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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · p. Seite 198

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 198 (sequence 14)
Language
German
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Seite 198 Israelitische Wochenschrift. Nr. 14 Anerkennung aller Pflichten, die man von Ihnen fordern werde, verlangen." „Nun denn, meinen Respekt an die Frau Fürstin-Mutter und meine ehrerbietige Huldigung an Seine Durchlaucht den Herrn Fürsten von Leuchtenburg, und vermelden Sie gütigst den Durchlauchten, daß ich es untertänigst vorziehe, in meiner angeborenen Niedrigkeit und in dem Glauben meiner Väter zu verharren." Der Baron suchte nach einem Stützpunkt. „Ich höre Ihre Worte, aber ich verstehe sie nicht." . . . Nun nahm er ungebeten einen Stuhl und tupfte sich mit einem seidenen Tuch über das dünnbehaarte Köpfchen. „Haben Sie Tollkirschen gegessen, ma petite?" Und da Posthuma, die bleich vor Zorn und Erregung vor ihm stand, nicht antwortete, wandte er sich auf einmal, merklich freundlicher, an Emil: „Aber, lieber Stahl, so reden Sie doch ein Wort! Hören Sie nicht, daß Ihr Mündel im Begriff ist, einen noch nicht dagewesenen affront zu begehen?" Vom Fenster her kam Stahls Stimme heiser und undeutlich: „Meine Nichte ist mündig, Herr Baron. . . . Wenn sie der Glanz, Gräfln Leuchtenburg zu werden . . ." „Ach was. Glanz!" unterbrach ihn Posthuma rücksichtslos, und ihre Augen begannen zu funkeln. Eine Anwandlung ihres alten Jähzorns hatte sie gepackt; sie riß ihre Schärpe, mit deren Enden sie bis dahin nervös gespielt hatte, von ihrer Taille, ballte sie zu einem Knäuel und schleuderte sie zu Boden. „So werfe ich diesen Glanz von mir, so! Schmach und Schande ist es, in dieser Art um eine unbescholtene Jungfrau zu werben, und wäre es tausendmal eine bürgerliche und eine Jüdin obendrein! Und nicht allein über meinen Körper verfügen die Hochgeborenen, als beschlagnahmten sie eine Pflanze oder ein Tier, nein, auch über die Zugehörigkeit zu meiner Familie und über meine Seele bestimmen sie, als war es eine Gnade, ein Menschenherz loßzureißen von dem, was ihm am teuersten und liebsten ist. . . . Herr Baron, sagen Sie Ihrer Herrschaft, daß ich niemals gewillt war, mich in die Gemeinschaft ihres stolzen Hauses zu drängen. Ich habe nie danach getrachtet, die Hand des Grafen Leuchtenburg zu erwerben; es genügt mir, daß ich sein Herz besitze, und das habe ich, und es gehört mir für alle Zeit." „Leider Gottes, Sie unbesonnenes Kind! Und wenn es ein Ruhm ist, den Sohn zu erregen gegen seine Mutter und den Bruder aufzulehnen gegen den Bruder, so triumphieren Sie — das ist Ihnen gelungen. Aber zwei Mädchenhände, und wären sie noch so weich und zierlich, sollen nicht Brauch und Herkommen, die Säulen eines alten, festen Hauses, stürzen dürfen; und es mag Sie nicht wunder nehmen, daß man Sie nicht willkommen heißt da, wo man Sie nicht ins Haus gebeten hat. Denn ob mit Recht oder Unrecht, durch Sie ist Unfrieden gekommen unter gute Menschen, und wenn einer vor Mutter und Bruder schwört: falls ich diese nicht zum Weib nehmen kann, schieße ich mir eine Kugel in die Brust. . ." „Das wird Alfred nicht tun!" „Nicht? Wissen Sie das so sicher, Demoiselle? Aber sein Oheim hat es doch auch getan und war just nicht älter als der Graf." Es lag jetzt etwas in des Barons Stimme, das Postels Zorn längst entwaffnet hatte; sie fühlte es wohl heraus: der alte Mann hier hat Alfred sehr, sehr lieb. Und als hätte der Baron ihre Gedanken erraten, fuhr er