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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · p. Seite 192

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 192 (sequence 8)
Language
German
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Seite 192. Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. Haus, in dem die Bluttat erfolgte, wurde gegen 6 Uhr abends von einer beiläufig 200 Köpfe zählenden Menge belagert. Das Dachversteck erklommen Sergej Bordjan, Anton Prefirow, Petar Martschinsky, Fedor Rusnak (genannt Russu), Anton Zurkan, Paul und Iwan Maljar. Zu bemerken ist, daß Petar Martschinsky im Personalverzeichnis in der Anklageschrift als „erblicher Ehrenbürger" bezeichnet ist. Nach der Ermordung seiner Frau ist Sißja Fonarschy vom Dach herabgesprungen, um sich zu retten; es liefen jedoch Rusnak nebst neun anderen Banditen ihm nach, schlugen ihn mit Knütteln und Eisenstücken auf den Kopf, so daß er infolge der Verletzungen starb. Sämtliche Mordtaten werden in der Anklageschrift so dargestellt, daß die Angeklagten ohne Absicht zu töten ihre Opfer verfolgten und diese an den erhaltenen Verletzungen starben. Außer den zahlreichen jüdischen Zeugen sind auch einzelne christliche angeführt, von manchen wird jedoch bemerkt, daß sie seit der Voruntersuchung ihre Aussagen zurückzogen. Manche der in der Anklageschrift namhaft gemachten sechsundzwanzig eingehend geschilderten Ueberfälle sind besonders charakteristisch, so z. B. hat Artem Semenow von dem von ihm und seinen Genoffen ermordeten Tunik ursprünglich 50 Rubel, gefordert, indem er ihm mit der Zerstörung seines Lokals drohte. Man kam auf 10 Rubel überein und Semenow erhielt als Angabe 3 Rubel 50 Kopeken, worauf er fortzog; nach kurzer Zeit kehrte er jedoch mit einer Schar von 50 Leuten wieder, und als Tunik davonlief, um sich zu retten, lief ihm Semenow wutentbrannt nach und versetzte ihm mit einer Eisenstange mehrere Schläge aufdenKopf, woraufTunik besinnungslos zusammenstürzte. Bei der Plünderung des Hauses Beiner hat einer der Exzedenten, Zetzjka, laut geschrien: „Auf meine Verantwortung, schlagt die Juden!" Desgleichen hat er bei der Zerstörung des Hauses David Kilisky die Genossen mit den Worten haranguiert: „Arbeitet, Kinder, ich nehme alles auf mich!" Einen tiefen Eindruck machte die Aussage des Zeugen Jakob Rosenberg, der eine Zeitlang unter 37 Flüchtlingen in der Abteilung für Fettfabrikation im Schlachthaus sich mitverborgen halten konnte; er hat jedoch noch die entsetzliche Szene mitansehen können, wie der am rechten Auge erblindete Majer Weißmann von einer Gruppe bestialischer Gesellen gepackt, mit Zehnpfundgewichten geschlagen, zu Boden geworfen wurde, worauf sie ihm mit den Fingern das zweite Auge auskratzten. Ein Gefühl tiefsten Abscheus gab sich bei der Darstellung dieser barbarischen Szene im Gerichtssaal allgemein kund . . . . Zahlreiche Zeugen bestätigten, daß der Wachmann Maxim Badau die Bauern gegen die Juden haranguierte und in ihnen die Vorstellung erweckte, es sei ein allerhöchster Befehl herabgelangt, an den Juden sich zu rächen. Ein christlicher Zeuge gibt an, ebenfalls vernommen zu haben, wie der ebengenannte Wachmann die Leute aufforderte, nicht nur die Juden zu schlagen, sondern auch die Christen, die ihnen Schutz bieten sollten; Zeuge war selbst im Begriff, einer jüdischen Familie in seinem Haus Schutz zu gewähren, da er aber infolge jenes Zurufs auch sich selbst in Gefahr sah, überließ er die Juden ihrem Schicksal. Ein christlicher Bauer, dem die Wohnung zerstört wurde, weil er einem Juden Unterkunft gewährte, befindet sich unter den Privatklägern mit einer Schadenersatzklage in der Höhe von 150 Rubeln, die er auf Reparaturen ausgeben mußte. Literclvrscbes. Geschichte der Juden von der babylonischen Gefangenschaft vis zur Gegenwart. Von Dr. L. Löwenstein, Bezirksrabbiner in Mosbach. Mainz. Joh. Wirthsche Hofbuchdruckerei A.