Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 6. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
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24 zu suchen, wohl auf Jerusalem bezogen werden. Lassen wir diese Auffassung durchgehen, so werden die tadelnden Aeußerungen des Arnos auf Juda bei den strengen Grund- Sätzen dieses Propheten auch nicht unmöglich sein. Und so gut er mitten in der von ihm geschilderten Blüte des ephraimitischen Reiches dessen Vernichtung bereits als Tatsache verkündet, kann er auch den Fall Juda’s voraussehen und von der fallenden Hütte Davids sprechen. Das Schlußkapitel des Arnos mit seinen eine bessere Zukunft verheißenden Sätzen wird von 9,8 an von Nowack, wie jetzt zumeist geschieht, als nachexilischer Trostzusatz dem Arnos abgesprochen. Jedenfalls muß man aber zugeben, daß der Ergänzer dann den Ton des Arnos sehr genau zu treffen gewußt, die Farben aus dem Landleben in echt amos’scher Weise gemischt hat, so daß das Zukunftsgemälde des Glückes im Gegensätze zu späteren AVeissagungen sich genau in den Schranken der ländliehen Gemälde der als echt anerkannten Teile hält. Und sollte die Hoffnung, welche Arnos am Ende seinem Volke macht, wirklich im Gegensätze stehen zu der im Innern seines Buches bekundeten Sendung? Muß der Prophet durchaus, weil er der strenge Verkünder des sittlichen Gedankens und der göttlichen Gerechtigkeit ist, bei den Weissagungen der A^ernichtung stehen bleiben? Ein Seher, der im Verschwinden seines Volkes und Landes allein den Sieg Gottes sieht, ist ein geschichtliches Unding, das uns Grauen einflößen müßte. Weshalb soll man nur den späteren Propheten derartige Darstellungen zumuten? Wenn Arnos von der Totenklage über die gesunkene Tochter Israels ausgeht, wird nicht die Tröstung am Schlüsse nach Art der Grabesgebräuche eine Notwendigkeit? Wenn in Arnos gar keine Spur des liebenden und verzeihenden Gottes vorhanden ist — wie kann mit einem Male dieser Gedanke gleich der Athene aus dem Kopfe des Zeus bei Hosea solche Kraft gewinnen? Müßte man nicht auch die Gesichte aus Arnos fortstreichen, in die Zeiten der Hesekiel und Sacharja verlegen, um ganz folgerichtig zu verfahren? Und doch gibt Nowack hier eine Ausnahme bei Arnos unter dem älteren Propheten zu. Diese unsere Bemerkungen betreffen nicht gerade die Stelle in Arnos, kehren sich auch nicht gegen das an sich maßvolle Vorgehen Nowack’s (wenn man ihn nämlich mit andern vergleicht), sondern gegen die ganze Richtung. Wenn das Judentum als Vorstufe des Christentums in dasselbe sich auflösen soll, dann müssen die Propheten als Vorläufer Christi Israel die AVege zur Selbstauflösung ebnen. Wenn diese Auffassung auch heute wissenschaftlich aufgegeben ist, so stehen die Forscher doch weit stärker unter ihrem Bann, als sie sich zugeben wollen. Von diesem Standpunkte aus ist jedes Streben zur Erhaltung Israels ein Fehler; vom echtgeschichtlichen Standpunkte aus, wonach ein rechter Mann den Seinen trotz aller Meinungsgegensätze treu bleiben muß, hat man diese angezweifeiten Stellen, von wem man sie auch herleiten mag, als Lichtblicke in den düsteren Prophetenbildern anzusehen. Unecht und minderwertig sind aber da vielfach AVechselbegriffe. Die Wissenschaft darf aber weder jüdisch noch christlich empfinden, sondern hat den allgemeinmenschlichen Maßstab anzulegen. Da muß die Theologie zurücktreteu. Wir haben in unserm ״Zurück zur •Bibel״ (Poppelauer) diese Fragen genauer erörtert und kommen an anderer Seile noch darauf zurück. Im übrigen verweisen wir die Leser auf vorliegendes Werk als auf eine verdienstliche und bedeutende Arbeit Nowack’s. Es ist ein Vorzug des ״Handkommentars״, daß der Text über dem Striche die Erklärung begleitet. Lichtvolle Einleitungen führen in jedes der Prophetenbücher ein Wir lernen da im voraus den Zusammenhang und Inhalt, die Person und das Zeitalter des Propheten kennen, die Fragen' der Abfassung werden uns nahegeführt, wir erhalten einen Ueberblick