Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 6. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenden und der Leute sind nicht imstande, diesen Eindruck zu verwischen. Sein Witz ist da ein Gegenmittel gegen die sich hervordrängende Empfindung, in die er nicht gern Jemanden hineinblicken läßt und die er doch nicht beseitigen konnte. Wer nur irgendwie die hinter den Worten sich bergende Seele zu belauschen, mit ihr mitzuempfinden imstande ist, der wird nicht einstimmen in das Geschrei über Heine’s Gemütlosigkeit und besonders über seinen Haß gegen Deutschland. Deutschland ist der Gegenstand seines Spottes und doch das Schmerzenskind seiner Empfindungen. Sein ätzender Spott war mächtig genug, an der Beseitigung der von ihm verspotteten kleinlichen Umstände jener einengenden Zeiten mitzuwirken, seine Zukunftsbilder hat die Geschichte bewahrheitet. Heine hatte eben den tiefen Blick für Tat- Sachen, die oft erst in Zukunft mit ihrer Kraft hervortreten, wie auch für das, was augenblicklich als herrschende Stütze der Staaten und Völker galt, aber durch innere Haltlosigkeit keine Zukunft hatte. Dem Nichtigen sang er schon jetzt das Totenlied, ein Freudenlied mit der Schellenkappe des Spottes, die Tatsachen aber betrachtet er mit Verehrung, und Tatsache war ihm das durch innere Kraft sich Entwickelnde. Daß er bitter wurde, wenn er an die Ursachen seiner Verbannung aus dem Vaterlande dachte, ist ebenso begreiflich, wie daß er zum sonnigen und gastfreundlichen Frankreich Liebe hegen mußte. Aber er verkennt nicht die Schattenseiten dieses ״geistvollsten und heldenmütigsten aller Völker." Im Gegensätze zur Tiefe deutschen Geistes empfindet er die Oberflächlichkeit des französischen. Wie nur Lessing einen Voltaire, behandelt er mit herablassendem gutmütigem Humor den französischen Denker Cousin, der sich erlaubt, seine Landsleute in die Tiefen deutscher Wissenschaft mit vielen Sprüngen und Floskeln einzuführen, ohne daß er eine Ahnung davon hat. Von deutscher Wissenschaft versteht eben der muntere Franzose nichts, er hält den Denkerdrang der deutschen Philosophen für kabbalistische Geheimniskrämerei, ohne zu wissen, daß durch sie die Tatsachenwelt beleuchtet wird. Er erkennt die Haltlosigkeit und das Ewigwechselnde im Staatsleben Frankreichs, und die Spitzen derselben sind, wenn sie nicht Napoleon heißen, sehr oft der Gegenstand seines Spottes. Und nun die Dichtung der Franzosen mit ihren breiten Schilderungen. Selbst ein Viktor Hugo, der die Engländer und Deutschen nachahmt, ist ihm der Dichter des Erzwungenen, der Stelzen. Die französische Metrik ist ihm der Gipfel des Abgeschmackten, ihr feierlicher Sechsfüßler ein Doppelrülpsen. Der deutschen Musik tritt, wenn auch als Italiener, der aufgeblasene Spontini entgegen. Der französische Maler Delaroche ist ihm, wenn man genau hinsieht, der Darsteller des Rührseligen und der Leichenbitterei. Der Franzose denkt nicht viel, aber — es läßt sich gut mit ihm leben. Seine Glanzzeit ist mit dem ersten Napoleon dahingegangen, in den Tuilerien herrschen Bourbonen mit angenähten Köpfen, die nicht halten wollen, oder mittelmäßige Bürgerkönige und provisorische Regierungen mit Mitgliedern, die in der Unwissenheit bedeutend sind. So steht es mit Heine’s Verhältnis zu Frankreich, und auch hierin hat er geschichtlich richtig gesehen. Es muß uns heute]! mit Staunen erfüllen, daß er damals schon ein Bündnis zwischen Frankreich und Rußland für möglich hielt, wie es doch vor unseren Augen sich bewahrheitet hat. Was wollen diesen großen Tatsachen gegenüber die Schattenseiten im Einzelnen sagen, welche die Begleiterscheinung jedes aristophanischen Wirkens sind? Ohne das Eine ist das Andere nicht zu denken. Statt in Heine das Judentum zu lästern, sollte jeder Deutsche stolz sein auf den Dichter, der in der Weltliteratur die Satire am Gewaltigsten vertritt, ja, der ihr allein eine über seine Zeit hinausgehende weltgeschichtliche Bedeutung verliehen hat. Er war, wie er selbst sagt, kein Lamm; Lämmer können keine Satiren schreiben. Er war gewiß gegen Manchen ungerecht im einzelnen; vergessen wir aber nicht, wie Aristophanes den Sokrates verspottet, ja, wie er die Sonnenflecken am verehrten Aeschylus bemerkt, wie erbarmungslos er einen Euripides dem Hohne seiner Zeitgenossen übergeben hat. Wer als Philologe Aristophanes verehrt, der darf einen Heine nicht lästern und sich denen ja nicht anschließen, die ihm ein Denkmal verweigert haben. Litteraturbericht. Recensionen. Nowack, die kleinen Propheten, übersetzt und erklärt. (Handkommentar zum alten Testament, herausgegeben von Dr. W. Nowack.) Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht, 1904. 446 Seiten. 8 Mark. Das große Unternehmen, das von Nowack geleitet wird, der Handkommentar zum alten Testament, sieht schon einzelne Bände, wie hier die kleinen Propheten, in zw eiter Auflage erscheinen — ein schöner Erfolg in so kurzer Zeit! Wie steht es bei uns mit dem Ehrlich’schen Bibelwerk? Wann wird die erste Auflage der davon erschienenen Bände vergriffen sein? Die erste Erwähnung des Zwölfbuches findet sich Sirach 49,10. Wir haben schon früher in der Monatsschrift (46. Jahrgang, S. 49 ff.) gegen Bretschneider und Böhme die Echtheit der Sirachstelle (auch aus dem Hebräischen) bewiesen, und es freut uns nun, bei Nowack dieselbe Auffassung zu finden. Hat Sirach nun das Zw’ölfbuch (Nowack zweifelt, ob in dessen jetziger Gestalt) gekannt, so ist Happel’s Ansicht Habakuk, Joel und Nahum in die Makkabäische Zeit zu verwaisen, damit, wie Nowack auch entscheidet, zurückgewiesen. Ob die Erwähnungen Juda’s in Hosea (wie auch in Amos) spätere Einfügungen sind, muß, indem man auf Umbreit und Ewald zurückgreift, bezweifelt werden. In Amos 1,2 läßt Gott von Zion und Jerusalem seine Stimme ertönen. Yolz streicht diese Stelle, weil die deuteronomische Zeit mit ihrer Beschränkung des Gottesdienstes auf Jerusalem noch nicht gekommen. Nowack behält sie bei, weil schon damals Zion in Juda in den Vordergrund getreten sein kann. Wenn man mit Steuernagel aber bei Festsetzung des ersten deuteronomischen Ansatzes aufManasse zurückgeht und andererseits zugeben muß, daß eine Entwickelungszeit auch dafür notwendig gewesen, so können Amos Mahnungen, nicht Bethel, sondern Gott