Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 189 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14. Israelitische Wochenschrift. Seite 189. Kultur zu der früheren beduinischen Lebensweise, so haben ihre essäischen Nachfahren und Geisteserben unter dem Firnis der eindringenden hellenischen Gesittung die sittliche Fäulnis erkannt und den kühnen Entschluß gefaßt, an einer Umgestaltung der Lebens- und Gesellschaftsformen nach den Normen ihrer sittlichen Ideale zu arbeiten. Endlich sollte sich die alte Losung vom Sinai verwirklichen: Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk. In weißen Linnengewändern, ihren Ordenskleidern, versinnbildlichten sie diesen Gedanken des allgemeinen Priesterstandes jedes gottverehrenden Menschen, und in dem täglichen Quellbad bei Sonnenaufgang sahen sie ein Gleichnis der ethischen Läuterung der Seele, der sie nachtrachteten. „Zähe Zuendedenker" und moralische Radikale, wollten sie den Menschen aus den Banden der sinnlichen Triebe gänzlich befreien und an die Stelle der Ehe eine Seelenfreundschaft zwischen Mann und Weib treten lassen. Nur durch Umkehr und Einkehr, durch Selbstbesinnung und Lebensheiligung, durch die völlige Verjüngung und Neugeburt könne sich der herrliche Traum der Propheten vom kommenden Himmelreich auf Erden verwirklichen. Die Gottesherrschaft hienieden wollen sie begründen, nicht durch äußerliche Geberden, sondern durch innere Umwandlung, durch Herbeiführung einer Gesellschaftsordnung, die in allen Stücken mit dem göttlichen Willen übereinstimmt. Die unheilvolle Macht des Geldes — denn auch für diese Semiten schien am Gold der Fluch zu haften — sollte durch weitmöglichste Anbahnung der Gütergemeinschaft und durch Beseitigung des Handels, „des Quells der Ausbeutung und Übervorteilung", beseitigt werden. Ackerbau und Handwerk — dieses aber mit Ausschluß der Verfertigung von Wehr und Waffen, den Werkzeugen des Krieges, der im Friedensreich des Ewigen keine Stätte hat — sollten die einzigen Betätigungen der arbeitenden Menschen sein. Und arbeiten sollte ein jeder. Menschenwürde und Adel der Arbeit sind ihnen Korrelate. Andre für sich arbeiten lassen, heißt Versündigung gegen die Weihe des Menschen und gegen die Heiligkeit der Arbeit. Darum erheischen sie die Beseitigung der Sklaverei, welche Form sie auch angenommen habe. Wer einen Anspruch allein auf Selbsterarbeitetes hat, wird sich bescheiden müffen. Daher bekämpfen sie die Ansprüche der Lüsternheit und des Luxus und meiden als entbehrliche Güter den Wein- und Fleischgenuß, sowie die im Morgenland so verbreitete Anwendung des Salböls. Auch hier gesellt sich, wie oft in der Geschichte, zur Askese die Mystik. In die Geheimnisse der göttlichen Herrlichkeit versenken sie sich in frommer Extase, und in prophetischer Schau suchen sie die letzten Heilspläne der göttlichen Weltregierung zu enthüllen. Die literarischen Niederschläge ihrer gotttrunkenen Spekulationen liegen in den apokalyptischen Schriften zum Teil noch vor. Das Henochbuch — nur dieses sei aus der Fülle der Erscheinungen wenigstens mit einem Satz gekennzeichnet — führt, wie Jahrhunderte später der katholische Dante, seine Leser durch alle Räume des Himmels und der Erde, der Oberwelt und Unterwelt, und protestiert in flammenden Worten gegen den weltfrohen Materialismus der Reichen, die nur Sinn haben für Tafelfreuden, Kleiderpracht und Häuserprunk, und darüber das eine vernachlässigen, was nottut: ihr Seelenheil. Und neben der Vertiefung in die Mysterien — welche wunderbare Verinnerlichung und zugleich Herausprägung der sittlichen Grundforderungen! Die