Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 735 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605839-9605959--8724-9605964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 52 Israelitische Wochenschrift. Gerte 735. zwei Gesichtspunkten aus: 1. Daß dies eine Industrie ist, die verhältnismäßig viele Personen beschäftigen kann, und daß sie sich von selbst immer weiter und weiter ausdehnt. 2. Daß die Qualität der Arbeiter und dadurch auch der Lohn in Galizien gehoben werden soll. Wir können uns der Hoffnung hingeben, daß diese Industrie zu gutem Resultat führen wird. In Vorbereitung haben wir die Erzeugung von Schuhen für den Export und von solchen Spitzen, die hauptsächlich große Exportartikel sind. Wir unterstützen endlich in Skole den Unterricht in englischer Sprache an Handwerker, die auszuwandern beabsichtigen. Wir kommen nun zu dem Bericht über unsere innere Organisation. Vorausschicken müssen wir, daß wir nicht für das ganze Jahr 1903 den Abschluß geben können, weil eben die Generalversammlung im Dezember abgehalten wird. In der heutigen Tagesordnung findet sich ein Antrag des Ausschusses, der, wenn er von ihnen angenommen wird, diesem Uebelstand für die Zukunft abhelfen wird. Die Daten für 1903 reichen daher nur bis Ende November. Im Jahr 1902 hatte unser Verein 35 Ortsgruppen mit 3470 Mitgliedern und 221 Mitgliedern, die in verschiedenen Orten wohnen, wo vorläufig noch keine Ortsgruppe besteht. Zusammen hatten wir also 3691 Mitglieder, die 33 600,23 Kronen als Mitgliedsbeiträge leisteten. Ansehnliche Spenden sind uns zugekommen vom Hilfskomitee für osteuropäische Juden in Frankfurt a. M., vom Hilfsverein der deutschen Juden in Frankfurt a. M., vom Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin und vom Kuratorium der Baronin Klara Hirsch-Stiftung. Zu unserem Bedauern können wir auf eine gleiche Opferwilligkeil der Wiener Kreise nicht Hinweisen. Im Jahre 1903 hatten wir 38 Ortsgruppen. Die Mitgliederzahl kann jetzt noch nicht angegeben werden, weil von den Ortsgruppen noch viele Abrechnungen ausständig sind. Bis Ende November d. I. sind an Mitgliedsbeiträgen eingegangen 30 748 Kronen. Neue Ortsgruppen haben sich im Jahr 1903 konstituiert in: Böhm.- Leipa, Friedek-Mistek, Gablonz, Komotau, Lobositz, Melnik, Olmütz, Smichow, Trautenau; in Vorbereitung ist die Konstituierung von Ortsgruppen in Marienbad und Pardubitz. Aus dem Spesenkonto teilen wir folgende Daten mit: Spesen für Industrie-Einführung: Haarnetz-Industrie K. 20 112 64, Knopf-Industrie K. 121,—, Spiel- und Drechslerwaren K. 5299,—, Herrenkleider-Lohn-Konfektion K. 3300, —; Korbwaren K. 919,—, Prämien K. 2282,—, Englischer Unterricht, Skole K. 70,—. Herr Reichsrats-Abgeordneter Dr. Byk: Er habe alle Anerkennung für die Tätigkeit des Vereins, umsomehr, als die in so kurzer Zeit erzielten Resultate sich sehr abheben von der Erfolglosigkeit des meist bisher in Galizien Geschehenen. Er führt das tatsächlich auf ein gewisses geschäftliches Geschick zurück, das bisher [bei ähnlichen Unternehmungen in Galizien gefehlt hatte. Zu den Ausführungen des Herrn Vorsitzenden bemerkt er: Die Frage, ob die Hebung der Kultur- oder der Erwerbsverhältniffe wichtiger seien, läßt sich richtig wohl nur so beantworten, daß beide Faktoren in einer innigen Wechselwirkung stehen. Die Kultur ist eine notwendige Voraussetzung für die Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit, und Wohlstand ist nötig, um Kultur und Bildung zu verbreiten. Aus der Geschichte der Juden Polens ersehen wir, daß der Chassidismus erst entstand, als die Juden durch die Tartaren und Schweden gänzlich ausgeplündert und