Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 190. Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. Reiches Gottes zeichnet, herbeizuführen. Krieg dem Krieg und die Waffen nieder ist sein Postulat. Wie der Prophet und die palästinischen Träumer, will auch er, „daß die Völker umschmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Winzermessern, daß Volk gegen Volk nicht mehr kämpfe und sie fürder das rohe Kriegshandwerk nicht lernen. Und Friede auch unter den einzelnen Menschen! Die Liebe walte und sie allein regle alle Verhältnisse. Hinweg mit den Gewaltsmitteln zur Bekämpfung des Schlechten, mit den Strafanstalten und Zuchthäusern, durch die er nur die Macht des Bösen nicht geschwächt, sondern verstärkt sieht. „Auferstehung" ist das herrliche Werk, in dem er diesen Gedanken weiter ausspinnt. Graf Nechludof, leichtsinnig und lüstern, hat die lebensfreudige Kathinka Maslowa verführt und sie dann in ihrer Schande herzlos verlassen. Nach Jahren sieht er sie wieder, er als Geschworner auf dem Ehrenfitz, sie auf der Anklagebank, der Teilnahme an einem Giftmord bezichtigt. In meisterhafter Seelenanalyse stellt nun der Dichter die innere Neugeburt und Umwandlung des Grafen dar, der sich entschließt, dem zu vieljährigem Zwangsaufenthalt in Sibirien durch seine Schuld verurteilten Mädchen in die Verbannung zu folgen, um ihr die Hand zum Ehebund zu reichen. Dort in Sibirien lernt der Graf den Grundirrtum der Menschen einseh en, das Böse durch Böses zu bekämpfen, und immer kräftiger ringt sich in ihm die Erkenntnis zur vollen ungetrübten Klarheit: Wie man mit Bienen nicht ohne Vorsicht umgehen kann, so kann man mit den Menschen nicht verkehren ohne Liebe; denn die Liebe ist das Grundgesetz des menschlichen Lebens. Ist es uns aber ernst um solche Gesinnung, dann müssen wir uns abwenden von jeder Ausbeutung unserer Nebenmenschen, dann dürfen wir nicht in selbstischer Bequemlichkeit andere für uns sich mühen lassen. Dann dürfen wir nur begehren, was wir durch unserer Hände Arbeit uns beschaffen können. Das ist aber nur möglich, wenn der Genußsucht und dem Luxus mit essäischer Konsequenz Absage erteilt wird: Sind wir alle Brüder, dann bedürfen wir nicht am Morgen des Tabaks und des Zuckers, zu deren Herstellung und Zubereitung so viele unserer Brüder und Schwestern Gesundheit und Kraft vergeuden müssen, dann müssen wir wie jene Männer am Jordan zu der einfacheren ländlichen Lebensweise aus unserer städtischen Ueberkultur zurückkehren. In der Stadt seinen Lebensunterhalt finden, darin liegt etwas sonderbares. Wir kommen vom Dorf, d. h. von dem Ort, wo es Wälder, Wiesen, Getreide, Vieh gibt, an den Ort, wo bloß Stein und Staub vorhanden ist. In Wirklichkeit lockt der leichtere Gelderwerb und die Ueppigkeit und Lüderlichkeit des städtischen Lebens. Freilich Bauerntum allein bringt nicht die Erlösung. Das Reich Gottes kommt auch für Tolstoi nicht durch äußerliche Geberden. Das ist die erschütternde Predigt seiner „Macht der Finsternis", eines Dramas, das ohne Schminke und Retouche in derbnaturalistischer Holzschnittmanier das Milieu des russischen Kleinbauernstandes zeichnet. Der leichtsinnige Großknecht Nikita, der sich durch die charakterlose und brünstige Anitha zum Mitwisser eines Giftmordes an seinen Herrn machen läßt und dann diese, mit der er schon die Ehe gebrochen, heiratet, erlebt die unheilige und unheimliche Macht der Finsternis. Einmal aus dem Gehorsam gegen das Sittengesetz getreten, schreitet er von Verbrechen