bewegten Tones fort: „Was glaubt solch ein junger Wirbelkopf? Eine Mutter, ein Bruder, Freunde haben mit tausend Hoffnungen einen Jüngling werden, sich bilden und erblühen sehen, um ihn dann als Lustgespiel an das erste beste, rotbäckige Mädchengesicht zu verlieren?" „Herr Graf", sprach Emil mit Haltung, „es fällt mir nicht ein, meine Nichte als ganz schuldlos an diesen unerquicklichen Vorgängen im Hause Leuchtenburg hinzustellen, aber von den Vorwürfen, die Sie ihr jetzt machen, verdient sie nicht einen!" „Ich weiß nicht, was ich denken soll, Herr Stahl.... Welchen Bescheid bringe ich den Herrschaften? Wenn Demoiselle Stahl rachsüchtigen oder boshaften Herzens ist, verlangt sie wohl, daß ich mich demütige und sie bitte, des Grafen Antrag anzunehmen, um der Familie sein teures Leben zu erhalten." „Da sei Gott davor, Herr Baron!" rief Posthuma erschrocken. „Das Leben meines Freundes ist mir ebenso heilig wie Ihnen und seinen Angehörigen." Sie trat ans Fenster, um dem Baron den Ausdruck ihres Gesichts zu verbergen; sie wollte einen befreienden Ausweg aus dieser peinlichen Lage finden, ja, sie wollte und mußte ihn finden und zwar sogleich. In Sinnen verloren, hörte sie doch, wie der Baron sprach: „Herr Stahl, Sie haben die Pflicht, Ihre Nichte zu persuadieren; ein solches Glück kommt dem Menschen nur einmal im Leben." „Posthuma möge selbst entscheiden", antwortete Stahl, während seine Stimme merklich zitterte. „Gewiß ist der äußere Glanz, der sie erwarten würde, sehr groß . . . Wähle", sprach er hart und fest, „vergiß Gott und die Deinen, aber wiffe: an dem Tag, da du deinen alten Glauben ablegst, werde ich meinen Rock zerreißen und dich als eine Tote beweinen!" „Aber", rief der Baron tadelnd, „Stahl, Stahl, ich habe Sie stets für einen weltklugen Mann gehalten; es ist unvernünftig, wenn Sie Ihrer Nichte die Entscheidung durch Sentimentalitäten noch mehr erschweren. Sie können ihr die Chancen nie ersetzen, die ihr durch unkluges Verhalten dann für ihr ganzes Leben verloren gehen. Ich rate Ihnen gut und als Gentleman gegen meine eigenen Wünsche; denn diese", schloß er seufzend, „gehen dahin, daß der eigensinnige, verliebte junge Mensch auf irgend eine honette Weise zur raison gebracht würde!" „Ja", wiederholte Postel nachdenklich, „der äußere Glanz wäre sehr groß, nicht umsonst führen die Leuchtenburger die Sonne im Wappen..." - „Nicht doch, mein Kind, das Leuchtenburger Wappen sind drei Sterne über der Burg." „So ist es", stimmte der Graf bei. „Aber, meine Herren, Sie irren sich alle beide", rief Postel sehr energisch; „ich habe doch das Siegel und die Schilder oft genug gesehen! Täglich hatte ich das Wappen mit der Sonne vor Augen." „Es ist wirklich eine Keckheit von dir, so zu streiten, Posthuma!" ereiferte sich Stahl verdrießlich. „Sie müssen nämlich erfahren, Herr Baron, daß ich Wappensammler bin. Wenn Sie zwei Minuten verzeihen wollen, werde ich mit Ihrer Erlaubnis meine Chatulle herbeiholen, um diese Eigensinnige da ad oculus zu überführen." Kaum hatte Stahl das Zimmer verlassen, so stürzte Posthuma an den Sekretär und schrieb in fliegender Eile ein Billett, faltete es und trat mit hochroten Wangen vor den Baron: „Exzellenz! Niemand vermag Graf Alfred seinen Irrtum auszureden als ich selbst. Wenn Sie ihn lieb haben, übergeben Sie ihm, ich beschwöre Sie, insgeheim dieses Blatt, und alles wird gut werden, so gut, als Sie, die Frau Fürstin und Fürst Adalbert es wünschen." „Schöne, kleine Schlange", scherzte der Baron, mi

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