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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · p. Seite 733

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 733 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52. Israelitische Wochenschrift. Seite 733. Der Zeuge Oberst Rauch hat bemerkt, daß leitende Personen die Häuser behufs Plünderung bezeichneten. Er meinte, die Polizei habe sich ganz passiv verhalten und wollte die Verhafteten nicht in Empfang nehmen. Der Zeuge hat dies selbst beobachtet. Die Order, von der Waffe Gebrauch zu machen, wurde zuerst von einem Subalternoffizier überbracht. Erst um drei Uhr habe er einen schriftlichen Befehl erhalten. Die Schußwaffe sei überhaupt nicht gebraucht worden, bloß stellenweise der Säbel. Die Hauptursache der Erfolglosigkeit des Einschreitens war dessen Planlosigkeit. Die beiden letzten Zeugen bekunden, daß Polizei und Militär auch nicht einmal versucht hätten, den Massakers Einhalt zu gebieten. Nasarow wurde von einem militärischen Posten mit dem Gewehrkolben traktiert und mißhandelt, weil er Juden beschützt habe. Dem Tode sei er nur dadurch entgangen, weil er als Christ erkannt wurde. Wiederholt habe er Offiziere und Revieraufseher aufgefordert, gegen die Plünderer einzuschreiten, erhielt aber stets die Antwort: „Wir dürfen nicht". Dasselbe beobachtete der Zeuge Paschtschenko. Bei Fortsetzung des Prozesses in Abwesenheit der Anwälte der Juden und der meisten Verteidiger wurde, wie nachträglich bekannt wird, der griechische Archimandrit Safroni als Zeuge vernommen. Der Verteidiger Schmakow fragte, ob es ihm bekannt sei, was die Juden bei der christlichen Bevölkerung so verhaßt gemacht hätte, und ob die Juden ihre christlichen Mitbürger betrogen hätten. Safroni antwortete, er selbst habe derartiges nicht beobachtet oder erfahren. Ihm persönlich seien die Juden stets mit größter Verehrung entgegengekommen Eine Anzahl bewaffneter Juden habe er aufgefordert, sich zu zerstreuen; sie verhielten sich aber ganz ruhig. Es gäbe überhaupt unter den Juden viele sehr anständige und rechtschaffene Menschen. Bei den Zeugenvernehmungen über die Anklage, daß die Juden auf Christen geschossen hätten, ergab sich, daß in der Gostinajastraße am 30. April eine Bande von Plüntze---n ein Judenhaus stürmte und nicht abließ, bis von den drohten und eingeschlossenen Juden ein Schuß zur Notwehr abgefeuert wurde, wodurch ein junger Bursche schwer verwundet wurde. Die Behauptung, die Juden hätten zuerst geschossen bevor die Bande sie angriff, ist dadurch widerlegt. Am Montag ist die schamlose Justizkomödie zu Ende gebracht worden. Sie schloß mit der Verurteilung von 24 Personen zu 7 resp. 5 Jahren Zwangsarbeit, zur Einreihung in eine Arrestantenkompagnie aus 1 bis 2 Jahre, und zu 6 Monaten Gefängnis. Zwölf Angeklagte wurden freigesprochen. Die Zivilklagen blieben alle unberücksichtigt. Die jjidisch'ftMlkn Arbeiten in London. In London wird dem Deutschen die seltene Genugtuung, Wohlfahrtseinrichtungen als vorbildlich und mustergiltig bb>gestellt zu sehen. Zwar versäumt man niemals zu betonen, daß die Juden reicher seien, eine Behauptung, die vorerst noch bewiesen werden muß, aber man ist gern bereit anzuerkenaen, daß in jüdischen besitzenden Kreisen mehr Verständnis für die sozialen Aufgaben der Zeit vorhanden und auch die Bereitwilligkeit, persönliche und finanzielle Opfer zu bringen, eine außerordentliche sei, sobald es sich um die Hebung der Lage von Glaubensgenossen handelt. Es ist genügsam bekannt, daß der Wohltätigkeitssinn bei den Juden ganz besonders ausgebildet ist. Th« Jewish Board of