zu Verbrechen, verführt seine Stieftochter und wird, um die Frucht seines verbrecherischen Umganges zu beseitigen, zum Kindesmörder. Doch neben der Gewalt des Schlechten gibt es eine Kraft des Guten. Es ist ein Seelengemälde von wahrhaft antiker Macht und Wucht, wie nun in diesem lasterdurchwühlten Gemüt die Reue sich regt, und der Entschluß, zu büßen, was nicht zu bessern ist, im Innern des Nikita heranreift. In einer tiefergreifenden Szene bekennt Nikita seine furchtbaren Verbrechen und entrinnt so durch die Buße „der Macht der Finsternis", dem ewigen sittlichen Verderben. Maurice Maeterlink schreibt über dieses Stück die schönen Worte: „Es gleite über den alltäglichen - Fluß des niederen Lebens dahin, wie eine schwimmende Insel von grandioser Schrecklichkeit und blutigrot von Höllenqualm, aber auch umspielt von der ruhigen, weißreinen Wunderflamme, die aus der Kinderseele des alten Akim hervorlodert." Dieser Greis mit dem schmutzigen Gewerbe eines Senkgrubenauskehrers und dem lautren Seelenadel ist so recht eigentlich der Held Tolstoischer Lebensideale. Wie er den tiefen Sinn des Wortes „Macht der Finsternis" verdolmetscht: Giebst^du dem Bösen den kleinen Finger, dann will er die ganze Haud, jo lehrt er die essäische Hochschätzung der Armut, Geringachtung des Reichtums: Ich habe immer geglaubt, ohne Geld zu Leben sei ein Elend. Nun sehe ich deutlich: ein größeres Elend ist, von seinem Geld sich mästen und andere für sich arbeiten zu lassen. In Akim, dem Arbeiter und Grübler steht Tolstoi und das Effäertum vor uns in sinnbildlicher Verkörperung. Es giebt ein gutes Bild von Tolstoi; er trägt darauf die Arbeiterblouse des russischen Landmannes, und seine Augen blicken traumverloren. So denke ich mir einen alten Essäer. Wenn der russische Wahrheits- und Gerechtigkeitsapostel nur selten auf diese alt-jüdischen Gesinnungsgenossen hinweist und lieber an die Lehren des Urchristentums seine Darstellung anrankt, so verschlägt das nichts, wenigstens nichts für den, dem Urchristentum und Effäertum zwei verschiedene Ausprägungen einer ursprünglich gemeinsamen Grundanschauung sind. Was utopistisch an den essäisch-tolstoischen Postulaten ist, bedarf keiner Hervorhebung. Was wird aus Wissenschaft, Kunst und Kulturfortschritt, wenn alle zu Hacke und Karst greifen? Das Böse ist eine sehr reale Macht, und durch Schließung der Strafanstalten wird das Verbrechertum nicht beseitigt. Die Uebertreibung wird fallen. Sie war eine geschichtliche Notwendigkeit. Druck wirkt Gegendruck. Dem brutalen Egoismus mußte der konsequentes Altruismus entgegentreten. Bleiben wird die durch Tostoi und seine gleichgesinnten Vorgänger angeregte Sehnsucht, alle Lebensformen immer mehr mit dem Geist der Menschheitsverbrüderung zu erfüllen und das alte Bibelwort in die Tat umzusetzen: Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst. Von den großen ethischen Anregern aber gilt das Wort Goethes: „Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen. Das spät sich erst zu uns herniederwendet". und die herrliche Verheißung des ewigen Propheten, in dessen Reden zuerst essäische Gedanken anklingen: Er ruhet nicht und rastet nicht, bis daß er auf Erden das Recht begründet hat und seiner Lehre die Eilande harren. Der zweite Kiscbinewer Prozess. Am 21. Februar begann der zweite Teilprozeß gegen eine Reihe von Teilnehmern an den Exzessen gegen die Juden am 19. und 20. April v. I. Den Vorsitz führte wieder Gerichtspräsident Dawidow, der in der letzten Zeit in Petersburg