir alle werden Sie jetzt noch höher ehren und achten, als wenn Sie wirklich die Gemahlin des Grafen Leuchtenburg geworden wären." Eben stieß Emil die Tür auf und kam mit einem mittelgroßen, silberbeschlagenen Ebenholz-Kästchen herein. „Wenn Sie Kenner und Liebhaber sind, lieber Stahl", sprach der Baron verbindlich, „so vergönnen Sie mir wohl, einige alte Siegel, die ich besitze. Ihnen zuzusenden. Es sind ein paar seltene Stücke aus dem dreizehnten Jahrhundert dabei." „O, Herr Baron, zu viel Güte!" schmunzelte Emil. „Ja", lachte Postel, „diese alten Schnurrpfeifereien sind Onkels Steckenpferd." „Mehr Respekt, Mamsell!" Er schloß behutsam den Kasten auf: „Da liegt das Leuchtenburger Schild obenauf, das ist aber mehr als merkwürdig . . . Siehst du nun ein, daß du wieder zu Unrecht gestritten?" „Wahrhaftig, drei Sterne über der Burg! Vergib mir, Onkel, ich glaubte wirklich an die Sonne!" Der Baron ließ sich die seltensten Stücke der Sammlungen zeigen und äußerte sich zu Emils geheimer Befriedigung als Fachmann sehr lobend über die verständige Anordnung und Zusammenstellung des Wappenschatzes. „Wie schade", sprach er bedauernd, „daß ich nicht nur hier bin, um mich einer so friedlichen und angenehmen Besichtigung hinzugeben! Aber meine Zeit ist um. Demoiselle Stahl, ich kenne nun Ihre Antwort und Ihre Meinung und werde sie gewiffenhaft meiner gnädigen Fürstin unterbreiten". Er verabschiedete sich sehr schnell. Emil, der ihn bis an den Wagen geleitet hatte, kam kopfschüttelnd zurück. „Was ist das?" fragte er mißtrauisch. „Ich will nicht hoffen, Unglückskind, daß du in den wenigen Minuten meiner Abwesenheit eine Zusage für diese unmögliche Heirat gegeben hast?" „Onkel", rief Postel ernstlich gekränkt, „habe ich dich je betrogen?!" „Du hast mich noch nie betrogen, aber du bist doch kein ehrlich' Menschenkind. Na, ich denke, die Lektion von heute war für deine Geheimniskrämerei wohlverdient. Gräfin hin, Gräfin her! Dieser Alfred scheint ein braver Junge; wenn er ein Jude wär', hätt' ich nichts dagegen. . . Nun aber laß mich mein Schläfchen halten, denn meine Reise und dein Baron haben mich gründlich müde gemacht!" Postel versicherte, sie werde alle Sorge tragen, daß der gute Onkel während der nächsten drei Stunden nicht gestört werde. . . * * * Mitten auf der Hauptstraße erhebt sich ein stattliches, vornehmes Haus; schöne Scrasitto-Bildwerke schmücken seine Mauern, eine Säulenhalle leitet zu dem Portal, in das ein mächtiges Gitter mit reich vergoldeten Verzierungen, ein Prachtstück alter Schmiedeeisen-Kunst, gefügt ist; vorn an der Straße umgrünen die Säulen vier herrliche Linden, die Lieblinge der Residenzler, die alljährlich im Sommer mit Entzücken den Wohlgeruch dieser inmitten der staubigen Straße mit verschwenderischer Fülle blühenden Bäume einatmen. An die Hinterfront des schloßartigen Gebäudes schließt sich ein großer Garten mit Statuen und einer Fontäne, ein Flieder- und Rosen-Paradies, in das die Passanten, wenn das Hausportal von den Lakaien gerade geöffnet wird, um die Equipage hindurchzulassen, manchmal einen Blick tun dürfen, wie in ein verschlossenes Wunderland. Das ist das Winterquartier der Leuchtenburger. Fürst Adalbert hat das Palais einem schwerreichen Patrizier der Stadt abgekauft und es zum Witwensitz für seine Mutter bestimmt. Aber die Fürstin residiert doch nicht allein; die Söhne, die mit schwärmerischer Zärtlichkeit an der Mutter hängen, sind so oft bei ihr, als es ihre Stellung bei Hofe und ihr Dienst in der Armee erlauben. Prinz August wie seine Gemahlin sieht man häufig dort Vorfahren, und auch sonst wird das Haus selten von erlauchten Gästen leer. Heute aber war nur Familiendiner im allerengsten Kreise. Die Fürstin Luison hatte eben die Tafel aufgehoben und ihre Gesellschaftsdame freundlich beurlaubt. Fürst Adalbert war, der Einladung seiner Mutter, „die Zigarre bei ihr zu rauchen", folgend, mit in ihr Boudoir getreten und ließ sich dort in einem Schaukelstuhl am Kamin nieder; Alfred dagegen, der schon bei Tisch, wie in den letzten Tagen sehr oft, einsilbig und teilnahmslos dasaß und kaum Speise und Glas berührte, hatte sich begnügt, der Fürstin die Hand zu küssen, und war dann schnell aus dem Speisezimmer geeilt, als wünschte er um keinen Preis zurückgehalten zu werden. Die Fürstin saß auf ihrem Lieblingsplatz in dem mit Blattpflanzen und duftenden Maiglöckchen geschmückten Erker; vor ihr in einem eleganten Arbeitskorb ruhte die Stickerei, mit der die hohe Frau gewöhnt war, sich eine müßige Stunde zu vertreiben. Aber die feinen, schlanken Finger lagen heute untätig übereinander gefaltet, und das schöne Antlitz der Matrone blickte so sorgenvoll und bekümmert vor sich hin, daß Fürst Adalbert, der es insgeheim liebevoll betrachtete, sich darüber lebhaft beunruhigte. Schneller und schneller kam sein Schaukelstuhl in Schwung, immer dunkler wirbelten die Wölkchen der Havannah; endlich sprach er halblaut und unmutig wie zu sich selbst: „Ich mag das garnicht mehr mit ansehen! Ist es gerecht, daß eine, rund herausgesagt, große Jugendeselei das Herz meiner Mutter beschweren darf? Und auch der Junge reibt sich auf und zehrt sich ab!" „Wir haben ihm ja doch nachgegeben", kam es leise vom Fenster zurück, „was konnten wir noch mehr für ihn tun?" „Wir hatten unrecht, uns so schnell zu fügen; wir begehen damit auch ein schweres Unrecht an ihm. Der junge Herr kommt, erklärt uns seinen Willen, man entsetzt sich, debattiert hin und her, er droht, setzt sich, respektive uns die Pistole auf die Brust, und wir lassen uns einschüchtern, wie die schmachtende Luise in Herrn von Schillers bürgerlicher Tragödie. Himmelschockschwerenot Donnerwetter noch einmal! Verzeihen Sie, Mama, wir mußten stärkeres Geschütz auffahren, um den verliebten Jüngling von seiner Torheit abzubringen!" „Was haben unsere Bitten und Drohungen genützt? Selbst die Ungnade des Prinzen hat diesen Starrkopf nicht beugen können. Ich weiß nur zu gut: ein Wille, wie der meines Alfred, ist nicht zu brechen. Und nun bin ich mürbe." Sie seufzte tief auf. Der junge Fürst warf zornig den Rest seiner Zigarre in das Kaminfeuer. „Gestehen Sie, beste Mutter, nicht eine einzige meiner vielen, vielen Tollheiten hat Ihnen so großen