bettelarm geworden waren; als das Elend bis zur Hoffnungslosigkeit anzuwachsen begann, tauchten die Wunderrabbis auf. Obmann-Stellvertreter Lederer richtet einen rvarmen Appell an die Obmänner der Ortsgruppen; von der Wirksamkeit der Ortsgruppen hängt wesentlich die Zukunft des Vereins ab. Nicht nur Mittel, sondern auch Ideen und Anregungen zu Unternehmungen müssen dem Verein von den Ortsgruppen zufließen. (Beifall.) Herr Bernhard Jerusalem, Vertreter der Ortsgruppe Hermanmöstec, bringt den Dank und die Anerkennung seiner Ortsgruppe der Vereinsleitung zum Ausdruck; er spricht den Wunsch nach einer zuverlässigen Statistik der hilfsbedürftigen und arbeitsfähigen, jedoch erwerbslosen Juden in Galizren aus. Er weist sodann auf die hohe Bedeutung der Agrikultur hin, zumal Galizien ein Agrikulturland ist, das bei rationeller Ausnützung seines Bodens um ca. 100 Millionen Kronen jährlich mehr produzieren könnte, als es jetzt der Fall ist. Auch für die Juden würde sich dann leichter Gelegenheit zu landwirtschaftlicher Arbeit und sonstigem Erwerb bieten. Besonders aber sei die Pflege der Landwirtschaft deshalb sehr wichtig, weil im Fall der Auswanderung die Juden imstand wären, Landwirtschaft zu betreiben, wodurch sie überall, wo dem Boden noch der Bearbeiter fehlt, als fleißige Arbeiter willkommen wären. Die Unzulänglichkeit der finanziellen Mittel des Vereins für Agrikulturförderung könnte durch umfassende Propaganda behoben werden; überdies müßte man ja nicht gleich anfangs Güter kaufen, sondern könnte mit Pachtungen beginnen. (Beifall.) Professor Schwarz aus Mähr.-Ostrau empfiehlt in geeig^ neten Orten die Errichtung von Lehrkursen für Handwerker. Der staatliche Gewerbeförderungsdienst wird gern seine Unterstützung durch Beistellung von Maschinen w bieten. Auch könnten die Gewerbetreibenden zu Genossenschaften organisiert werden, die in derselben Weise Unterstützung fänden. Der Tätigkeits- und Kassabericht wird einstimmig genehmigt. Der Obmann des Aufsichtsrates Herr Dr. Wilhelm Knöpfmacher berichtet, daß der Aufsichtsrat hinsichtlich der Büchereintragungen und der Geldgebahrung keinerlei Gebrechen wahrgenommen und auch die Geldgebahrung der Vereinsleitung als dem statutenmäßigen Zwecke vollkommen entsprechend befunden hat. Der Bericht des Aufsichtsrates wird genehmigt und dem Ausschuß das Absolutorium erteilt. Obmann-Stellvertreter Lederer: Bei einer im Dezember stattfindenden Generalversammlung ist der Vorstand nicht in der Lage, den Rechnungsabschluß für das ganze Jahr vorzulegen. Er beantragt daher namens der Vereinsleitung, die Generalversammlungen mögen erst im Februar ober März stattfinden. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Von der Ortsgrupoe Teplitz-Schönau liegt ein von dem Obmann dieser Ortsgruppe Herrn Felix Bruck vertretener Antrag vor, betreffend den Jahresbericht des Vereins und die Mitteilung der Anträge einer Ortsgruppe an alle anderen vor der Generalversammlung. In einer vom Ausschuß etwas modifizierten Form gelangen zwei Anträge oer Ortsgruppe Teplitz zur Annahme. Anregungen des Obmannes der Ortsgruppe Troppau und die in einer Zeitschrift des Herrn Dr. Knöpfmacher dargelegten Anregungen der Wiener Ortsgruppenversammlung gelangen zur Verlesung. Der Vorsitzende spricht den erschienenen Delegierten und Ehrengästen den Dank aus und bittet, sich des Vereins bei jeder möglichen Gelegenheit anzunehmen und seiner eingedenk zu sein. Als Delegierter des Wiener Kultusvorstands spricht Herr Baurat Ritter v. Goldschmidt namens der Kultusgemeinde der Vereinsleitung den wärmsten Dank aus. In" der Führung des Vereins zeige sich nicht nur Mut, Geschicklichkeit und