Guardians, eine Einrichtung, die sich mit der Jüdischen Gemeinde in der Art ihrer Organisation vergleichen läßt, zerfällt in eine Reihe von Komitees, deren jedes ein besonderes Arbeitsgebiet beherrscht. Die Jahresberichte geben ausführliche Details über die Art der Tätigkeit dieser verschiedenen Komitees. Ganz besondere Beachtung verdient das Komitee, das sich bemüht, schulentlassene Knaben und Mädchen in guten Lehrstellen unterzubringen. Man hat sich mit zahlreichen Firmen, die sich bereit erklärten, Lehrlinge einzustellen, in Verbindung gesetzt und durch persönliche Erkundigungen festgestellt, welche Aussichten für ein sicheres Fortkommen die einzelnen, den Lernenden offenstehenden Berufe bieten. Hierdurch war es möglich, eine gewisse Auswahl zu treffen und die jugendlichen Arbeiter solchen Erwerbszweigen zuzuführen, die einerseits noch nicht übersetzt waren, andrerseits die Möglichkeit einer gesicherten Zukunft boten. Mehr und mehr lernen die Eltern die Vorteile einsehen, die ihnen durch die Fürsorge einsichtsvoller Menschen geboten wird, die es sich angelegen sein lassen, einen Stamm tüchtiger gelernter jüdischer Arbeiter heranbilden zu helfen. In allen möglichen Berufen finden heute jüdische Knaben und Mädchen Aufnahme; sie werden ausgebildet zu Kunstschmieden, Buchbindern, Gelbgießern, Wagenbauern, Vergoldern, Drechslern, Photographen, Stenographen, Tapezierern, Schneidern und Schneiderinnen, Stickern und Stickerinnen, Putzmacherinnen u. a. m. Eine besonders zu lobende Einrichtung sind die Besuche der jeweiligen Pfleger bei ihren Schützlingen. Jedes Mitglied des arbeitenden Komitees ist verpflichtet, mindestens zweimal jährlich schriftlich Bericht zu erstatten über das Ergehen eines jeden einzelnen durch das Komitee in eine Lehrstelle gebrachten Pfleglings. Besonders begabten Lehrlingen wird der Besuch einer Fortbildungsschule ermöglicht. Die Zahl der lernenden Mädchen ist noch nicht groß, wenn sie auch von Jahr zu Jahr zunimmt. Da die Mädchen während ihrer Lehrzeit meist keine Vergütung erhalten, trägt das Komitee die Fahrunkosten. In sämtlichen jüdischen Klubs Londons werden Listen ausgehängt, auf denen diejenigen Firmen verzeichnet stehen, die jüdische Lehrlinge einstellen. Wenn nötig, erhält ein Lehrling die erforderlichen Werkzeuge von dem Klub geliefert; er muß sich jedoch verpflichten, in wöchentlichen kleinen Raten die Anschaffungskosten zurückzuzahlen. Zur Erreichung seiner Zwecke und zur Bestreitung der laufenden Unkosten stehen dem Komitee verschiedene Fonds zur Verfügung. Immerhin wäre eine Vermehrung der Mittel sowohl wie der freiwilligen Mitarbeiter sehr erwünscht. Eine derartige Einrichtung, wie die eben beschriebene, die sich ausschließlich mit einem Lehrstellennachweis für jüdische Knaben und Mädchen befaßt, besteht in Berlin meines Wissens nicht. Die einzige Institution dieser Art ist der gemeinnützige Stellennachweis für minderjährige Mädchen, der ohne Unterschied der Konfession Lehr- und Anfangsstellen unentgeltlich vermittelt. Seine Organisation ist die gleiche, wie die in London. Auch hier kümmern sich freiwillige Helfer um das Fortkommen der durch den Verein untergebrachten jungen Mädchen. Hier wie dort könnte durch Vermehrung der Mittel und der Mitarbeiter bedeutend mehr geleistet werden. Durch Wort und Schrift könnte mehr wie bisher darauf hingewiesen werden, daß nur gelernte Arbeiter Aussicht auf einen gesicherten Lebensunterhalt haben und daß ungelernte Arbeit niemals hoch bewertet werden kann, weil hier das Angebot die Nachfrage stets bei weitem übersteigt.

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