religiöse Zentralsonne ist ihnen die Liebe. Sie sind die ersten Pioniere einer wohlorganisierten charitativen Tätigkeit, sie sorgen für Wandrerherbergen und Krankenpflege, und sind wohl auch die Anreger der bis in die Gegenwart unter den Juden für diesen Zweck segensreich wirkenden „heiligen Genoffenschaften". Als Freunde des Extrems zeigen sie sich auch auf diesem Gebiet. Selbst das Böse soll nur bezwungen werden durch die Liebe. Es ist ja in sich schwach und siech und zerfällt in seiner eigenen Schwindsucht. Fort mit den Mitteln der Macht und der Gewalt! Fort mit der Wiedervergeltung des Staates und der Einzelnen! Wie die warmen Sonnenstrahlen die kleinen Schädlinge in der Luft vernichten, so besiegt und entwaffnet auch die Liebe die dunklen Dämonen des Haffes und der Bosheit. Dieser Grundsatz der Verzichtleistung auf jeden Widerstand gegen das Schlechte und die Schlechten, le principe de nonresistance, wie es ein geistvoller Franzose aus gedrückt hat, fand seinen klassischen Ausdruck in der hochgestimmten Forderung: Laßt Euch kränken und kränket nicht wieder. Höret eure Schande und bleibet still. Tuet alles aus Liebe und seid fröhlich im Leid, Dann seid ihr Freunde des Ewigen und gleichet der Sonne in siegreicher Pracht. Was Wunder, wenn selbst der römische Skeptiker und Judenfeind Plinius ihrer sittlichen Hoheit huldigen mußte mit den Worten: Die Essäer sind die Einzigen unter den Menschen, die den Jammer des Menschentums überwunden haben. Schweift nun der Blick vergleichend von den historischen Berichten über die Essäer zu den gewaltigen Dichtungen des russischen Wahlagitators, so spinnen sich eine Menge goldener Fäden von der alten Mystik zu ihrem neuen Jünger. Und fühlt man sich auch oft versucht, den Unterschied scharf hervorzuheben zwischen den Messiasträumen der Schwärmer von Engedi und den Forderungen des Wellbekehrers auf Jasnaya Polyana, so wird man doch immer auf so viele ihnen gemeinsame Züge gewiesen, daß man von dem Gedanken, in Tolstoi einen modernen Verjünger der essäischen Ideale zu erblicken, sich nicht freimachen kann. Graf Leo Tolstoi war schon lange gefeierter Dichter, bevor er als Pfadfinder für die Zukunft des Menschengeschlechts sich offenbarte. Erst im reifen Mannesalter, nach schweren inneren Kämpfen wurde der aristokratische Genußmensch zum mystisch-asketischen Propheten. Die erste Einkehr beginnt in jenen einsamen vier Jahren, die er in dem Kosakendorf am Terek verbracht hat. In seiner Novelle „Die Kosaken" klingt denn auch zum erstenmal sein ethisches Reformprogramm leise an: Man muß für sich möglichst wenig bedürfen und das Glück suchen in einem Leben für andre. Jahre vergehen, Jahre rastloser innerer Tätigkeit. Immer reiner, reicher und reifer wird in ihm die Ueberzeugung, deren Grundgehalt er in seiner Programmschrift über das Reich Gottes tief und schlicht ausgesprochen hat. Lebensheiligung, Durchsittigung des ganzen Menschen, Heraustilgung der tierischen Begehrungen aus dem Gemüt. Das ist die Vorbedingung, mit essäischem Radikalismus gedacht und ausgesprochen. Wie der Titel des Buches, „Reich Gottes", ein essäisches Schlagwort erneuert, so bietet der Inhalt essäische Lehren. Die Bewältigung, Bändigung und Kreuzigung des Fleisches, die er hier verlangt, führt dann in der Kreuzersonate zu einer verurteilenden Kritik der Ehe, die er lediglich als einen Seelenbund mit Ausmerzung aller anderen als rein geistigen Empfindungen gelten läßt. Der unter das Sittengesetz gebängigte Mensch, der von der Gewalt seiner tierischen Triebe befreit ist, er allein vermag den Friedenszustand, den auch Tolstoi im Bild des