über das um den Propheten sich aufbauende Schrifttum, so daß wir wohlvorbereitet an die eigentlichen Erklärungen herantreten. Diese bieten uns wieder in aller Knappheit bei wichtigen Stellen die bedeutendsten einander widerstreitenden Ansichten, so daß wir imstande sind, uns ein eigenes Urteil zu bilden. Wie diese meisterliche Erklärung des Dodekapropheton ist der gesamte Handkommentar warm zu empfehlen. Wir dürfen nicht untätig bleiben der Bibelforschung gegenüber, sonst geht die Zeit über uns hinweg. Es müssen auch in unserer Mitte maßgebende Kräfte sich regen; das wird ohne ein Eingehen auf die Arbeiten christlicher Forscher nicht angehen. Wir müssen deren redliche Mühe um das Verständnis der Schrift und ihrer religiösgeschichtlichen Stellung entschieden durch tätige Mitwirkung und vor allem durch Verständnis anerkennen. Und wievieles Neue lernen wir daraus! Die Bibel wird dadurch von neuem in uns lebendig, die gemeinsame Forschertätigkeit kann trotz oder vielleicht sogar wegen der anregenden Gegensätze nur gute Früchte tragen. Vermischtes. (Fortsetzung.) Im Tanchuma Wajischlach Schlagwort ישלח! (Buber S. 77) wird unerwarteter Weise mit einem Male zum Propheten Joel übergeleitet, der von der Heuschreckenplage als von einem gewaltigen Heereszuge Gottes spricht, die Gesetzgebung (offenbar nur als Ueberleitung zum דבר אחר) berührt und dann von den Wettern gesprochen, welchedie Regengüsse zurFolge haben. Rosch Haschana und Jomkippur werden erwähnt, die Bücher des Lebens und des Todes, die zehn Bußtage; Mahnungen aus demEingang von Jesaia, durch Aenderung des sittlichen Wandels Buße zu tun. Dann kommt die Fortsetzung des Eingangs, der von der Gesetzgebung handelte, und nun münden beide Gedankengänge in eins, indem aus der Hafthara von Jithro die Sünde der ״unreinen Lippe“ in Zusammenhang gebracht wird mit Israels Bereitwilligkeit am Sinai, Gottes Willen zu tun und zu vernehmen. Die Flamme des Altars sühnt bei Jesaia die Sünde der unreinen Lippe. Auch Moses bringt die Glut, welche das lüsterne Volk verzehrt, zur Ruhe. ״Größer sind die Gerechten, als die Engel“, d. h. die von Gott zur Bestrafung der Menschen bestimmten Naturmächte. Die von Joel angeführten Worte gehören dem Teile an, woraus die Hafthara für den Bußsabbat genommen ist; ja, wir fügen zur Hafthara von Wajischlach noch die Schlußstelle von Hosea שובה ישר׳ hinzu, die sich an die betreffende Stelle in der Bibel anschließt, und שובה ist die Hafthara des Bußsabbats zugleich. Weshalb in diesem Midrasch das Häufen der Bußeindrücke, die Erwähnung der Bußtage und Bußfeste? Was soll die Glut des Feuers, was sollen die Regengüsse? Vergessen wir nicht, daß mit Wajischlach zumeist die Erwähnung von טל ומטר verbunden ist (s. Taanit 10a, die Ansicht Chananja’s), also die שא לה beginnt, und für Babel vielleicht auch die Fasttage bei ausbleibendem Regen, die übrigens nach der folgenden Mischna daselbst im Kislew für die Gemeinde anfangen. Man betet u. A. auch die Sichronoth und Schofaroth (Mischna II daselbst), welche die Erwähnung von Rosch Haschana und Jomkippur nahelegen (s. R. H. 26b Mischna). Sicherlich haben war hier also eine Fastenpredigt vor uns. Die Glut, welche bei Joel die Felder versengt, soll weichen, der Regen soll herniederkommen; die Gerechten sollen durch ihren Wandel die Naturmächte überwinden. Nicht wird etwa äußerlich Buße im Fasten gepredigt, sondern der innere Wandel wird empfohlen — ״darin liegt die Buße.“ So haben wir in der angeführten Tanchumastelle einen Rest alten Synagogenlebens vor uns. (Fortsetzung folgt.) Inhalt der Nummer 6. Wissenschaftliche Aufsätze: Kleidung im biblischen und talmudischen Schrifttum. Aron Dr. Adolf Rosenzweig, Berlin. (Fortsetzung.) — Zu Peßach. — Einiges über Heine. (Schluß.) — Litteraturbericht. Recensionen: Nowack, Die kleinen Propheten. — Vermischtes. (Fort- Setzung.) Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosentha* in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.