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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · p. Seite 178

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 178 (sequence 6)
Language
German
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Seite 178. Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. freundlich, und frei von allen starren religiösen Dogmen, die zwischen Mensch und Mensch eine Grenze ziehen. In der Synagoge in Göteborg, einem prächtigen Gebäude im maurischbyzantinischen Stil, erklingen die Psalmen Davids unter Orgelbegleitung in der schwedischen Sprache, und die vielen Christen, die fast jedem Gottesdienst beiwohnen, um die Predigten des aus dem Elsaß stammenden Rabbiners Dr. Koch zu hören, finden keinen Anstoß daran, daß die Juden es nicht für überflüssig halten, in ihren Gebeten auch Zions und Jerusalems zu gedenken. Freilich gehören die Juden in Göteborg, mit Ausnahme der aus Polen eingewanderten, einer freien Richtung an, auch grassiert unter ihnen wie unter den Juden in Dänemark, die Mischehe; aber trotz alledem sind sie stolz auf ihre jüdische Abstammung und haben ein warmempfindendes, mitfühlendes Herz für die Leiden ihrer Stammesgenossen in den Ländern der Finsternis und der Intoleranz. Ich hatte in Göteborg Gelegenheit, viele vornehme Glaubensgenossen, unter anderen auch die bekannte schwedische Schriftstellerin, Frau Sophie Man, die erst kürzlich Palästina bereist und ihre dortigen Erlebnisse in schwedischen Journalen veröffentlicht hat, kennen zu lernen, und fast überall begegnete ich einem so lebhaften Interesse für alle Vorgänge in der jüdischen Welt, daß ich mich in eine Versammlung des Berliner Hilssvereins der deutschen Juden versetzt glaubte. Nur auf meine Frage, weshalb trotz der so günstigen Geschäftslage Göteborgs eine so geringe Zahl Juden hier ansässig seien, konnte ich keine befriedigende Antwort bekommen. Es machte auf mich den Eindruck, als ob gewisse jüdische Kreise in der Einwanderung ausländischer, insbesondere polnischer Juden eine Gefährdung ihrer sozialen Stellung erblicken, eine Befürchtung, die ganz unbegründet ist, da der Schwede den Fremden weniger nach seiner Nationalität als nach seiner persönlichen Qualifikation beurteilt. Ein Beweis dafür ist, daß der kürzlich von seinem Amt zurückgetretene Polizeipräsident von Stockholm, Herr Rubenson, der Sohn eines polnischen Juden ist, und daß sein Bruder, Herr Dr. Rubenson, als Vorsitzender des dortigen Stadtverordneten- Kollegiums fungiert Auch ist es nicht zu bestreiten, daß ein großer Teil der sogenannten schwedischen Juden Söhne oder Enkel polnischer^Juden sind. Indessen dürften es noch andere Ursachen^ sein, die dem Zuzug ausländischer Juden nach Schweden hindernd in den Weg stehen, worauf ich in meinem nächsten Brief zurückkommen werde. Die Politik. (Ein jüdischer Offizier.) In dem Gefecht bei Owikokorero in Deutsch-Südwestafrika ist auch ein jüdischer Mann als Offizier vor den Hereros gefallen. Der Leutnant der Reserve Bendix aus Dülmen (Kreis Coesfeld) in Westfalen, seit dem vergangenen Jahr Regierungsbaumeister, hatte in Bayern seiner Dienstpflicht genügt und war im Kgl. bayrischen 3. Pionier- Bataillon Reserveleutnant geworden. Im Auftrag der Firma Arthur Koppel war er zum Bau der Otawibahn nach Deutsch- Südwestafrika gegangen. Bei Ausbruch des Herero-Aufstands wurde er zur kaiserlichen Schutztruppe eingezogen. Er war ein hervorragender Eisenbahnbautechniker. In Erfüllung seiner Pflicht hat er für das Vaterland sein Leben dahingegeben. Daß er es an der Stelle tun durfte, die seinen Fähigkeiten zukam, hat er nicht seinem engeren Vaterland zu