Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 686 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 686 Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. M. Klumel, der seine Studien in Berlin gemacht hat und ein tüchtiger Talmudist und Grammatiker ist, am letzten Sabbat einen begeisterten und begeisternden, mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag in der Nozyk'schen Synagoge, nach dessen Beendigung etwa 70 Waisenknaben mit Wein, Kuchen, Bonbons bewirtet wurden. Die Kinder werden im Hebräischen wie im Profanen unterrichtet, bekleidet, gespeist und je nach ihrer Veranlagung dem Leben zugeführt. — In der genannten Synagoge wurde jüngst eine prachtvolle Thorarolle eingeweiht. Der sel. Nozyk hat sie noch schreiben lassen, erlebte aber leider den Abschluß nicht. Er ist es, der die wunderschöne Synagoge nebst Lehrhaus in der Twardastraße auf seine Kosten zu Gottes Ehre erbaute, wie s. Zt. auch in der „Wochenschrift" gemeldet worden. Der Vorstand hatte für eine äußerst würdige, weihevolle Feier gesorgt. Nachdem die letzten Sätze von den einzelnen Teilnehmern buchstabenweise, wie es Sitte ist, geschrieben waren, hielt der Rabbiner R. Chaim Mikloschinski die Einweihungsrede; dann sang der Kantor Herr Löwinsohn mit dem Chor mehrere Psalmen auf ganz wundervolle Weise; der Umzug wurde mit allen, einigen 30 Thorarollen gemacht. Daran schloß sich das Gebet für den sel. Nozyk, noch einige Psalmen wurden gesungen, und zum Schluß ^TP. Die Synagoge war überfüllt; es herrschte nur eine Stimme des Lobes über die so würdige Feier. — Donnerstag Abend vorher war die Jahrzeit Nozyk's gewesen und in weihevoller Weise abgehalten worden, wobei der obengenannte Rabbiner die Gedächtnisrede in hebräischer Sprache hielt. Der Gemeindevorstand war in corpore anwesend. Am Freitag ging das Komitee nach dem Friedhof, wo das Seelengebet u. s. w. am Grab verrichtet wurden, n 2 S 3 ri. — Die hiesige Gemeinde hack jüngst eins ihrer Vorstandsmitglieder durch den Tod verloren, dessen Wohltätigkeit sozus. unbegrenzt war: Herrn S. Eisenmann b'i. (Odessa. 23. November. (Der Kischinewer Prozeß.) In dem Kischinewer Prozeß begann am 20. d. M. das Zeugenverhör. Vor der Beeidigung verlangte der bekannte Antisemit Schmakow, die Juden müßten den Eid in der Synagoge bei schwarzen Kerzen und im Gebetmantel ablegen, sonst sei ihnen nicht zu trauen. Der Vorschlag wurde jedoch abgelehnt; der Staatsanwalt erklärte, seit Einführung der neuen Prozeßordnung in Rußland hätten sich die Juden ebenso im Eide bewährt, wie andere Russen. Als erster Zeuge wurde der Bürgermeister Schmidt von Kischinew verhört, der aussagte, er habe beobachtet, daß die Polizei sich weigerte, während der Ausschreitungen zu intervenieren, auch die Offiziere der in den Straßen postierten Truppen antworteten auf die dringenden Bitten, doch einzuschreiten, es sei keine Ordre ausgegeben 'worden. Die Frage, ob die Juden bewaffnet waren, verneinte er entschieden und sagte, sie seien so eingeschüchtert gewesen, daß sie wie Schatten herumschlichen. Er versicherte auch, daß bis vor fünf Jahren Juden und Christen in Bessarabien im besten Einvernehmen gelebt hätten, daß aber außer der Verhetzung auch die Regierungsmaßregeln gegen die Juden die Verachtung gegen diese großgezogen habe. Weiber, die im Mathaus arbeiteten, hätten ihm gesagt, gewisse Leute gingen iherum und erkundigten sich über jedes Haus, ob dariü Juden Äder Christen wohnten. In der Tat wurde in den Häusern der Christen bei den Exzessen nicht ein einziges Fenster eingeschlagen. Von Kruschevan sagte Schmidt, er habe oft das abgednickt, was ihm der Zensor verboten, und er sei nie bestraft worden. Der nächste Zeuge General Beckman konnte keine Antwort geben, als man ihn fragte, warum er mit seinen 5000 Mann in der Garnison nicht die Polizei unterstützte, um die Ruhe herzustellen. Der dritte Zeuge Jagin, ein Korrespondent der „Odessa Nowosti", sagte, die Angeklagten seien nur verführte Leute, die nicht wußten, was sie taten; den Urheber müsse man anderswo suchen. Er wurde unterbrochen und angewiesen, über niemand zu sprechen, der nicht angeklagt sei. Die Verteidiger protestieren gegen diese Einschränkung. Wilna. 