-G. Preis 3,50 M. Das Buch, dessen Erscheinen wir kürzlich angekündigt haben, liegt uns jetzt vor. Es ist ein hübsch ausgestatteter Band von 371 Seiten. Der gute Ruf, der ihm vorausgegangen, ist wohlverdient. Es ist mit herzlicher Parteilichkeit geschrieben und vertritt den streng orthodoxen Standpunkt. Die Darstellung ist gedrängt, dabei klar. Als Schulbuch wird es denen, die der Richtung des Verfassers angehören, ausgezeichnete Dienste tun. Wavet und Aivet. Randglossen zu den beiden Vorträgen Friedrich Delitzschs. Von Dr. Jakob Horovitz. Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. Die Broschüre ist eine Beilage zum Bericht der Israelitischen Religionsschule in Frankfurt a. M., deren Dirigent der Verfasser ist. In unübertrefflich klarer Weise werden auf knappen 45 Seiten alle Irrungen und Wendungen, Fehlschlüsse und Rabulistereien Delitzschs aufgedeckt, so daß man fast Mitleid haben könnte mit dem Assyrwlogen, der den kurzen Rausch der Popularität bitter büßen muß. Wer Hat Ernst Winter ermordet! Eine psychologische Studie über den Konitzer Mord vom 11. März 1900. Von Stabsarzt a. D. Dr. Zelle. Verlag von Richard Sattler in Braunschweig. Die kleine Schrift bringt nichts Neues, aber das Bekannte in einleuchtender Zusammenfassung. Sie umschreibt den Kreis der Personen, die Ernst Winter erschlagen haben können, sehr eng. Die zuständigen Behörden allein sind in der Lage, die Tatschlüsse daraus zu ziehen. Akt Israel. Von Georg Kuttner. Selbstverlag, Berlin W., Steinmetzstraße 15. Preis 75 Pf. Auf 30 Quartseiten in hübscher Ausstattung eine Anzahl stimmungsvoller, aus aufrichtigem Herzen angestimmter Lieder zum Preis Alt Israels und seiner Zukunft. Die Politik. (Die Kunst des Befehlens.) Der bei Owikokorero gefallene jüdische Leutnant Bendix veranlaßt die „Kreuzzeitung" zu der Bemerkung, daß niemand die militärische Tüchtigkeit „einzelner" Juden bestritten habe, daß sie sogar erst kürzlich im Reichstag von antisemitischer Seite anerkannt worden sei. Das ändere aber an der „Tatsache" nichts, daß „den Juden im großen Durchschnitt die Eigenschaften abgehen, die der Kriegsdienst namentlich in den höheren Stellungen nun einmal erfordert". Selbstverständlich ist diese „Tatsache", von der die „Kreuzzeitung" spricht, eine Tatsache von der „Kreuzzeitung" Gnaden, d. h. eine Vorspiegelung. Nehmen wir aber einmal an, die „Tatsache" wäre nicht, was sie in Wirklichkeit ist, eine verleumderische Behauptung, sondern eine Wahrheit. So bliebe der Juden Beschwerde über ungerechte Behandlung bestehen. Denn niemals haben sie verlangt, daß der Untüchtige unter ihnen Offizier werde; sie wollen nur nicht ihre generelle Zurückweisung, sie wollen einzig die Zulassung dessen, der alle erforderlichen persönlichen Eigenschaften besitzt. Eben der bei Owikokorero gefallene Leutnant Bendix wäre in Preußen nicht Offizier geworden, während der Beweis vorliegt, daß er die Qualifikation besaß. Uns ist ein Vorkommnis aus München bekannt. Dort äußerte in einer Gesellschaft ein germanischer Sprößling aus der „Kreuzzeitungs"-Schule: ein Jude könne kein Herr sein.

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