Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 200 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605972-9656029--8763-9606006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 200. Israelitische Wochenschrift. Nr. 14 Kummer verursacht, wie dieses erste Erwachen der Leidenschaft bei Ihrem Lieblingskinde." „Mein Sohn, du wirst ungerecht gegen mich, wie gegen deinen^Bruder. Erstens liebt eine Mutter ein Kind wie das andere"— ich habe zwei Lieblingssöhne, merke dir es wohl; und zweitens seid Ihr so verschieden, wie man nur selten ein Geschwisterpaar finden mag. Du, mein Alter, leicht aufflammend und schnell erregt, besitzest ganz das feurige, leicht entzündliche Herz deines teuren Vaters. Alfred aber" — die Fürstin fuhr verstohlen mit dem Spitzentüchlein über die Augen — „Alfred, der so kühl und unempfindlich scheint, hat leider ganz die Art meines unglücklichen einzigen Bruders . . . Der war ruhig und tief wie das Meer ... Da kam ein Frühlingssturm und wühlte sein Inneres auf. . . Wie haben wir uns alle seiner Neigung widersetzt: mein Vater hat ihn enterbt, mein Gatte und ich mußten ihn verleugnen, die Gesellschaft hat ihn geächtet. Und dann — du hast es mich oft bejammern hören, mein Kind — das Ende war fürchterlich." Fürst Adalbert gab dem Schaukelstuhl einen Stoß und sprang auf. „Das ist der Fluch der großen Dummheiten, daß sie fortzeugend neue stets gebären", murmelte er durch die Zähne. „Ich wollte, mein hochseliger Herr Oheim hätte Klügeres getan, als sich seiner kleinen Sängerin wegen eine Kugel in den Kopf zu jagen. Ohne diese verwünschte Familien- Reminiszenz hätte ich sicher ganz allein Junker Alfred zur Raison gebracht. Gütiger Himmel, wenn man alle heiraten wollte, die man liebt!" Die Fürstin lächelte leise. „Menschen, wie dein Bruder lieben nur einmal im Leben." „Da sehen Sie es, liebste Mutter, wie verderblich solche Einseitigkeit werden kann", rief Adalbert lebhaft und durchquerte das kleine Zimmer mit hastigem Schritt; „übrigens" — er blieb stehen, und schwippte vergnügt mit den Fingern — „eine schwache Hoffnung hege ich dennoch, daß diese Heirat sich noch zerschlägt." „Und deine Hoffnung, worauf gründet sie sich?" „Auf den Hochmut der Kinder Israels... Ich hoffe, daß die Demoiselle Stahl dem Grafen Leuchtenburg einen Korb geben wird." Die Fürstin ließ enttäuscht den Kopf wieder sinken. „Nein, mein Lieber, an Wunder glaube ich nicht mehr. Das verlernt man mit den Jahren." Adalbert zog ein Tabouret heran und setzte sich zu den Füßen seiner Mutter nieder. „Hören Sie, gnädige Mama, das Wunder wäre nicht so erstaunlich, als Sie vielleicht denken mögen. Man muß diese Juden nur kennen: die Besseren unter ihnen, die ganz Frommen, die sind wie wir, Aristokraten unter sich, und halten auf Rasse. Und es ist leicht möglich, daß dieser Papa oder Onkel Stahl gegen den unwillkommenen gräflichen Bewerber sich genau so ablehnend verhält, wie die Fürstin Leuchtenburg die ihr aufgedrungene Jüdin als Schwiegertochter verabscheut." „Adalbert", sprach die Fürstin vorwurfsvoll, „wie magst du nur leichtfertig genug sein, in dieser traurigen Sache deinen Scherz zu treiben!" „Ich spreche vollkommen im Ernst", verteidigte sich der junge Fürst lebhaft. „Wir haben nach sehr heftigem Kampf mit Alfred Bedingungen für diese Leute aufgestellt, Forderungen, die so hart sind, daß anständige Menschen unmöglich darauf eingehen können. Ja, welche Gründe haben wir, anzunehmen, daß dieses Mädchen und ihr Oheim nicht ganz honette Leute sind? Ebrbar und loyal in ihrer Art wie wir?" „Ach, mein Sohn, es sind doch nur Juden!" „Nur Juden", wiederholte der Fürst, beinahe ärgerlich. „Wie wenn sie sich damit begnügten, nichts anderes zu sein? Wer gibt uns ein Recht, zu glauben, daß sie weniger auf ihre Religion halten, als wir auf die unsrige, daß bei ihnen die Bande der Familie nicht so innig wären wie bei uns? In der Kirche wie im Krieg — ein Ueberläufer bleibt mir immer ein verächtliches Geschöpf, und wenn die kleine Stahl antworten würde: ,ich mag weder Christin noch Gräfin werden", dann soll es ihr an meiner Hochachtung nicht fehlen." „Sie wird sich wohl hüten, eine solche Antwort zu geben." „Ich erlaube mir, anderer Meinung zu sein, liebe Mama. Das Mädchen ist, soweit ich es beobachten konnte, ein warmblütig lustiges Ding, aber keine Spur an ihr von der Männerfängerin, für die Sie sie halten. Eine Kokette gewöhnlichen Schlages würde unfern Alfred nie erobert haben; er würde auch nie eine Intrigantin lieben, dazu ist trotz aller Ueberspanntheit sein Kopf zu klug. Nebenbei — ich glaube auch garnicht, daß das Fräulein unfern Alfred wiederliebt, wenigstens nicht in dem verwegenen Sinn, wie mein Bruder es sich wünschen mag, daß Sie Himmel und Hölle und Menschen und Teufel über ihn vergißt. Und noch eins: seit dem Tage, an dem Alfred uns so überaus stürmisch seine Gefühle für die kleine Jüdin entdeckte, habe ich ihn scharf bewachen lassen: er hat nicht ein einziges Mal in der Stahlschen Wohnung vorgesprochen, er ist auch sonst nirgends mit dem Mädchen zusammengekommen, auch keinerlei Briefe wurden gewechselt; das alles sind vollgiltige Beweise, daß der alte Stahl sein schönes Kind wohl zu hüten versteht, und daß ihm herzlich wenig daran liegt, unsere erlauchte Verwandtschaft zu erwerben." „Lieber Adalbert, wie sehr wünschte ich, daß Du die Wahrheit sprächst! Ich glaube, ich würde dieses Mädchen liebgewinnen, wenn sie mir nur mein Kind nicht nehmen will." Das Gesellschaftsfräulein stand in der Tür, hüstelte diskret, um sich bemerkbar zu machen und sagte mit leiser Stimme: „Baron von Schwarzenstein wartet im Vorzimmer." „Ist willkommen," befahl der Fürst schnell. „Näher, näher, lieber Baron, wir harren Ihrer mit großer Ungeduld!" (Fortsetzung folgt.) In Preislagen von Mk.1.20,1.40,1.50,1.60,1,70,1.80,1.90,2.00 porViKo. Gesonnte Koffccs Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Berliner Dampf-Gläscberei Amt vii, 4837. Greifswalderstr. 33. Amt m 4837 Haus- und Leibwäsche. Spezialität: Gardinen. Bei größeren Posten Rabatt laut besonderen Vereinbarungen. Um Bezugnahme auf dieses Inserat wird höflichst gebeten. V erantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Schalem in Berlin. Druck und «erlag von Arthur Scholen,, Berlin 6., Roßstraße 3.