Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 193 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14 Israelitische Wochenschrift. Seite 193. Ein anwesender Jude, Reserveoffizier, stellte sich als Juden vor und fragte in ruhigem Ton, ob der Germane auch ihm nicht Anspruch auf das Prädikat „Herr" zuerkennen wolle. Der Nachkomme Armins des Cheruskers beharrte auf seinem stupiden Standpunkt — bis er auf Pistolen gefordert war. Dann „kniff" er. Grobheit und Ueberhebung sind durchaus keine Bürgschaften für Mut, so wenig, wie etwa Rabulistik Ehrlichkeit beweist. Auch die Rabulistik der „Kreuzzeitung" hat in dieser Richtung keine beweisende Kraft. Sie schreibt: „Auch unter den Sozialdemokraten gibt es zugestandenermaßen tüchtige Soldaten. Gleichwohl wäre es hirnverbrannt, sie irgendwo zur Führung zu berufen; denn die beste Leistung schlägt in ihr Gegenteil um, wenn sie nicht von der richtigen Gesinnung getragen wird, und kann im vorkommenden Falle sogar besonders gefährlich wirken. Das liegt dermaßen aus der Hand, daß man, um einen trivialen Ausdruck zu gebrauchen, „Tinte getrunken" haben müßte, um es anders anzusehen." Vielleicht muß man „Tinte getrunken" haben, um diese Logik zu verstehen. Der bei uns vorhandene Grad der Vertrautheit mit Tinte reicht nicht aus, um uns begreifen zu machen, was die Kreuzzeitung sagen will. Die sozialdemokratische Ueberzeugung und Gesinnung gibt eine ganz bestimmte Willensrichtung und eine ganz bestimmte, in mehr als einem Betracht genau orientierte Pflichtauffassung. Diese Ueberzeugung und Gesinnung kann wohl einen Sozialdemokraten hindern, in einem monarchischen Staat Offizier werden zu wollen. Die Gesinnung eines Juden aber kann kein derartiges Hindernis sein, denn sein Judentum kommt dabei garnicht in Erwägung. Run meint freilich die „Kreuzzeitung", nicht ganz so weitgehend wie der obenerwähnte Münchener Flaps, daß dem Juden das Herrenbewußtsein abgehe und damit die innere Befähigung zum Kommando. Sie schreibt: „Die Demission des Fürst-Erzbischofs Dr. Cohn von Olmütz hat in und außerhalb Oesterreichs ein Aufsehen erregt, wie selten ein kirchenpolitischer Vorgang. Wir haben schon vor 12 Jahren bei der Erwählung des Fürst-Erzbischofs einige Bedenken geltend gemacht, stießen aber aus den Widerspruch der katholischen Presse. Gegen die Qualifikation Dr. Cohns, der ein hervorragend tüchtiger Pfarrer und Domherr gewesen ist, war ja nichts einznwenden; auch der Umstand, daß er jüdischer Abstammung ist, konnte an und für sich nicht zu Bedenken Anlaß geben. Es sind Juden zum Christentum übergetreten — wir erinnern nur an Stahl und Neander —, die sich die größten Verdienste erworben haben. Dennoch ist der vorliegende Fall anders zu beurteilen. Der Großvater Dr. Cohns ist ein kleiner jüdischer Handelsmann gewesen, und auch sein Vater lebte in ähnlicher Sphäre. Nun trat dieser Geistliche an die Spitze eines der größten Bistümer. Als Fürst-Erzbischos von Olmütz hatte er ein Jahreseinkommen von 1300000 Kronen und wurde er der: vornehmsten Aristokraten Oesterreichs gleichgeachtet. In dieser überragenden Stellung verlor Dr. Cohn das Gleichgewicht, er konnte so viel Glanz und Macht nicht vertragen und hat seine Diözese geradezu nach Art eines orientalischen Despoten regiert. Aus dem bescheidenen Priester wurde der hochmütigste und gewalttätigste Kirchenfürst. Hat man nicht schon anderswo die Erfahrung gemacht, daß das semitische Blut sich wenig dafür eignet. Herrenrechte auszuüben? ' Wir haben nur an Jud Süß zu erinnern, der uns in diesem Punkt gewiß das schlagendste Beispiel liefert. In unserer jüdischen Presse beklagt man sich, daß