Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · p. Seite 734

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 734 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605839-9605959--8723-9605963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 734. Israelitische Wochenschrift. Nr. 62. Dkl Hilfsmein für -ir mündende jüdische Kev'lltKkkuag in Gachien. Wien, 20. Dezember. Die Generalversammlung des „Hilfsvereins für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" fand unter dem Vorsitz des Herrn Vizepräsidenten Sigmund Mayer am 8. Dezember d. I. im großen Saal des Humanitätsvereins „Wien" Bnei B'rith bei zahlreicher Beteiligung der Delegierten der Ortsgruppen statt. Als Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde Wien erschien Herr Baurat Th. R. von Goldschmidt, als Mitglied der Vereinsleitung und Vertreter der Kultusgemeinde und Ortsgruppe Lemberg der Reichsratsabgeordnete Dr. Emil Byk. Von den befreundeten Körperschaften waren vertreten: der Verband der israelitischen Humanitätsvereine Bnei B'rith durch den Präsidenten Herrn Dr. M. Hammerschlag, die „Alliance israelite“ durch die Herren Wilhelm Pappenheim und Dr. Kaminka, die „Jca" durch Herrn D. Rotter, das Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung, dessen Präsident durch Unwohlsein verhindert war, durch Herrn Dr. Ascher. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung um halb 5 Uhr. Nachdem er die statutengemäße Einberufung der Generalversammlung konstatiert hat, begrüßt er die Vertreter der Ortsgruppen, der befreundeten Körperschaften und die Ehrengäste. Er teilt sodann mit, daß zum großen Bedauern des Ausschusses Herr Maxim. Paul-Schiff von seiner Stellung als Obmann des Hilssvereines zurückgetreten sei. Er beantragt namens der Vereinsleitung, Herrn Maxim. Paul-Schiff für sein erfolgreiches Wirken den Dank zu votieren, diesen Dank protokollarisch zu verzeichnen und Herrn Paul-Schiff zur Kenntnis zu bringen. (Der Antrag wird mit allgemeiner Akklamation und unter Erheben von den Sitzen angenommen.) Der Vorsitzende teilt weiter mit, daß der bisherige Sekretär des Hilfsvereines, Herr Dr. Alois Pollak, auf seine Stellung resignierte, daß ihm in der Vereinsleitungssitzung für seine eifrige und erfolgreiche Tätigkeit der Dank votiert und er einstimmig zur Wahl in die Vereinsleitung vorgeschlagen wurde. Es ist nun gelungen, Herrn Dr. Hersch in den Ausschuß zu kooptieren. — Dieser hat die Leitung des Bureaus übernommen. (Zustimmung.) Der Vorsitzende: Bevor die Details unseres Tätigkeits. und Kassenberichtes Ihnen mitgeteilt werden, möchte ich mir erlauben, einige allgemeinen Worte zu sprechen. Das von unserem Vereine unternommene Werk, die Industrialisierung eines Landes oder eines Teiles der Bevölkerung, ist bisher nur von Regierungen versucht worden. Einer Regierung stehen zu solchem Zwecke große finanzielle Mittel zur Verfügung. Sie verfügt aber auch, um eine Industrie zu erzwingen, über das große Machtmittel des Zollschutzes. Unsere Vereinigung besitzt keine solchen Machtmittel, verfügt nur über geringe finanzielle Ressourcen. Die Arbeit, die sie durchführen soll, gleicht der langsamen Aufforstung eines Karstgebietes. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich uns gegenüberstellen. Vor allem die Größe der Aufgabe. Doch zeigt sie sich, ziffermäßig erfaßt, nicht als unlösbar. Rechnen wir von den 800 000 jüdischen Seelen in Galizien vorerst die weibliche Hälfte, die nur mit einem verhältnismäßig kleinen Prozentsatz mitzuzählen ist, ab, und ebenso von dem verbleibenden männlichen Teil die Kinder unter vierzehn Jahren, die Greise — berücksichtigen wir ferner, daß doch ein ziemlich ansehnlicher Teil der jüdischen männlichen Bevölkerung imstande ist, seinen Erwerb im legitimen Handel zu finden, so reduziert sich das Problem darauf, ungefähr 100 bis 150 000 Menschen, die heute erwerbslos sind, durch Erwerb Arbeit zu verschaffen. Das ist möglich, denn wir haben in den letzten zwei Jahren schon einige Tausende Menschen dem Erwerb zugeführt. Auch das zweite Hindernis, die sehr peinliche Indolenz und Teilnahmslosigkeit gerade der jüdischen Geschäftskreise, jüdischen Unternehmer u. s. w., an die wir uns gewendet haben, hoffen wir zu überwinden. Wenn einmal durch die Einführung von Hausindustrie ein bestimmtes Arbeitermaterial geschaffen sein wird, so werden sich schließlich Unternehmer bereit finden, in ihrem eigenen Geschäftsinteresse diese Arbeitskraft, wie sie so billig in ganz Oesterreich nicht mehr existiert, zu benützen. Wir haben darum unsere ganze Kraft zunächst der Einführung der Hausindustrie gewidmet. Unser Programm ist allerdings ungleich größer und erstreckt sich auf die geistige Hebung der jüdischen Bevölkerung in Galizien, aber vor allem muß Erwerb geschaffen werden, dann wird auch das geistige Niveau sich heben. Als vor einem halben Jahrtausend Casimir der Große die Juden ins Land rief, tat er es, weil die Juden damals materiell und kulturell höher standen als die polnische Bevölkerung; erst die aus den verschiedensten Gründen über die dortigen Juden ganz besonders hereinbrechende wirtschaftliche Not hat sie auch geistig verelenden lassen. Meine Herren! Zum Gelingen unseres Werkes gehört dreierlei: Mut, Geschicklichkichkeit und eine unerschütterliche leidenschaftslose Beharrlichkeit. Mut hat unser Verein bewiesen, indem er es überhaupt gewagt hat, dieses große Werk in Angriff zu nehmen. Eine gewisse Geschicklichkeit glauben wir in dem bewiesen zu haben, was wir bis jetzt geleistet haben, und die unerschütterliche Geduld werden die jüngeren Kräfte zu erweisen haben, die nach uns fortsetzen werden, was wir Alten, Ausgedienten begonnen haben. (Lebhafter Beifall.) Der Sekretär Herr Dr. Alois Pollak erstattete den<^ richt, dem wir folgendes Wesentliche entnehmen: X- Die Haarnetz-Industrie wurde in diesem Jahr in weiteren 21 Ortschaften neu eingeführt, so daß um die gleiche Zeit gegen das Vorjahr statt in 72 Orten mit einer Arbeitsentlohnung von ca. 5000 Kronen wöchentlich, jetzt in 93 Orten mit einem Arbeitslohn von ca. 100 000 Kronen wöchentlich diese Heimarbeit betrieben wird. Ferner ist hervorzuheben, daß die Arbeiter nicht nur von Wiener und ausländischen Exportfirmen beschäftigt werden, es haben sich auch in Galizien selbst Unternehmer gefunden, die diese Industrie betreiben und die Haarnetze an die großen Exporteure liefern. Von der zweiten und drittew Industrie, die wir uns im laufenden Jahr einzuführen bestrebten, können wir vorläufig noch keine günstigen Resultats berichten. Es ist das die Spiel- und Drechslerwaren-Jndustri^ die durch die ungünstige Konjunktur, die i? diesem Artikel trat, gegen die Konkurrenz nicht aufkommen konnte; haben wir die Absicht, sobald die Verhältnisse günstiger sind und wir den richtigen Unternehmer finden, diese wieder aufs neue fortzusetzen. Die PatentknopsiErzeugung führte bis jetzt zu keinem günstigen Resultat, weil das Produkt noch nicht, allen Anforderungen entsprach und eine Maschine erst eigens für diese Arbeit konstruiert und erprobt werden muß. Wir haben außerdem in einem Ort Unterricht in der Korbwaren- Erzeugung erteilen lassen. Der Absatz dieser Erzeugnisse wurde gesichert; wir hoffen nach 2—3 Jahren ca. 80 Arbeiter aus« gebildet zu haben, die in dieser Branche dauernden Erwerb finden werden. Als fünfte Industrie wurde von uns die Herrenkleider-Lohnkonfektion eingeführt. Wir gingen dabei von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.