danken. * *, * (Jüdische Abstammung.) Die „Kölnische Volkszeitung" berichtet ihren Lesern über die Vorgänge, die dazu geführt haben, daß der Fürsterzbischof Dr. Kohn von Olmütz veranlaßt wurde, von seinem Amt zurückzutreten. Die „Kreuzzeitung" druckt diesen Bericht ab, der naturgemäß wenig schmeichelhaftes für den Erzbischof enthält, und fügt hinzu: „Dr. Kohn ist bekanntlich jüdischer Abstammung." — Das war Jesus auch und Petrus und Paulus und die übrigen Apostel. Es scheint jedoch, als ob das der „Kreuzzeitung" nicht ebenso bekannt wäre. * * (Eine antisemitische Idealfigur.) Der „Kreuzzeitung" ist es peinlich, daß man die tatsächliche Ausschließung der Juden vom Offiziersberuf einen Verfassungsbruch nennt. Sie hält diese Bezeichnung — allerdings ohne Angabe von Gründen — für unberechtigt, will sich aber mit „theoretischen Schlußfolgerungen aus dem Wortlaut des bekannten Verfaffungsparagraphen über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger und aller Bekenntnisse" nicht befassen. Sie meint nur, der Kriegsminister habe das Richtige getroffen, als er sagte: „Mögen die Juden sich doch zur Offiziersprüfung melden, zurückgewiesen wird niemand". Das Blatt fügt hinzu: „Wenn ihre Aufnahme und Beförderung später an subjektiven Momenten scheitern, die jedermann bekannt sind, so darf man die Regierung dafür nicht verantwortlich machen, weil es sehr wenig angebracht wäre, den Offfzierkorps Leute aufzuzwingen, gegen die sie nun einmal eine ausgesprochene Abneigung empfinden und die deshalb, um mit Mommsen zu sprechen, lediglich „ein Element der Dekomposition" bilden würden. Der Abg. Eickhoff hat also nicht nur furchtbar übertrieben, sondern die Sachlage grundsätzlich falsch dargestellt, wenn er die Nichtbesörderung von Juden zu Offizieren „Verfaffungsbruch" nannte und sogar für eine der wesentlichsten Ursachen der sozialdemokratischen Bewegung erklärte. Die Sache liegt umgekehrt. Wenn eine Prämie daraus gesetzt wäre, die Offfzierkorps in ihren Grundfesten zu erschüttern und das Heer zum offenen Tummelplatz der Umsturzpartei zu machen, so könnte man nichts Geeigneteres tun, als das Judentum in leitende Stellungen zu bringen. Das wäre der Anfang vom Ende, denn zu den Talenten der semitischen Rasse gehört es regelmäßig nicht, durch persönliches Auftreten zu imponieren und sich Respekt zu verschaffen. Wohl aber würde die radikale Denkweise der Juden, ihre Eitelkeit und ihre Neigung zum Aufwand auf die Anschauung der Kameraden in der nachteiligsten Weise einwirken und eben dadurch den zersetzenden Bestrebungen der Sozialdemokratie förderlich sein. Mehr brauchen wir über den Gegenstand nicht zu sagen. Wer Dinge und Menschen nicht vom Tiergartenstandpunkt ansieht, wird uns recht geben." Als die „Kreuzzeitung" diese Sätze niederschrieb, war sie in Trauer um ihren eben verstorbenen früheren Chefredakteur Freiherrn v. Hammerstein, einen Mann von besonderen Gaben und Kräften. Er war es, der im Abgeordnetenhaus und Reichstag — vor Herrn Liebermann v. Sonnenberg, der nur sein unvollkommener Nachtreter ist — die Mode der antisemitischen Witzeleien einführte und sich als fanatischen Vertreter des Agrariertums, der Rechtglüubigkeit und des Antisemitismus gab. Sein nächster Freund war Herr Stöcker, der den bekannten „Scheiterhaufenbrief" an ihn richtete. Seine nächste Freundin war Flora Gaß, die ihm „namens der deutschen Frauen" — auf seine Bestellung — huldigende Geschenke darbrachte, für die er öffentlich dankte, deren Bezahlung er aber unterließ. Er lebte von Betrug und Unterschlagungen' Das hinderte ihn nicht an imponierendem Auftreten. Er

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