es bei uns keine jüdischen Generale, Oberpräsidenten und Minister gibt. Glaubt man, jüdische Herren würden sich in solchen Stellungen durch Leutseligkeit und ähnliche Vorzüge auszeichnen? Wir nicht. Mancher Mann, der seine Stellung vortrefflich ausfüllt, eignet sich gleichwohl nicht zum Vorgesetzten, und wir glauben, daß gerade im jüdischen Blut Eigenschaften liegen, die nicht zum Befehlen und Gebieten prädestinieren. In dieser Hinsicht^hat der sensationelle „Fall Cohn" sicherlich eine allgemeine Bedeutung. Denn Dr. Cohn war kein schlechter Priester und würde sicher jeden Platz gut ausgefüllt haben, wo er einem Vorgesetzten untergeben war." Ein unglücklicheres Beispiel als Jud Süß war nicht zu finden. Man konnte diesem das Leben nehmen, aber seine Hasser selbst sind nicht imstand gewesen, ihn so zu verzeichnen, daß er nicht als ein großer Charakter erschien gegenüber seinen hoch- und edelgeborenen Meuchlern, die sich und ihre Frauen und Töchter zu verkaufen jederzeit bereit waren. Es sind „Herren" und in der Ausübung von „Herrenrechten" geübte Hoch- und Edelgeborene in Preußen gewesen, die noch viel später, die noch ausgangs des achtzehnten Jahrhunderts mit einander hadernd wetteiferten, wer von ihnen des Vorzugs teilhaftig werden sollte, seine Tochter zu des Königs Maitresse zu machen. Derselben Schicht gehörten die an, die vorher in Sachsen dem König August gern den Maiden-Tribut aus der Zahl ihrer Töchter lieferten. Von solchem „Herrentum" hat Jud Süß allerdings nichts gewußt. Möglich, daß jüdische Generale, Oberpräsidenten und Minister unter Umständen sich nicht durch Leutseligkeit und ähnliche Vorzüge auszeichnen würden. Das muß eben abgewartet werden. Wir schätzen die Leutseligkeit gewiß sehr hoch — aber um seiner Leutseligkeit willen ist doch wohl in der ganzen Welt noch niemand zum General, Minister, Oberpräsidenten ernannt worden. Bei Stahl und Neander ist's doch gegangen — warum sollte bei Dr. Cohn, der doch schon im zweiten oder oder dritten Geschlecht dem Christentum angehörte, der nicht, gleich jenen, erst selbst übergetreten war, die Taufe gegenüber dem Blut ohnmächtig gewesen sein? — Es ist eben alles nicht wahr, es ist alles, was die „Kreuzzeitung" sagt, erfunden. Stahl, Neander, Dr. Cohn gehen alle als Uebergetretene uns nichts an. Wir dürfen nichts einwenden, wenn man sie als Musterchristen anspricht und gegen uns anführt. Aber es geht nicht an — wenigstens ehrlicherweise nicht an — Stahl und Neander als Christen zu reklamieren und den Dr. Cohn als jüdisches „Blut" uns zurückzureichen. Das ganze Gefasel vom „Herrentum" ist ein hochmütiger Unsinn. Gewisse Herrenmanieren, ganz abgesehen von den oben erwähnten, stellen an ihre Inhaber keine höheren Anforderungen, als die jeder Stallknecht zu prästieren vermag. Ein wirklicher, guter Herr wird in der Regel nur der, der zuvor die Schule des Gehorsams durchgemacht und in dieser Gerechtigkeit schätzen gelernt hat. Bei uns laufen so manche herum, die sich für rechte Herren halten, weil sie — die Livree eines Großen tragen und mit dieser sich brüsten. Diese Livreemenschen werden nie zu Herrennaturen. Der Sklave kann ein Herr werden, ein wirklicher, gerechter, guter Herr — der Bediente niemals! * * (Nicht aus Rußland.) Die „Zeit am Montag" hat erzählt, und bis zur Stunde ist kein Widerspruch erfolgt, daß ein gefangener jüdischer Mann, Russe von Geburt, aus der Strafanstalt Plötzensee nach der Irrenanstalt in Eberswalde verbracht worden ist, nachdem er, der Geisteskranke und Gebrechliche, als widerspenstig behandelt war. Das genannte Blatt zählt, angeblich nach den Personalakten, folgende Dis-