22. November. (Tagesbefehl.) Ein heute veröffentlichter Tagesbefehl des Kommandanten der Truppen des Wilna'schen Militärbezirks teilt folgenden Vorfall mit: In der Stadt Orscha wurden am 19. d. M. 11 Arrestanten unter Bedeckung von sechs Untermilitärs und einem Gefreiten aus dem Gefängnis abgefertigt. Unterwegs wurde die Bedeckung von einer großen Schar Juden umringt, die die Arrestanten zu befreien versuchten und mit Knütteln und Steinen warfen. Die Menge mit den Gewehrkolben abwehrend, setzte das Kommando seinen Weg fort und erreichte seinen Bestimmungsort. Der Tagesbefehl lobt das Verhalten der Soldaten. Offenbar ist diese Darstellung des Vorganges tendenziös gefärbt. Man wird objektive Berichte abwarten müssen, um beurteilen zu können, um was es sich bei dem Krawall in Orscha eigentlich gehandelt hat. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. In vergangener Woche ist der Landgerichtsrat Justizrat Johannes Meyer in Dresden infolge eines Schlaganfalls gestorben. — In Budapest ist der Nestor der dortigen Aerzte, Dr. Simeon Brück, 84 Jahre alt, gestorben. Er war 1848/49 Stabsarzt in der Honvedarmee und Arzt des Diktators Ludwig Koffuth. — Auf seinem Schloß Pietra bei Florenz ist, achtzig Jahre alt, der ehemalige Finanzier Horace Landau gestorben. Der unverheiratete Mann hinterläßt 70 Millionen Francs Erbe ist sein jüngerer Bruder Albert Landau in Wien. — In Freienwalde a. Oder hat der Lehrer und Kantor der Synagogengemeinde, Herr Leopold Cohn, der sein Amt dort seit beinahe 40 Jahren versieht, am 22. d. M. mit seiner Gattin die goldene Hochzeit gefeiert. — In der Gruppe S.W. des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wird am Montag den 30. d. M. Herr Rabbiner Dr. Ackermann aus Brandenburg a. H. einen Vortrag halten über das Thema „Was lehrt das Judentum über das Verhalten zum Andersgläubigen?" Der Vortrag findet um 8% Uhr Abends in der Lindenstraße 105 bei Damm statt. — Die Promotion eines Blinden fand am Sonnabend in der Aula der Berliner Universität statt. Der Promovent war Ludwig Cohn, über dessen Doktorprüfung hier früher berichtet worden ist. Von den Thesen des Doktoranden wurde die erste, die Erweiterung des gewerblichen Kinderschuhes betreffend, von Fräulein Alice Salomon als Opponentin angegriffen. Die Doktorschrift „Gewerkschaftliche Organisations- und Lohnkampfpolitik der deutschen Metallarbeiter" bildet einen Teil einer größeren Arbeit, die im Verlage von E. Ebering als Heft 22 der rechts- und staatswissenschaftlichen Studien demnächst erscheinen wird. — Der Chef der Firma Alexander Coppel in Solingen, Kommerzienrat Gustav Coppel, feierte heute den Tag, an welchem er vor fünfzig Jahren in das Geschäft seines Vaters eingetreten war. Aus diesem Anlaß stiftete der Jubilar 20000 M. zu einer Unterstützungskasse für Arbeiter und Angehörige der Firma, außerdem wurden verschiedene Vereine mit Geldspenden von insgesamt 6000 M. bedacht. Der Jubilar ist Aeltester der hiesigen Synagogengemeinde. Vakanzen. Cuxhaven. Sem. geb. Rel-L, K., Sch. 600 -700 M. Geh. und fr. Station. Meld. an Herrn I. Scharfstein. — Rheingönheim (Pfalz). K. u. Sch. (ledig), 600 M. Geh., 600 M. Nebeneink. Meld. an Vorst. — Rhoden i. Wald. Rel.-L., K., Sch., 1000 M. Geh., 300 M. Nebeneink. Meld. an H. Hecht.