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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. Seite 687

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 687 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 687. Feuilleton. Ci« friuifiilflifn. Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) Sie nestelte ihren Halsschmuck los, ein Kristallherz an einem schwarzen Sammetbande, befestigte das Pfeifchen an dem Bande und reichte das Herz als Gegengabe dem Freunde, der das Geschenk mit derselben rührenden Naivität, mit der es ihm geboten wurde, auf seiner Brust verbarg. „Gute Nacht, ich danke dirl" „Ich danke dir, gute Nacht!"' Kaum war Postel in's Haus geschlüpft, so rollte der Wagen mit ihren Angehörigen in den Hof. Die Vergnügungszügler kamen in denkbar schlechtester Stimmung zurück. Die Fahrt war das, was man heut im vulgären Leben einen großen Reinfall bezeichnet, gewesen. Der Korb mit den Eßvorräten war bei der Ankunft in Neusalz auf unerklärliche Weise vom Wagen verschwunden; — man hatte im Dorf wenig und schlecht gespeist; die Kinder, gewöhnt mit Postel zu spielen, hatten sich nach der älteren Schwester gebangt und die Mutter viel gequält; zu böser Letzt waren die Reisenden noch auf der Rückfahrt im offenen Wagen von einem Unwetter auf freiem Feld überrascht worden. Müde, verdrießlich setzten sich alle zum Abendbrot, nur Posthuma zeigte ein strahlendes Gesicht, was Robert Herzens Laune womöglich noch mehr verschlechterte. „Was hast du zu Mittag gegessen, Postel?" fragte Babette. „Nichts." „Wie? Nichts?" Postel sah unruhig und beschämt auf ihren Teller. „Hier!" brummte Robert und warf Postel mürrisch ein "Packet Pfefferkuchen zu, „das haben dir deine Schwestern von der Kirmes mitgebracht, obwohl du es wahrlich nicht verdienst". Aschenbrödel, das mit einem jungen Grafen aus silberner Schüssel Erdbeeren und Biskuits gespeist hatte, schob das ordinäre Backwerk bei Seite. „Nun?" „Was ich nicht verdiene, will ich nicht haben." Wütend brach Robert los: „Diese Unverschämte! Sie hatte fein trocken und bequem in der Stube sitzen dürfen, während Eltern und Schwestern bis auf die Haut naß auf der Landstraße vom Sturm geschüttelt wurden". Postel entgegnete nichts; sie ging still zu Bett, und während drinnen im Wohnzimmer der Stiefvater seinem Haß freien Lauf ließ und schimpfte, lag der vielgeschmähte Trotzkopf schon, die Decke hochgezogen bis an die Ohren, und träumte von hohen Bäumen, Marmorgöttern, blonden Grafen und dem Pavillon auf dem blauen See. Von nun an lebte Posthuma ein sonderbares Doppelleben. Im Elternhause gedrückt und geduldet, durch das ewige Schelten des Stiefvaters abgestumpft, beschränkte sie das Zusammensein mit den Ihrigen auf das Allerknappste bei den Mahlzeiten, ja, Postel eilte oft ohne Frühstück zur Schule und schlich sich noch öfter ohne Abendbrot zu Bett, um nur ja die gewonnene Frist mit ihrem neuen Freunde zu verbringen. Babette drückte bei dem immer häufigeren Verschwinden Postels gern ein Auge zu; oft erfand sie selbst, um nur nicht immer das Raisonnieren zu hören, Entschuldigungen für die Abwesende vor ihrem Mann: sie hatte Postel erlaubt, im Garten zu bleiben, oder sie "da und dorthin geschickt. Der junge Graf, gleichfalls sehr viel sich selbst überlassen, erschien zu allen Tageszeiten zur Stelle, sobald die Indianer-Pfeife an der Grenze des Parkes ertönte. Geduckt und vorsichtig durch die Büsche schlängelnd, daß ja keiner der Schloßbediensteten sie gewahre, auf Schleichwegen geleitete Alfred Postel durch das Dickicht, um sie mit Beobachtung von vielen Vorsichtsmaßregeln nach „Robinson Eiland" hinüberzurudern. Beide träumten von Verfolgern, die nur in ihrer Phantasie existierten, sahen Gefahren, die sich niemals ereigneten, und beide schwelgten in Entzücken, daß es ihnen gelungen, ein Geheimnis zu besitzen, das köstliche Geheimnis ihrer Freundschaft, das sie mit einem großen Aufwand von Schlauheit zu verbergen eiferten; denn die Kinder kannten recht gut den Unterschied ihres Standes, und sie wußten es noch besser, daß ihre beiderseitigen Angehörigen ihnen unbarmherzig den Umgang verbieten würden, der für den jungen Grafen und Posthuma jetzt den poetischen Inhalt ihres unschuldigen Lebens ausmachte. Die Zuneigung des jungen Grafen zu Postel war so groß, daß sie seine angeborene Antipathie gegen die Schulwiffenschaften besiegle; er lernte jetzt eifrig seine Lektionen, um nur desto schneller von seinem Präzeptor loszukommen, der, entzückt über die unerwarteten Fortschritte seines Schülers, diesen in seinen Freistunden herzlich gern seinem Vergnügen überließ: Posthuma aber brachte der Freundschaft ein weit größeres Opfer: sie überwand sogar ihre Eitelkeit, die sie unzählige Male aufstachelte, vor den Schulkameradinnen mit ihrem vornehmen Freunde zu prahlen; aber eingedenk jenes furchtbaren Eides: „bei den Sternen der Nacht — bei dem Feuer der Wacht" — verzichtete das schlaue kleine Geschöpf auf einen billigen Triumph, und schwieg klüglich aus Furcht, wie Elsa von Brabant ihren Schwanenritter zu verlieren. . . Wieder war es ein Sonntag, ein Juni-Sonnentag, hell und goldig, und die Verschworenen saßen in ihrem Pavillon auf dem See. „Wie hast du dich frei machen können?" fragte Alfred, der, ein Zeichenheft auf den Knien, sehr sorgsam nach einer Vorlage, die auf dem Tische an Bücher angelehnt stand, zeichnete; „ich habe den Wagen mit deinen Ellern und Schwestern am Schloß vorüberfahren sehen; ich hatte beinahe Angst, du könntest mit darinnen sitzen!" Postel kniete Alfred gegenüber auf der Truhe, sie schmauste von einem echten Sevresteller Riesenkirschen und bombardierte das Wassergeflügel mit den Kernen, so daß das Enten- und Hühnervolk fauchend von dannen zog. „Wie ich mich frei gemacht habe? Ich habe den Rauchstander meines Vaters umgeworfen. O, Papa hat sich erregt! Er erklärte sofort, ich dürfe nicht mit nach Grünberg. Wenn er erst wüßte, daß ich es absichtlich getan!" „O, Posthuma!" „Ist es dir nicht recht? Wenn ich immer bitte, ob ich nicht zu Haus bleiben dürfe, so merkt Papa was, und ich müßte gerade mitfahren. Dann hättest du sehen können, wo du mit deinem trojanischen Krieg geblieben wärest!" Alfred seufzte. „Es ist sehr unrecht von mir, daß ich mir wieder habe meinen Aufsatz von dir machen lassen!" „Ach Unsinn! Du machst mir meine Zeichnung und meine Rechenaufgaben dafür, da dächt' ich, hast du genug zu tun. Es kommt nicht darauf an, was man arbeitet, sondern, daß man überhaupt arbeitet." „Ja, du weißt für alles eine Ausrede. Du bist viel klüger als ich, wirklich klüger." „Sage lieber durchtriebener. Aber wer, wie ich, oft für

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